Wolkenkratzer-Kletterer auf Netflix: Stürzt er ab, schauen alle zu
Eine sportliche Grenzerfahrung – und zugleich ein Spiel mit dem Absturz. Netflix überträgt Ende Januar einen seilfreien Wolkenkratzer-Aufstieg live.

Das Wichtigste in Kürze
- Der US-Kletterer Alex Honnold will Ende Januar ein 508 Meter hohes Bauwerk erklimmen.
- Der Streamingdienst Netflix wird das Ereignis live übertragen.
- Das sorgt für Kritik: Wie weit darf Unterhaltung gehen, wenn sie mit dem Tod spielt?
Jeder Griff, jeder Tritt könnte der letzte sein. Am kommenden Samstag können Zuschauer dieses Risiko in Echtzeit vom Wohnzimmer aus verfolgen.
Denn: Um zwei Uhr morgens will Netflix live übertragen, wie der US-Kletterer Alex Honnold ohne Sicherung ein Gebäude erklimmt. Taipei 101 heisst seine Kletterwand, ein 508 Meter hohes Bauwerk mit 101 Stockwerken in Taiwan.
Die Oberfläche von einem der höchsten Wolkenkratzer weltweit besteht aus Glas und Stahl. Das bietet kaum Reibung. Jeder Fehltritt würde tödlich enden – und die Zuschauer können live dabei zusehen.
Alpinist besteigt regelmässig hohe Gebäude
Der US-Amerikaner Honnold ist für seine seilfreien Aufstiege bekannt. Als Free-Solo-Kletterer, also völlig ungesichert, besteigt er regelmässig Gebäude in schwindelerregenden Höhen.
Der Alpinist wurde durch den Oscar-prämierten Dokumentarfilm «Free Solo» bekannt. Darin bezwang er 2017 ungesichert die steilen Wände des El Capitan im Yosemite-Nationalpark.
Honnold sieht sein Vorhaben als persönliche Herausforderung. Doch der lebensgefährliche Livestream sorgt auch für Kritik.
Kritiker: «Ethisch nicht vertretbar»
Sport- und Medienwissenschaftler Thomas Horky sagt gegenüber SRF: «Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar.»
Die Praxis sei aber nicht grundsätzlich verantwortungslos. Honnold sei selbst für sich verantwortlich.
Horky hält jedoch die Live-Übertragung für problematisch. Netflix treibe damit ein Thema auf die Spitze: Nervenkitzel über Verantwortung. «Hier warten wir aber quasi darauf, dass Honnold abstürzt», sagt er.
In der Sportsoziologie wisse man allerdings aus Studien, woher der Drang komme, bei solchen Ereignissen einzuschalten. Man wisse, dass «in einer langweiligen Welt, wo viele nur am Schreibtisch sitzen, solche Events einen kurzen Ausstieg versprechen».
Lebensgefährlicher Livestream ist auch für Netflix neu
Für Netflix selbst ist die Übertragung ein Novum. Zwar hat das Unternehmen mit Live-Inhalten bereits viel Erfahrung. Doch ein solch lebensgefährliches Ereignis stand noch nie im Zentrum.
Die Besteigung des Taipei 101 stellt nicht nur wegen seiner Höhe eine Herausforderung dar. Windböen, glatte Flächen und die Tatsache, dass es nur immer gerade nach oben geht, verlangen höchste Konzentration und Präzision.
Schon der französische Kletterer Alain Robert hat den Turm vor einigen Jahren bestiegen – allerdings mit Sicherung.




















