Flammen in Kiew: Hinter Putins Grossangriff steckt Schwäche
Russland überzieht die Ukraine mit einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn. Experten sehen dahinter Vergeltung und wachsenden Druck auf den Kreml.

Das Wichtigste in Kürze
- Russland greift die Ukraine mit 500 Drohnen sowie Dutzenden Raketen an.
- Experten sehen die Angriffe als Reaktion auf erfolgreiche ukrainische Schläge.
- Russlands Ziel sei weniger ein militärischer Durchbruch als die Zermürbung der Ukraine.
Russland hat in der Nacht auf Donnerstag eine der schwersten Angriffswellen seit Beginn des Ukraine-Kriegs geflogen.
Nach ukrainischen Angaben kamen in Kiew mindestens 13 Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt.
Mehrere Wohnhäuser und ein Hotel wurden zerstört. Landesweit kamen laut dem ukrainischen Militär knapp 500 Drohnen sowie Dutzende Raketen und Marschflugkörper zum Einsatz.
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Angriffe sind «Ausdruck einer Schwäche Russlands»
Während Moskau erklärt, militärische Ziele getroffen zu haben, sprechen die ukrainischen Behörden von gezielten Angriffen auf Wohngebiete und Zivilisten.
Doch weshalb lässt Russland die Luftangriffe gerade jetzt eskalieren?
Osteuropa-Experten Ulrich Schmid von der Hochschule St. Gallen liefert auf Anfrage eine überraschende Antwort: Die massive Offensive sei «Ausdruck einer generellen militärischen Schwäche Russlands».
Er verweist auf die erfolgreichen ukrainischen Angriffe gegen russische Öl- und Energieanlagen weit hinter der Front. Diese hätten den Krieg inzwischen direkt nach Russland getragen.
«Bis vor kurzem galt in Russland ein Gesellschaftsvertrag, in dem der Kreml der Bevölkerung zwar die politische Freiheit nimmt. Dafür aber Sicherheit und Stabilität garantiert», sagt Schmid zu Nau.ch.
«Nun gibt es in Russland keine Freiheit, keine Sicherheit und keine Stabilität mehr.»
«Prekäre Vergeltungslogik»
Die Angriffe auf Kiew und andere Städte seien deshalb vor allem Ausdruck einer «prekären Vergeltungslogik». Mit dieser Darstellung versuche der Kreml, von den eigenen Kriegsverbrechen abzulenken.
Zugleich solle die ukrainische Zivilbevölkerung weiter zermürbt werden. An seinen Kriegszielen halte Präsident Wladimir Putin trotz wachsender wirtschaftlicher Probleme unbeirrt fest.
Schmid verweist darauf, dass Putin selbst inzwischen die Belastung der russischen Wirtschaft und Probleme bei der Treibstoffversorgung eingeräumt habe.
Dennoch wolle der Kreml die vier annektierten ostukrainischen Gebiete «buchstäblich um jeden Preis» vollständig erobern. Und denke deshalb derzeit nicht an einen Waffenstillstand.
Marcel Hirsiger ist Osteuropa-Experte der Fachhochschule Nordwestschweiz und Senior Fellow am Swiss Institute for Global Affairs. Auch er sieht die jüngsten Angriffe als Teil einer neuen russischen Strategie.

Russland kombiniere inzwischen Hunderte Drohnen mit ballistischen Raketen, um möglichst grossen Schaden an Städten und ziviler Infrastruktur anzurichten.
Dass die Angriffe zuletzt für einige Tage ausgesetzt wurden, dürfte laut Hirsiger kein Zufall gewesen sein.
«Russland hat während mehreren Tagen diese Angriffe ausgesetzt und so einen Vorrat an ballistischen Raketen aufgebaut», sagt er. Dieser werde wohl in den kommenden Wochen eingesetzt.
Ukraine trifft Russland empfindlich
Hinter den Angriffen stecke das Ziel, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben und die Kriegsmüdigkeit zu verstärken. «Allerdings lässt sich derzeit nicht erkennen, dass dies gelungen wäre», sagt Hirsiger.
Auslöser der Eskalation seien auch die jüngsten ukrainischen Erfolge. Die Ukraine habe Russland mit Angriffen auf wirtschaftliche und militärische Infrastruktur empfindlich getroffen.
«Der Krieg hat damit auch die Bevölkerung im eigenen Land erreicht», erklärt Hirsiger. Die russische Führung reagiere darauf mit immer heftigeren Angriffen auf zivile Infrastruktur. Militärische Fortschritte stünden dabei zunehmend im Hintergrund.

«Immer öfter geht es um die Zerstörung der Lebensgrundlagen in der Ukraine», sagt er. So seien in der vergangenen Nacht unter anderem ein Spital und ein Hotel getroffen worden.
Keine Entscheidung in Sicht
Trotz der jüngsten Entwicklungen sieht Hirsiger keine Seite kurz vor einem Sieg.
Zwar setzten die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien sowie Öl- und Gasanlagen der russischen Wirtschaft spürbar zu. Im Donbass hätten jedoch beide Seiten zuletzt kleinere Geländegewinne erzielt.
«Wir sind weit weg von einer Situation, in der die eine oder andere Seite den Krieg gewinnen würde», sagt Hirsiger.
Er rechnet damit, dass die Ukraine ihre Langstreckenangriffe weiter intensivieren wird. Russland dagegen wird mit gezielten Eskalationen versuchen, von den eigenen Problemen abzulenken.



















