Die Trockenheit ist in ganz Europa ein Problem

Stephan Felder
Stephan Felder

Norwegen,

Trockenheit ist längst nicht nur ein Problem der Schweiz. In ganz Europa nehmen Dürren und ihre Folgen zu. Mit Folgen für Mensch und Natur.

Trockenheit
Ausgetrocknete Flüsse, verdorrte Felder: Ganz Europa leidet unter der gewaltigen Dürre. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Europas Trockenheit trifft vor allem Zentral- und Osteuropa.
  • Hohe Temperaturen lassen Böden schneller austrocknen.
  • Landwirtschaft und Wasserversorgung geraten zunehmend unter Druck.

Wer an Norwegen denkt, denkt an Fjorde, Berge und Meer. Vielleicht auch an die zahlreichen Flüsse oder Seen im skandinavischen Land.

Aber Trockenheit? Würde man mit Norwegen nicht zwingend in Verbindung bringen. Nach zwei Wochen Ferien im hohen Norden lässt sich aber sagen: Auch in Südnorwegen ist es aktuell trocken.

So trocken, dass der Besitzer einer besuchten Elchfarm meinte: «Ich mache jeden Abend einen Regentanz und schicke ein Stossgebet in Richtung Himmel.»

Elch
In Südnorwegen können die Elche derzeit nur auf wenig saftiges Gras hoffen. - Nau.ch

Das geplante Lagerfeuer im Elchfarm-Camp jedenfalls musste gestrichen werden. Absolutes Feuerverbot in Südnorwegen, wie man es in diesen Tagen auch aus der Schweiz kennt.

Die aktuelle Dürre ist also nicht auf die Schweiz oder den Mittelmeer-Raum beschränkt. Auch Nordeuropa leidet.

Wo ist es überall (zu) trocken? Und was bedeutet das für die Zukunft von Europa als Kontinent? Nau.ch hat nachgefragt.

Zentral- und Osteuropa besonders betroffen

«Die momentane Trockenheit ist insbesondere in Zentral- und Osteuropa ausgeprägt», ordnet Manuela Brunner die Lage für Nau.ch ein.

Brunner ist Professorin für Hydrologie und Klimafolgen an der ETH Zürich und dem WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Skandinavien sei grundsätzlich weniger betroffen. Die Beobachtung aus den Ferien ist dennoch nicht falsch, sie lässt sich aber nicht auf ganz Nordeuropa übertragen.

Vor allem im Norden von Norwegen und Schweden sind die Niederschläge in diesem Jahr im üblichen Rahmen ausgefallen. Im Süden Skandinaviens ist es dagegen tatsächlich zu trocken.

Klar ist dagegen: In weiten Teilen Europas ist die Situation noch deutlich angespannter. Besonders in Zentral- und Osteuropa sind die Böden ausgetrocknet. Auch zahlreiche Flüsse führen deutlich weniger Wasser als üblich.

Das hat konkrete Folgen. Sinkende Pegel können den Gütertransport auf Flüssen erschweren und die Produktion von Wasserkraft beeinträchtigen. Gleichzeitig steigt bei trockener Vegetation die Gefahr von Wald- und Flurbränden.

Hitze macht Trockenheit noch schlimmer

Dabei ist nicht zwingend entscheidend, dass weniger Regen fällt. Ein wichtiger Faktor sind die hohen Temperaturen.

Denn je wärmer die Luft, desto mehr Wasser kann sie aufnehmen. Entsprechend steigt auch die Verdunstung. Böden verlieren schneller Feuchtigkeit, Pflanzen benötigen mehr Wasser und die Trockenheit verschärft sich.

Ein regelrechter Teufelskreis: Die Hitze trocknet den Boden aus. Der trockene Boden wiederum kann weniger Wasser verdunsten. Dadurch fehlt kühlende Feuchtigkeit – und die Temperaturen können weiter steigen.

Trockenheit
Die aktuelle Trockenheit ist eine Katastrophe für die Landwirtschaft. - keystone

Forschende kommen deshalb zum Schluss, dass landwirtschaftliche Dürren durch den Klimawandel in Westeuropa deutlich wahrscheinlicher geworden sind. In Osteuropa ist der Effekt noch ausgeprägter.

