Hat Russland den Ukraine-Krieg schon gewonnen?
Trump kommt Putin entgegen, die Ukraine kämpft mit Starlink-Einschränkungen. Hat Russland den Krieg gewonnen? Zwei Experten widersprechen.

Das Wichtigste in Kürze
- Trump kommt Russland entgegen, während die Ukraine militärisch unter Druck steht.
- Für zwei Osteuropa-Experten ist ein russischer Sieg dennoch keineswegs ausgemacht.
- Sie erwarten weitere Angriffe und warnen vor einem aufgezwungenen Frieden.
Russische Raketen treffen Kiew, während über neue Friedensgespräche verhandelt wird.
Bei den Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt wurden am Donnerstag nach Behördenangaben mindestens zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt.
Politisch erhält Wladimir Putin derweil Rückenwind aus Washington. US-Präsident Donald Trump hat neue Russland-Sanktionen ausgesetzt und einen Deal zum Import von russischem Diesel angekündigt.
Die Ukraine kämpft zudem mit Einschränkungen bei der Satellitenkommunikation für ihre Drohnen.

Und nun bekräftigt Wolodymyr Selenskyj seine Bereitschaft, die Kämpfe entlang der aktuellen Front einzufrieren. Im Interview mit «Fox News» erklärte der ukrainische Präsident, damit könne ein Weg zum Kriegsende entstehen. Dafür fordert er Sicherheitsgarantien.
Hat Putin damit gewonnen?
«Nein, das lässt sich derzeit so nicht belegen», sagt Marcel Hirsiger auf Anfrage von Nau.ch. Er ist Osteuropa-Experte und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie Senior Fellow am Swiss Institute for Global Affairs.
«Trump ist zu einem Handlanger Putins geworden»
Hirsiger unterscheidet zwischen dem Schlachtfeld und der Diplomatie. Im Osten der Ukraine sei die Lage seit längerem festgefahren. Gleichzeitig könne die Ukraine mit Drohnenangriffen gegen die russische Wirtschaft weiterhin namhafte Erfolge erzielen.
Politisch habe Moskau seine Position hingegen verbessert, insbesondere durch den Kurs der USA. Hirsigers Urteil fällt scharf aus: «Trump ist zu einem Handlanger und Erfüllungsgehilfen Putins geworden.»
Auch die europäischen Staaten dürften nicht abgeschrieben werden, betont Hirsiger. Entscheidend werde sein, wie sich die EU und die «Koalition der Willigen» nun positionierten.
«Niemand will die Verantwortung übernehmen»
Besonders empfindlich treffen die Ukraine die Einschränkungen beim Satellitendienst von Elon Musks Firma SpaceX.
Dabei geht es nicht um eine vollständige Abschaltung von Starlink. Betroffen sind militärische Anwendungen, insbesondere über den Dienst Starshield: Geschwindigkeitsbeschränkungen behindern Angriffs- und Abfangdrohnen.
«Die Starlink Drosselungen treffen die Ukraine hart», erklärt Ulrich Schmid, Osteuropa-Experte an der Universität St. Gallen, gegenüber Nau.ch.
Dass aus Washington widersprüchliche Angaben kommen, überrascht ihn nicht. Trump und Musk müssten auf die russlandkritische öffentliche Meinung in den USA Rücksicht nehmen. Schmid: «Niemand will die Verantwortung übernehmen.»
Hirsiger verweist zudem auf die Bedeutung amerikanischer Nachrichtendienstinformationen. Fehlende Warnungen vor russischen Raketenstarts erschwerten es der Ukraine, ihre Bevölkerung rechtzeitig zu schützen.
Hier gab es zuletzt allerdings wieder Bewegung: Laut Selenskyj liefern die USA nach den Gesprächen in Oslo erneut Informationen über russische Raketenangriffe. Die zeitweisen Unterbrechungen bleiben damit ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für Kiew.
Selenskyjs Angebot ist keine neue Kehrtwende
«Selenskyi hat ja schon 2025 vorgeschlagen, den Krieg an der Frontlinie einzufrieren», hält Schmid fest. Putin habe das immer abgelehnt.
Der Kremlchef fürchte ein «Überwinterungsszenario»: Die Ukraine könnte eine solche Waffenruhe überstehen und nach seiner Präsidentschaft die besetzten Gebiete zurückfordern.
«Putin will als ‹Sammler der russischen Erde› in die Geschichte eingehen», sagt Schmid. Ein blosses Einfrieren würde seine territorialen Ambitionen deshalb nicht dauerhaft absichern.
Auch Hirsiger sieht das Problem auf russischer Seite. Die Ukraine sei zu grossen Kompromissen bereit. Moskau rücke dagegen nicht von seinen Maximalforderungen ab.
Putin fehlen Soldaten für seine Ziele
Schmid: «Trumps Hebel gegenüber der Ukraine wird immer kürzer seit er die direkte Militärhilfe kurz nach seinem Amtsantritt ausgesetzt hat.»
Deshalb könne es sich Selenskyj erlauben, weiterhin russische Raffinerien anzugreifen, so der Experte.

Und auch Putin kann militärisch nicht beliebig nachlegen. «Sein Hauptproblem bleiben die Bodentruppen», erklärt der Experte. Der russische Präsident scheue eine neue Mobilisierung.
«Ohne neue Soldaten kann er aber seine territorialen Ziele in der Ukraine nicht erreichen.»
Weitere Angriffe statt rascher Frieden?
Diplomatisch könnte es im November weitergehen: Nach Putins Treffen mit US-Unterhändler Steve Witkoff erklärte sich Moskau grundsätzlich zu neuen Gesprächen bereit.
Schmid erwartet für die kommenden Wochen und Monate vielmehr verstärkte russische Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Energieversorgung.
Hirsiger hält einen für beide Seiten akzeptablen Verhandlungsfrieden unter den gegenwärtigen Bedingungen für unrealistisch. Er warnt, der amerikanische Druck könne stattdessen zu einem «Diktatfrieden» führen.



















