Krieg

    Flammen in Kiew: Hinter Putins Grossangriff steckt Schwäche

    Stephan Felder
    Stephan Felder

    Ukraine,

    Russland überzieht die Ukraine mit einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn. Experten sehen dahinter Vergeltung und wachsenden Druck auf den Kreml.

    Ukraine
    Eine ukrainische Familie vor ihrem zerstörten Wohnblock in Kiew. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Russland greift die Ukraine mit 500 Drohnen sowie Dutzenden Raketen an.
    • Experten sehen die Angriffe als Reaktion auf erfolgreiche ukrainische Schläge.
    • Russlands Ziel sei weniger ein militärischer Durchbruch als die Zermürbung der Ukraine.

    Russland hat in der Nacht auf Donnerstag eine der schwersten Angriffswellen seit Beginn des Ukraine-Kriegs geflogen.

    Nach ukrainischen Angaben kamen in Kiew mindestens 13 Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt.

    Mehrere Wohnhäuser und ein Hotel wurden zerstört. Landesweit kamen laut dem ukrainischen Militär knapp 500 Drohnen sowie Dutzende Raketen und Marschflugkörper zum Einsatz.

    00:00 / 00:00

    Die Folgen des russischen Angriffs in der Ukraine. - X / @zelenskyyUa

    Angriffe sind «Ausdruck einer Schwäche Russlands»

    Während Moskau erklärt, militärische Ziele getroffen zu haben, sprechen die ukrainischen Behörden von gezielten Angriffen auf Wohngebiete und Zivilisten.

    Doch weshalb lässt Russland die Luftangriffe gerade jetzt eskalieren?

    Osteuropa-Experten Ulrich Schmid von der Hochschule St. Gallen liefert auf Anfrage eine überraschende Antwort: Die massive Offensive sei «Ausdruck einer generellen militärischen Schwäche Russlands».

    Er verweist auf die erfolgreichen ukrainischen Angriffe gegen russische Öl- und Energieanlagen weit hinter der Front. Diese hätten den Krieg inzwischen direkt nach Russland getragen.

    «Bis vor kurzem galt in Russland ein Gesellschaftsvertrag, in dem der Kreml der Bevölkerung zwar die politische Freiheit nimmt. Dafür aber Sicherheit und Stabilität garantiert», sagt Schmid zu Nau.ch.

    «Nun gibt es in Russland keine Freiheit, keine Sicherheit und keine Stabilität mehr.»

    «Prekäre Vergeltungslogik»

    Die Angriffe auf Kiew und andere Städte seien deshalb vor allem Ausdruck einer «prekären Vergeltungslogik». Mit dieser Darstellung versuche der Kreml, von den eigenen Kriegsverbrechen abzulenken.

    Zugleich solle die ukrainische Zivilbevölkerung weiter zermürbt werden. An seinen Kriegszielen halte Präsident Wladimir Putin trotz wachsender wirtschaftlicher Probleme unbeirrt fest.

    Schmid verweist darauf, dass Putin selbst inzwischen die Belastung der russischen Wirtschaft und Probleme bei der Treibstoffversorgung eingeräumt habe.

    Welche Konsequenzen drohen Russland nach dem Angriff?

    Dennoch wolle der Kreml die vier annektierten ostukrainischen Gebiete «buchstäblich um jeden Preis» vollständig erobern. Und denke deshalb derzeit nicht an einen Waffenstillstand.

    Marcel Hirsiger ist Osteuropa-Experte der Fachhochschule Nordwestschweiz und Senior Fellow am Swiss Institute for Global Affairs. Auch er sieht die jüngsten Angriffe als Teil einer neuen russischen Strategie.

    Ukraine-Krieg
    Russland greift gezielt zivile Infrastruktur an, um die ukrainische Bevölkerung zu zermürben. - keystone

    Russland kombiniere inzwischen Hunderte Drohnen mit ballistischen Raketen, um möglichst grossen Schaden an Städten und ziviler Infrastruktur anzurichten.

    Dass die Angriffe zuletzt für einige Tage ausgesetzt wurden, dürfte laut Hirsiger kein Zufall gewesen sein.

