Bunsenbrenner und Hammer: Folterprozess gegen Familie
Bunsenbrenner, Rohrzangen und Hammer als Folterwerkzeuge: Die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen eine Familie aus Salzgitter in Norddeutschland erhebt, sind nur schwer zu ertragen.

Über Jahre hinweg sollen vier Angeklagte eine heute 32-jährige Frau geschlagen, gedemütigt, gequält und verstümmelt haben. Am Leid ihres Opfers sollen sie sich immer mehr erfreut und ergötzt haben.
Bei den Beschuldigten handelt es sich um eine 63-jährige Frau und ihren 50-jährigen Ehemann. Zudem richten sich Vorwürfe gegen die 29-jährige Tochter der Frau und ihren 54 Jahre alten Lebensgefährten. Sie sollen das mutmassliche Opfer seit Jahren kennen und freundlich verbunden gewesen sein. Nach einer Trennung sollen sie ihr zunächst geholfen und sie auch aufgenommen haben.
Laut Anklage änderte sich das Verhältnis aber irgendwann. Aus ersten Schlägen entwickelten sich Gewaltexzesse, die das gebrochene Opfer aus Angst vor weiteren Taten irgendwann einfach über sich habe ergehen lassen.
Als Grund für die massiven Misshandlungen reichte den Angeklagten laut Staatsanwaltschaft oft eine Verspätung oder auch nur eine falsche Antwort. Die mutmasslichen Taten sollen die Beschuldigten teils gefilmt und untereinander geteilt haben.
Nach den Schilderungen der Ermittler half die junge Frau aus Dankbarkeit in den Haushalten mit. Aus Mangel an anderen Sozialkontakten und einer eigenen Unselbstständigkeit sei die Geschädigte den beiden Frauen schnell hörig geworden. Nach ersten Ohrfeigen sollen die Angeklagten für ihre Sanktionen bald auch Gegenstände wie Baseballschläger, Bunsenbrenner, Zangen, Hammer und Nägel eingesetzt haben, um der Geschädigten massive Schmerzen zuzufügen.
Etwa 50 Tatvorwürfe zählt der Staatsanwalt für den Zeitraum von September 2021 bis März 2026 zum Prozessauftakt auf. Die Beschuldigten sollen es laut Anklage sogar zugelassen haben, dass die kleinen Kinder der 29-Jährigen das Opfer mit einem Hammer schlugen. Unter anderem sollen die Angeklagten auch das Opfer gezwungen haben, sich selbst mit einer Rohrzange Zähne zu ziehen. Auch zu sexualisierter Gewalt soll es gekommen sein.
In 30 Minuten Anklageverlesung zählt der Staatsanwalt weitere schwer zu ertragende Vorwürfe auf. Das Opfer musste ihm zufolge ganze Tassen mit Essig trinken. Der Frau wurde demnach auch Feuerzeuggas ins Gesicht gesprüht. Das heute 32-jährige Opfer war zum Prozessauftakt nicht anwesend. Nur eine Vertreterin der Nebenklage kam in den Saal.
Den Angeklagten wird unter anderem schwere Körperverletzung, teils gemeinschaftlich handelnd, vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Für das Ehepaar kommt nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft auch anschliessende Sicherungsverwahrung in Betracht. Bis auf den 54-jährigen Lebensgefährten sitzen die Angeklagten in Untersuchungshaft.
In Handschellen werden sie zum Prozessauftakt in den grossen Schwurgerichtssaal geführt. Die 63-jährige Angeklagte, eine sehr zierliche Frau in rotem Rollkragenpulli, lässt ihren Anwalt direkt zu Beginn ein Geständnis ankündigen. Im Wesentlichen werde sie die Vorwürfe einräumen und sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sagt ihr Anwalt vor der Strafkammer.
Neben dem Geständnis der 63-Jährigen kündigen ihre Tochter und ihr damaliger Lebensgefährte Einlassungen an. Die 29-jährige Tochter räumt einige Taten ein, widerspricht aber anderen Darstellungen der Anklage. An einiges könne sie sich schlicht nicht erinnern. Für ihren Lebensgefährten kündigt der Anwalt ein umfassendes Geständnis an.
Der Ehemann der 63-Jährigen will sich schweigend verteidigen. Laut Staatsanwaltschaft ist der 50-Jährige bereits in der Vergangenheit unter anderem wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.
«Ich kann es nicht erklären», sagt die 29-jährige Angeklagte, die als erste Fragen des Gerichts beantwortet. Es habe schon eine andere Qualität, wenn man es zulasse, dass Kinder ein bereits blutendes Opfer schlagen, beschreibt der Richter. «Das hätte nicht passieren dürfen», antwortet die Frau.
Die Frage, wie die mutmassliche jahrelange Folter in Salzgitter bekanntwurde, will eine Gerichtssprecherin nicht beantworten. Nach Berichten der «Braunschweiger Zeitung» soll es das Opfer irgendwann geschafft haben, sich mit Unterstützung an die Polizei zu wenden. Seit März 2026 sitzen drei der Angeklagten in Untersuchungshaft.
Im März hatte zunächst der Norddeutsche Rundfunk (NDR) über die Foltervorwürfe gegen Mitglieder einer Familie aus Salzgitter (Niedersachsen) berichtet. Das zuständige Amtsgericht habe Haftbefehle gegen die drei Personen erlassen, teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig damals mit. Für den Prozess sind 19 Verhandlungstermine mit zahlreichen Zeugen und mehreren Gutachtern bis Anfang März 2027 angesetzt.










