Überlebender: Mantras im Tunnel rezitiert
Wie ein Kapitän auf einem sinkenden Schiff sah sich der Nepalese Sanjay Sah im Kontrollraum eines von Flutwellen bedrohten Wasserkraftwerks. «Weil ich für den Kontrollraum verantwortlich war, fühlte ich, dass es meine Pflicht ist, andere zu retten», wurde der 30-jährige Vorarbeiter nach seiner Rettung aus einem verschütteten Kraftwerkstunnel von einem Armeesprecher zitiert.

Am Tag der verheerenden Sturzflut in Nepal befanden sich laut Sah 40 bis 45 andere Personen im Kontrollraum des Wasserkraftwerks Upper Trishuli 3A, das sich in der an Tibet grenzenden Provinz Bagmati befindet. Normalerweise seien es nur bis zu sechs, sagte Sah. «Ich konnte sie nicht allein lassen und fliehen», wurde er zitiert. Er rief sie auf, sich in Sicherheit zu bringen. Ihm selbst sei die Zeit ausgegangen. «Ich konnte es nicht mehr nach draussen schaffen.»
Während er im Tunnel festsass, habe er Mantras rezitiert, erzählte Sah laut der Zeitung «The Kathmandu Post» Sanitätern. In seiner Umgebung habe er mit drei oder vier weiteren Personen kommuniziert. Sie hätten miteinander gesprochen oder versucht, Lärm zu machen. Auch äusserte Sah die Vermutung, dass tiefer in den Stollennetzen noch weitere Menschen eingeschlossen sein könnten. «Das könnte ein, nicht jeder hat es geschafft, sich zu retten. Der Tunnel ist sehr lang.»
Neben Sah wurde am Freitag ein weiterer Mitarbeiter von den Rettungsteams lebend geborgen. Es wird vermutet, dass sich noch zahlreiche Menschen in den Stollennetzen von elf verwüsteten Wasserkraftanlagen befinden könnten. Wie viele davon tatsächlich noch in Tunneln oder unterirdischen Kraftwerksgebäuden eingeschlossen sind, ist unbekannt. Nach Angaben des Verbands unabhängiger Stromerzeuger Nepals waren nach der Sturzflut fast 900 Beschäftige der Betreiber nicht erreichbar. Die Zahl könnte jedoch noch deutlich höher liegen. Bisher wurden nur wenige gerettet.