    «Russland hat während mehreren Tagen diese Angriffe ausgesetzt und so einen Vorrat an ballistischen Raketen aufgebaut», sagt er. Dieser werde wohl in den kommenden Wochen eingesetzt.

    Ukraine trifft Russland empfindlich

    Hinter den Angriffen stecke das Ziel, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben und die Kriegsmüdigkeit zu verstärken. «Allerdings lässt sich derzeit nicht erkennen, dass dies gelungen wäre», sagt Hirsiger.

    Auslöser der Eskalation seien auch die jüngsten ukrainischen Erfolge. Die Ukraine habe Russland mit Angriffen auf wirtschaftliche und militärische Infrastruktur empfindlich getroffen.

    «Der Krieg hat damit auch die Bevölkerung im eigenen Land erreicht», erklärt Hirsiger. Die russische Führung reagiere darauf mit immer heftigeren Angriffen auf zivile Infrastruktur. Militärische Fortschritte stünden dabei zunehmend im Hintergrund.

    Ukraine
    Zerstörung in Kiew nach den heftigen russischen Angriffen von Donnerstag. - keystone

    «Immer öfter geht es um die Zerstörung der Lebensgrundlagen in der Ukraine», sagt er. So seien in der vergangenen Nacht unter anderem ein Spital und ein Hotel getroffen worden.

    Keine Entscheidung in Sicht

    Trotz der jüngsten Entwicklungen sieht Hirsiger keine Seite kurz vor einem Sieg.

    Zwar setzten die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien sowie Öl- und Gasanlagen der russischen Wirtschaft spürbar zu. Im Donbass hätten jedoch beide Seiten zuletzt kleinere Geländegewinne erzielt.

    «Wir sind weit weg von einer Situation, in der die eine oder andere Seite den Krieg gewinnen würde», sagt Hirsiger.

    Er rechnet damit, dass die Ukraine ihre Langstreckenangriffe weiter intensivieren wird. Russland dagegen wird mit gezielten Eskalationen versuchen, von den eigenen Problemen abzulenken.

    Mehr zum Thema:

    Kommentare

    User #3111 (nicht angemeldet)

    Russland rüstet sich zu Tode – wie einst die Sowjetunion. Der militärisch-industrielle Sektor konsumiert, schafft nichts Neues, bringt der Volkswirtschaft keinen Ertrag. Die meisten Panzer sind aufgearbeitete Sowjetbestände. Und jetzt erreicht die Wirtschaftskrise die Rüstungsunternehmen selbst: volle Auftragsbücher, aber rote Zahlen. Langfristig reisst dieser aufgeblähte Sektor die gesamte russische Volkswirtschaft mit in den Abgrund.

    User #1491 (nicht angemeldet)

    Neue Zahlen zeigen, weshalb Russland den Krieg nicht mehr gewinnen kann. Mehr als zwei Millionen Opfer, kaum noch Geländegewinne und eine Front, die sich in eine Todeszone verwandelt hat: Neue Analysen zeichnen ein düsteres Bild für Russland. Der Kreml kann weiterkämpfen – doch ob er den Krieg so noch gewinnen kann, ist fraglicher denn je.

    Weiterlesen

    Kiew
    104 Interaktionen
    Ukraine-Krieg
    putin ukraine moskau
    41 Interaktionen
    Kreml-Chef
    26 Interaktionen
    Washington

    MEHR IN NEWS

    Bellinzona
    Für Ex-SBB-Kadermann
    2 Interaktionen
    New York
    1 Interaktionen
    Bern

    MEHR KRIEG

    Iran-Krieg
    21 Interaktionen
    Tel Aviv
    Sudan Genf
    4 Interaktionen
    Genf
    a
    Tennis-Wirbel
    Uno
    4 Interaktionen
    Genf

    MEHR AUS UKRAINE

    Wolodymyr Selenskyj Ukraine starlink
    43 Interaktionen
    Vorwürfe
    oleschky
    30 Interaktionen
    Waffenruhe gilt
    18 Interaktionen
    In Kiew