Immer mehr ukrainische Soldaten werden spielsüchtig
An der Front kämpfen ukrainische Soldaten nicht nur gegen den Feind. Immer mehr verfallen dem Glücksspiel, um den Kriegsalltag zu vergessen.

Das Wichtigste in Kürze
- Ukrainische Soldaten greifen im Kriegsalltag vermehrt zum Glücksspiel.
- Viele verspielen ihren Sold und teils sogar ihre Ausrüstung.
- Die Armeeführung schweigt das Problem tot.
Seit über vier Jahren kämpft der ukrainische Soldat Andriy an der Front. Wie viele seiner Kameraden sucht er einen Ausweg aus dem erdrückenden Kriegsalltag. Er hat ihn gefunden, doch er ist gefährlich: Glücksspiel.
Handy als Einfallstor
Andriy ist nicht sein richtiger Name. Der Mittfünfziger möchte anonym bleiben. Seine Spielsucht hatte er bereits vor 15 Jahren entwickelt, kam davon los, doch in der Truppe kam der Rückfall.
Gegenüber der deutschen «Tagesschau» sagt er: «Du denkst nur noch an das Spielen, Es zieht dich immer weiter hinein. Irgendwann merkst du, dass dein Leben nur noch daraus besteht.»
In seiner Einheit herrsche ein strenges Regiment. «Wir können unser Gelände nicht oft verlassen, wir verbringen hier 90 Prozent unserer Zeit, Jahr für Jahr.» Das Smartphone wird zum einzigen Ausweg und damit zur Falle.
Stärke nach aussen, Zerfall nach innen
Psychologin Tetiana Synitska, die Spielsüchtige therapiert, erklärt das Problem gegenüber der Sendung so: Zivilisten könnten ins Kino gehen, Freunde treffen, ein Buch lesen. Soldaten an der Front haben diese Möglichkeiten nicht.
«Glücksspiele sind leicht zugänglich, direkt auf dem Smartphone verfügbar. Sie reduzieren Spannung und lenken von der Realität ab», so Synitska.
Wie viele Soldaten betroffen sind, ist nicht bekannt. Dass Militärangehörige häufiger als Zivilisten Online-Glücksspiele nutzen, gilt laut Synitska jedoch als Tatsache.
Propaganda-Falle für die Armeeführung
Schon 2024 startete Frontsoldat Pawlo Petrytschenko eine Petition, um den Zugang von Soldaten zu Glücksspielplattformen einzuschränken. Binnen Stunden kamen 25'000 Unterschriften zusammen.
Nun handelt die Regierung: Militärangehörige sollen sich künftig nicht mehr auf entsprechenden Plattformen anmelden können.
Doch ob das reicht, bezweifelt Andriy. Er selbst habe auf ausländischen Plattformen gespielt und mit Kryptowährungen bezahlt, um Sperren zu umgehen.

Zudem warnt die stellvertretende Digitalministerin Natalja Denikejewa vor einem weiteren Risiko: Russland könnte hinter einem Teil der illegalen Casinos stecken. Soldaten, die dort spielen, geben persönliche Daten preis, was die Verteidigungsfähigkeit gefährden könnte.
Andriy hat sich inzwischen in Therapie begeben. Er hofft, die Sucht bald ganz überwunden zu haben.















