Das Ergebnis der Bundestagswahl in Deutschland hat am Wochenende das vorhergesagte Patt gebracht. Was das jetzt für die künftige Regierung und damit die Politik Deutschlands bedeutet, ist noch nicht klar. Der wichtigste Handelspartner der Schweiz könnte aber moderner und grüner werden.
Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz lachend im Parlament.
Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz lachend im Parlament. - dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • «Ich kann derzeit keine Einschätzung geben, alles ist offen», sagte Ralf Bopp, Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz, auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP.

Die SPD ist neu die stärkste Partei, CDU/CSU hat ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis erfahren. Nun geht es an die Koalitionsverhandlungen.

«Jeder spricht jetzt mit jedem, das wird Wochen dauern, ich hoffe aber nicht Monate», sagte Bopp. In der kurzen Frist wird sich also nicht viel an der deutschen Politik ändern.

Eines ist aber klar: «Königsmacher» sind die Grünen und die FDP. Das sind die Parteien mit der stärksten Position in den Verhandlungen, erklärt Karsten Junius, Chefökonom bei J. Safra Sarasin. Egal ob die nächste Regierung von der SPD oder der CDU getragen wird - diese beiden Parteien werden mit ziemlicher Sicherheit beteiligt sein.

Bei der Credit Suisse werden entsprechend schon munter Farben gemischt. Deren Global Chief Investment Officer Michael Strobaek hält eine «Ampel-Koalition» aus SPD, FDP und Grünen mit Olaf Scholz als Kanzler für den wahrscheinlichsten Ausgang.

Angesichts des sehr knappen Ergebnisses könnte aber auch die CDU/CSU unter Armin Laschet versuchen, eine Regierung zu bilden. Am wahrscheinlichsten wäre in diesem Fall eine «Jamaika-Koalition» aus CDU/CSU, Grünen und FDP. Eine Neuauflage der «grossen Koalition» aus SPD und CDU/CSU komme indes kaum in Frage.

Wer auch immer an die Macht kommt: Die neue Koalition wird am ehesten eine «Politik der Mitte» verfolgen, denkt Strobaek. Dass FDP und die Grünen bei den Koalitionsverhandlungen ein gewichtiges Wort mitreden werden, spricht laut Junius nicht aber nur für wirtschaftliche Stabilität. Auch der ökologische Wandel dürfte in Deutschland ein grösseres Gewicht erhalten.

Der Klimawandel und die Digitalisierung sind die Bereiche, in die eine neue Regierung am meisten investieren wird, denkt auch Dean Turner vom UBS Global Wealth Management. «Deutschland wird sich dementsprechend wandeln und modernisieren», sagt Karsten Julius voraus. Angesichts der starken Verflechtung der beiden Volkswirtschaften werde auch die Schweiz davon profitieren.

Entsprechend stehen in Deutschland zu Wochenbeginn Unternehmen mit Fokus auf Windkraft und Erneuerbare Energien in der Gunst der Anleger. Titel wie Nordex, Siemens Energy und auch der Wind- und Solarparkbetreiber Encavis ziehen an, weil die Grünen auf eine forschere Klimapolitik drängen. Gleichzeitig notiert auch der deutsche Leitindex DAX im Plus, weil seit diesem Wochenende ein Linksbündnis ausgeschlossen werden kann.

Bleibt noch die Frage, wie die nächste deutsche Regierung die erwarteten Zusatzaufgaben für die Dekarbonisierung bestreiten wird. Denn mit der FDP an der Seite kommen Steuererhöhungen nicht in Frage. Es kann laut Strobaek damit von etwas höheren Haushaltsdefiziten in Deutschland ausgegangen werden.

Die steigende Wahrscheinlichkeit, dass die nächste deutsche Regierung eine lockerere Fiskalpolitik verfolgen wird, hat bereits einen Anstieg der Renditen deutscher Anleihen nach sich gezogen. Gleichzeitig könnte sich die neue deutsche Regierung für einen stärkeren Zusammenhalt in Europa einsetzen, denkt Strobaek. Eine stärkere Integration und etwas höhere Renditen würden auch dem Euro helfen.

Bei der Wahl 2017 dauerte es im Februar 2018, bis eine Regierung in Deutschland stand. Angela Merkel könnte also - nach diesem Massstab - vielleicht noch eine Weile im Amt bleiben müssen, bis ihr Nachfolger ernannt ist. Immerhin sind sich die Kontrahenten im Kampf ums Kanzleramt einig: Die neue deutsche Regierung solle noch vor Weihnachten stehen. Merkel soll nicht noch einmal die traditionelle Neujahrsansprache halten müssen.

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