Berlin zählt erstmals Obdachlose
An Kreuzungen, unter Brücken, in Gebüschen: Gefühlt hat die Zahl der Obdachlosen in Berlin in den vergangenen Jahren zugenommen. Jetzt werden sie gezählt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die deutsche Hauptstadt zählt erstmals seine Obdachlosen.
- Ziel sei es, bessere und passgenaue Hilfsangebote zu entwickeln.
- Für die Zähl-Aktion «Nacht der Solidarität» haben sich über 3700 Freiwillige gemeldet.
Es ist eine Premiere bundesweit: In Berlin werden zum ersten Mal systematisch Obdachlose auf den Strassen gezählt. «Ich hoffe sehr, dass wir hier auch einen Stein ins Rollen bringen für Deutschland.»
Dies sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach am Mittwochabend vor dem Start der von ihr angestossenen Aktion. Sie hoffe auf Nachahmer in anderen Städten. Ziel ist es, bessere und passgenauere Hilfsangebote zu schaffen.
Über 3700 Freiwillige
An der Zählung in Berlin unter dem Titel «Nacht der Solidarität» wollten sich zwischen 22.00 und 1.00 Uhr insgesamt mehr als 3700 Freiwillige beteiligen. Geplant war, dass sie in mehr als 600 Teams auf festgelegten Routen durch die zwölf Bezirke laufen: in der Innenstadt durch jede Strasse, in weitläufigen Aussenbezirken vor allem zu Hotspots.

Obdachlose sollten nicht nur gezählt, sondern nach Möglichkeit auch zu ihrer Situation und Herkunft befragt werden. Die standardisierten Worte zur Gesprächseinleitung auf einem Infoblatt für Helfer sind gegeben.
«Schlafen Sie auf der Strasse?» und «Sind Sie einverstanden, dass wir Ihnen jetzt unsere Fragen stellen?» Wer nicht gefunden werden wolle, den werde man auch nicht suchen. Niemand solle von der Strasse vertrieben werden, betonte die Sozialverwaltung.
Zwischen 6000 und 10'000 Obdachlose werden vermutet
Ergebnisse sollen am 7. Februar vorliegen. Berlin folgt mit dem Pilotprojekt dem Vorbild von Städten wie Paris und New York. Bisher gibt es zur Lage in der deutschen Hauptstadt lediglich grobe Schätzungen:
Angenommen werden 6000 bis 10'000 Obdachlose, bei vermutlich steigender Tendenz in den vergangenen Jahren. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben bundesweit 41'000 Menschen im Laufe eines Jahres ohne jede Unterkunft auf der Strasse.

Sie gehe zwar nicht davon aus, dass tatsächlich sämtliche Obdachlose in der Stadt gezählt werden könnten, schränkte Breitenbach ein. Am Ende sei man dennoch einen Schritt weiter. Ziel sei eine langfristige Statistik, «das wird nicht die letzte Zählung sein.» Alle anderthalb bis zwei Jahre circa sei eine Wiederholung denkbar.
Es gibt aber auch Kritiker: Die Zählung stelle keine direkte Hilfe dar, auch mehr Wohnungen würden damit nicht geschaffen. «Wohnungen statt Zählungen», ist der Titel einer Protestkundgebung. Unter Obdachlosen scheinen die Meinungen auseinanderzugehen - während manche die Zuwendung schätzen, bangen andere um ihre Verstecke.












