Bayreuth sagt «Nein» zum Rechtsruck
Zu ihrem 150-jährigen Bestehen stellen die Bayreuther Festspiele sich entschieden gegen einen Rechtsruck in Politik und Gesellschaft. Es gehe darum, «hier Nein zu sagen» gegen Rassismus, Chauvinismus und eine Verharmlosung der Geschichte, sagte Festspiel-Leiterin Katharina Wagner beim Festakt zum Jubiläum. Dies gelte vor allem «wegen der sehr persönlichen Verknüpfung» ihrer Familie mit dem NS-Regime unter Adolf Hitler.

«Die Bayreuther Festspiele waren nie losgelöst von ihrer Zeit», sagte die Urenkelin des Komponisten und Festspiel-Gründers Richard Wagner. Darum sei das Jubiläum «weit mehr als ein Anlass, zu feiern». Ziel müsse es sein, «die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären» – «damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet».
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erinnerte in seinem Grusswort an die dunkle Seite der Festspielgeschichte und auch Wagners selbst, dessen Antisemitismus immer wieder Anlass zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Komponisten gibt. Er zitierte Thomas Mann und empfahl bei Wagners Musik: «geniessen, aber nicht ohne Misstrauen». «Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung», sagte Merz. Besser sei eine kritische Auseinandersetzung, wie sie bei den Bayreuther Festspielen geschehe: «Spät, aber es ist geschehen.»
Merz dankte den Festspielen, dass «die zwischenzeitlichen Irritationen» um eine zeitweise abgesagte Gedenkveranstaltung für verfolgte jüdische Musiker inzwischen ausgeräumt seien.
Intendantin Wagner entschuldigte sich in ihrer Begrüssung noch einmal explizit bei Michel Friedman, der die Absage und seine Ausladung öffentlich gemacht hatte. Sie sprach von «Unstimmigkeiten und Fehlern im Vorfeld, die wir zu verantworten haben».
Vor dem Beginn des Festaktes zeigte sie sich gemeinsam mit Friedman am Eingang zum Festspielhaus, wo sie die Gäste begrüsste. Sie plauderten immer wieder miteinander und wirkten sehr vertraut und entspannt. Die Gedenkveranstaltung mit dem Titel «Verstummte Stimmen» und einer Rede Friedmans war für den zweiten Festspieltag geplant.
Nike Wagner, die Cousine der Festspielchefin, die einst mit ihr um den Posten konkurriert hatte, stellte in ihrer Festrede derweil vor allem die Frage nach der Zukunft der Festspiele, die für sie immer mehr von einem Familien- zu einem Staatsbetrieb geworden sei. «Eine Art Erdrutsch findet statt», sagte sie und meinte damit «den endgültigen Übergang vom Familientheater zum Staatstheater». Bund und Land, die Geldgeber, die inzwischen so viel Mitspracherecht haben, dass sie die Festspielleitung ernennen, seien für sie «die Totengräber des familiären Elements der Festspielgeschichte». Nur das Künstlerische sei heute – «noch» – in Familienhänden.
Die Frau, in deren Händen das Ganze «noch» liegt, Katharina Wagner, sorgte neben ihrer explizit politischen Rede noch für eine weitere Überraschung: Jahrelang hatte sie selbst sich nicht offiziell auf dem roten Teppich gezeigt. In diesem Jahr nun begrüsste sie dort die Gäste und liess sich an der Seite des Bayreuther Oberbürgermeisters Andreas Zippel (SPD) fotografieren.
Die Urenkelin von Festspielgründer Richard Wagner war sichtlich in Jubiläumsstimmung – und das, obwohl sie kurz vor Festspielstart noch wegen einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus behandelt worden war.
Vor dem Festakt und Christian Thielemanns gefeiertem Dirigat von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie war ansonsten erstmal alles so, wie man es von Bayreuth gewohnt ist: Der rote Teppich vor dem Festspielhaus bot der (Polit-)Prominenz die Möglichkeit zum Schaulaufen – und Kanzler Merz, der mit seiner Frau Charlotte zum Portal schritt, die Möglichkeit, die jüngsten Turbulenzen um den Umbau seines Kabinetts hinter sich zu lassen – zumindest kurz.
Beim Staatsempfang im Anschluss an die Eröffnung war er – im Gegensatz zu Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Merz' Vor-Vorgängerin Angela Merkel (CDU), die zusammen ins Neue Schloss von Bayreuth kamen, schon nicht mehr zu sehen.
Merkel war es auch, die den grössten Applaus der Zaungäste bekam und auch im Festspielhaus brannte grosser Applaus auf, als ihr Name genannt wurde. Sie und ihr Mann Joachim Sauer sind seit vielen Jahren Stammgäste am Grünen Hügel zu Bayreuth.
Die Politik dominierte auf dem roten Teppich. Auch Thüringens Regierungschef Mario Voigt (CDU) und Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) waren dabei.
Zudem traf Kanzler Merz in Bayreuth erneut auf Protagonisten der von ihm beschlossenen Personalveränderungen: So war auch die bisherige Bundesgesundheitsministerin und neue Kanzleramtschefin Nina Warken (CDU) zu Gast, ausserdem Philipp Amthor (CDU), der neue Bund-Länder-Koordinator im Kanzleramt.
Aus der Film- und Fernsehbranche waren etwa Moderator Florian Silbereisen, Ex-«Tatort»-Schauspieler Udo Wachtveitl und TV-Koch Alexander Herrmann nach Bayreuth gereist. Letzterer hatte aber nur eine kurze Anreise, er betreibt im nahen Wirsberg sein Stammhaus.






