Experte: Junge geben Boomern Schuld an Problemen – zu Recht?
Nach den Krawallen in Frankreich stellt sich die Frage: Sind die Proteste in erster Linie ein Generationen-Konflikt?

Das Wichtigste in Kürze
- Laut einem Generationenforscher treffen politische Versäumnisse der älteren Generationen junge Menschen besonders hart.
- Aber: Die Proteste in Frankreich lassen sich nicht auf einen Generationenkonflikt reduzieren, sagt er.
Brennende Autos, geplünderte Läden, verletzte Polizisten: In Frankreich eskalierten in den letzten Tagen Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem.
Viele Junge haben die Nase voll. Doch wer trägt die Verantwortung für teure Wohnungen, marode Schulen und fehlende Perspektiven? Die Boomer?
Generationenforscher Rüdiger Maas sieht durchaus Fehler bei den Älteren.
Junge geben den Boomern die Schuld
Auf Anfrage von Nau.ch listet er Versäumnisse in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, bei der Bildungsfinanzierung und auf dem Wohnungsmarkt auf. Auch beim Klima und der wachsenden Ungleichheit sei zu wenig passiert.

«Die Probleme wurden über Jahrzehnte nicht abgestellt», erklärt Maas. «Also ergibt sich aus der Sicht junger Menschen, dass diese Versäumnisse den ‹Boomern› anzulasten sind.»
Die Älteren haben an der Urne das Sagen
Hinzu kommt: Ältere Wähler dominierten in vielen Demokratien zahlenmässig. Die Anliegen der Jungen würden dadurch oft übersehen, so der Forscher.
Richtet sich die Wut auf Frankreichs Strassen also gegen die ältere Generation? Maas bremst: «Der Ursprung ist viel mehr sozial-ökonomischer Natur.»
Überfüllte Schulen, unbezahlbarer Wohnraum und wachsende Ungleichheit träfen junge Menschen besonders hart.
Diese Probleme seien jedoch nicht grundsätzlich altersspezifisch. Vielerorts demonstrieren daher auch ältere Menschen mit, betont er.
So auch in Frankreich: Neben Schülern und Studierenden gingen am Samstag unter anderem Gewerkschaften, Landwirte und die Gelbwesten-Bewegung auf die Strasse. Sie forderten bessere öffentliche Leistungen und ein bezahlbares Leben.
Marode Schulen und «Free Palestine»
«Am Ende ist es vielerorts mehr eine Demonstration gegen den Ist-Zustand», erklärt Maas.
Durch Gruppendynamiken schlössen sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zusammen. Dann gehe es gleichzeitig um marode Schulen, teure Lebensmittel und «Free Palestine».
Maas betont zudem: Der Protest ist weniger zielgerichtet, als er oft dargestellt wird.
Junge wollen mitreden – Ältere hören nicht hin
Ein Stück weit gehöre Rebellion zum Erwachsenwerden, erklärt der Forscher. Protest sei für viele Jugendliche ein Teil ihrer politischen Sozialisation. Maas verweist auf die 68er-Bewegung und Fridays for Future.
«Junge Menschen haben heute aber insgesamt mehr Bildung, Möglichkeiten und Zugang zu Informationen.»

Entsprechend stärker fühlten sie sich berechtigt, gesellschaftliche Debatten mitzugestalten. Viele ältere Menschen ignorierten diesen Anspruch jedoch weiterhin.
Ob aus dem Protest eine nachhaltige politische Bewegung entstehe, liege am Umgang mit den Problemen. Nicht am Alter der Demonstrierenden.
Klare Worte zu den Krawallen
Maas fordert, die aktuelle Protestwelle als Signal für tief sitzende Probleme ernst zu nehmen. Stattdessen werde nun über Zuwanderung und fehlende Integration diskutiert, kritisiert er.
Für die Gewalt auf Frankreichs Strassen hat der Forscher deshalb aber kein Verständnis. Sinnvolle Kritik sei ein Zeichen politischen Bewusstseins. Gewalttätige Ausschreitungen verurteilt er aber.




