Und das könnte erst der Anfang sein. Mit zunehmender Erwärmung könnten solche Trockenperioden häufiger auftreten.

Landwirtschaft besonders unter Druck

Die Folgen bekommen vor allem jene zu spüren, die direkt vom Wasser abhängig sind.

«Zunehmend trockenere Bedingungen haben weitreichende Folgen für die Landwirtschaft, Schifffahrt, Trinkwasserversorgung und andere Sektoren», sagt Brunner.

Besonders sichtbar werden die Folgen in der Landwirtschaft. Fehlt den Pflanzen während entscheidender Wachstumsphasen Wasser, drohen Ernteausfälle. Das kann sich letztlich auch auf die Lebensmittelpreise auswirken.

Macht dir die anhaltende Trockenheit Sorgen?

Auch die Schifffahrt bekommt tiefe Pegelstände zu spüren. Weniger Wasser in den Flüssen kann den Gütertransport erschweren und damit auch die Wirtschaft treffen. Etwa im Rhein.

Bei der Trinkwasserversorgung ist die Lage in vielen europäischen Ländern derzeit noch entspannt. Das bedeutet aber nicht, dass Wasser unbegrenzt zur Verfügung steht.

Für Brunner ist deshalb klar: Die verschiedenen Bereiche müssen sich an die trockeneren Bedingungen anpassen.

Dabei spielt nicht nur der aktuelle Wasserstand eine Rolle. Entscheidend ist auch, wie viel Wasser langfristig in Böden, Seen, Flüssen und im Grundwasser verfügbar bleibt.

Mehr Wasser kann ebenfalls zum Problem werden

Trockenheit ist zudem nicht die einzige Folge des Klimawandels. Denn ein wärmeres Klima kann gleichzeitig zu intensiveren Niederschlägen führen.

«Zu viel Niederschlag in kurzer Zeit kann in allen Teilen Europas zum Problem werden», sagt Brunner. Solche Ereignisse können Hochwasser und Überschwemmungen auslösen.

Das klingt zunächst widersprüchlich: Auf der einen Seite fehlt Wasser, auf der anderen Seite fällt innerhalb kurzer Zeit zu viel davon.

Doch starker Regen kann die zunehmende Trockenheit nicht einfach ausgleichen. Wenn in kurzer Zeit sehr grosse Mengen Wasser fallen, kann ein erheblicher Teil davon nur oberflächlich abfliessen.

Die ausgetrockneten Böden können das Wasser nicht zwangsläufig vollständig aufnehmen und speichern.

Europa muss sich deshalb auf beides einstellen: Längere trockene Phasen und gleichzeitig heftigere Niederschläge.

Wasser sparen wird wichtiger

Was also tun gegen die zunehmende Wasserknappheit?

Brunners Antwort fällt kurz und klar aus: «Den Wasserbedarf reduzieren.»

Bist du bereit, deinen Wasserbedarf zu reduzieren?

Dazu könnten verschiedene Sektoren beitragen. Gefragt sind also nicht nur Privathaushalte, die beim Duschen oder Bewässern Wasser sparen.

Auch Landwirtschaft, Industrie und weitere Bereiche müssen ihren Verbrauch an die veränderten Bedingungen anpassen.

Denn die Frage dürfte künftig nicht nur sein, ob Europa genügend Wasser hat.

Sondern auch, wann, wo und in welcher Form es zur Verfügung steht.

Kommentare

User #3308 (nicht angemeldet)

Warum investiert ein Staat, der so sehr auf Effizienz setzt, Milliarden in Rüstung, während die zivile Infrastruktur (Brücken, Stromnetze, Schienen) in vielen Provinzen auf dem Stand der 1970er Jahre verharrt?

User #4433 (nicht angemeldet)

Die SVP hat seit 2014 keine eigene Volksinitiative mehr an der Urne gewonnen. Die Bilanz unter allen Präsidenten – Brunner, Rösti, Dettling – ist eine reine Abstimmungsniederlagenserie. Die SVP vertritt eine Interessenpolitik, die bei offener Benennung der Fakten nicht mehrheitsfähig wäre. Die semantische Umdefinition ist die Bedingung der Mehrheitsfähigkeit einer Interessenpolitik, die im Widerspruch zur Realität steht.

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