Vom Pistenskifahrer zum Touren-Neuling: ein Selbstversuch
Skitouren sind ein Wintersport-Trend. Unser Autor wollte wissen, warum. Eine Spurensuche in Engelberg.

Das Wichtigste in Kürze
- Skifahren auf der Piste ist out. Doch was macht Skitouren so attraktiv?
- Unser Autor hat sich in Engelberg auf seine erste Skitour gewagt. Ein Erfahrungsbericht.
Eben ist mein rechter Tourenski im Schnee stecken geblieben. Langsam verliere ich die Balance und kippe in Zeitlupe zur Seite, wie ein Baum, der noch an letzten Wurzeln hängt. Nun liege ich wie ein schief geratenes Geodreieck im Schnee, irgendwo hoch über Engelberg im Kanton Obwalden.
«Alles in Ordnung?», fragt Ivo Bünter, mein Bergführer, und streckt mir die Hand entgegen. «Ja, alles okay», sage ich und lächle gequält. Ich klopfe mir den Schnee vom verschwitzten T-Shirt.
Mein Blick wandert nach oben: Noch rund 300 Höhenmeter, dann erreichen wir das Alpelenhörnli. In der Ferne glitzert die Bergstation des Titlis in der Sonne.
Woran ich da gerade scheitere, nennt sich Skitourengehen. Also mit Ski einen Berg hinauflaufen und danach abseits der präparierten Pisten wieder hinunterfahren.
Skitouren immer beliebter
Ein enormer Trend. Der Schweizer Alpen-Club spricht von Hunderttausenden, die in den letzten Jahren in der Schweiz mit Ski- oder Schneeschuhtouren begonnen haben. Skihändler berichten von stark steigenden Verkaufszahlen.
Mir ist das alles lange suspekt gewesen. Ich gehörte bis anhin zur Kategorie der Geradeaus-Skifahrer. Je direkter, desto besser. Je schneller, desto schöner.
Tiefschnee sehen meine Ski eigentlich nur dann, wenn ich ihn zum Bremsen brauche. Doch Skifahren auf der Piste ist nicht mehr wirklich cool. Das merke ich in Berghütten, wo man sich nicht mehr über schwarze Pisten, sondern über Aufstiegsrouten austauscht.

Ich merke es auf Social Media, wo unter #earnyourturns Sonnenaufgänge auf einsamen Gipfeln gepostet werden. Und ich merke es an Freunden, die plötzlich braungebrannt vom Wochenende zurückkommen und von «ihrer Tour» schwärmen.
Es scheint fast, als wäre ich der letzte Schweizer, der noch nie auf Skitour war. Was treibt Menschen dazu, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und sich stundenlang einen Berg hinaufzuquälen. Nur für ein paar Minuten Abfahrt, die man auch bequem mit dem Lift haben könnte?
Der Tag beginnt mit Atemnot im überfüllten Bus Richtung Talstation. Ich klammere mich an meine Tourenski, im Rucksack zwei Käsebrote, eine Schaufel und ein Lawinensuchgerät um den Hals.
Soweit ich sehe, bin ich der Einzige mit Tourenski. Trotz der Enge schwillt mir kurz die Brust. Wissen diese Pistenskifahrer denn nicht, dass die wahre Freiheit abseits der Pisten liegt?
Ganz gemütlich
Ivo weiss es bestimmt. Er steht neben mir und grinst. Er grinst immer. «In den Bergen bringt Hektik nur Unfälle», sagt er mit ruhigem Innerschweizer Dialekt.
Ivo ist 25, in Dallenwil aufgewachsen, eigentlich Maurer. Letztes Jahr hat er sich entschieden, die Ausbildung zum Bergführer zu beginnen. Es ist seine erste Saison, noch ist er Aspirant – wirkt aber schon jetzt wie ein weiser alter Mann.
Nach Bahn und kurzem Zustieg sind wir allein. Sonne, unberührter Schnee, absolute Ruhe. Jetzt einfach runterfahren, das wäre es.
Stattdessen kleben wir Felle unter die Ski und gehen los. Der Aufstieg soll drei Stunden dauern. «Ganz gemütlich», sagt Ivo.

Mein Gehirn weigert sich anfangs, die neue Bewegungsform zu akzeptieren. Ferse anheben, Ski gleiten lassen. Stattdessen hebe ich ständig den ganzen Ski an.
Elegant sieht das nicht aus. Eher wie eine Katze, der man Schuhe an die Pfoten gezogen hat.
Während meine Oberschenkel brennen, versuche ich, Ivo gesellschaftliche Erklärungen zu entlocken. Statussymbol? Spätkapitalistisches Leiden?
Ivo schüttelt den Kopf. «Es fühlt sich einfach gut an, aus eigener Kraft oben anzukommen.» Vielleicht ist es wirklich so banal.
Freiheit im Schnee
Die Ausrüstung kostet schnell mehrere Tausend Franken, doch Ivo führt alle möglichen Leute: Junge und Alte, Manager und Bauarbeiter, Stadtmenschen und Bergler. Warum also der Boom? «Corona wahrscheinlich», sagt er.
Seit der Pandemie zieht es viele wieder in die Natur. Keine Regeln, keine QR-Codes, keine Kontrolle. Freiheit im Schnee. Ein modernes Schweizer Réduit, General Guisan wäre stolz.
Die Hänge werden steiler, wir laufen im Zickzack. Ivo zeigt mir die Spitzkehre. Es sieht aus wie Ballett – und funktioniert überraschend gut.

Nach drei Stunden und rund 800 Höhenmetern stehen wir auf dem Gipfel des Alpelenhörnli. Stille. Weite. Die Aussicht verschlägt mir den Atem.
«Am Ende ist es einfach», sagt Ivo und nimmt einen Schluck aus der Thermoskanne. «Zeit mit Freunden in unberührter Natur.»
Ich beisse in mein Käsebrot. Keine grosse Theorie, kein Trend. Nur der Berg, wir zwei – und für einen Moment sehr viel Ruhe.








