So bereist ein Berner im Rollstuhl die ganze Welt
Seit einem Badeunfall mit 20 Jahren ist der Berner Roland Bigler Tetraplegiker – trotzdem bereist er die ganze Welt und bringt seine Erfahrungen beruflich ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Globetrotter-Reiseberater Roland Bigler entdeckt entlegene Fernziele im Rollstuhl.
- Vor Ort vertraut der Berner auf die Hilfsbereitschaft der Menschen.
- Er zeigt, dass barrierefreies Reisen weit mehr ist als eine Frage der Infrastruktur.
Roland Bigler kennt die Welt aus einer Perspektive, die vieles verändert. Seit bald vier Jahrzehnten ist er im Rollstuhl unterwegs – und seit ebenso vielen Jahren auf Reisen, trotz seiner Tetraplegie.
Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier spricht kein Abenteurer auf der Suche nach Extremen, sondern ein neugieriger Mensch. Ein Mensch mit wachem Blick, feinem Humor und einem tiefen Vertrauen in andere.
Mit 20 Jahren veränderte ein Badeunfall sein Leben radikal. Ein Kopfsprung ins Meer, ein Schlag in den Nacken – von der Brust abwärts gelähmt, die Finger unbeweglich.
Doch was wie ein Endpunkt klingt, wurde für Bigler zu einem Anfang. Er eignete sich ein Einfinger-System für die Tastatur an, fand neue Wege im Alltag – und verlor nie seine Reiselust. Im Gegenteil: Sein Entdeckergeist scheint seither eher gewachsen zu sein.

Ob Karibik, Asien oder Afrika – Roland Bigler sucht nicht den bequemen Weg. Er war im Tschad, wissend, dass dieses Ziel «nicht gerade für alle Rollstuhlfahrer zu empfehlen ist». Dort war er auf viel Hilfe angewiesen, vor allem von den Menschen vor Ort.
Genau das aber ist es, was ihn bewegt. «In Kenia, Tschad oder Kuba sind die Menschen extrem hilfsbereit», sagt er. Und man glaubt ihm sofort, wenn er erzählt, wie er in Boote gehoben wurde. Boote, bei denen man vorher dachte, das könne unmöglich funktionieren.
Mehrmals in Kenia
Kenia hat er gleich mehrfach erlebt – sogar auf Safari. Mit einem spezialisierten Anbieter, passenden Fahrzeugen und Unterkünften wurde möglich, was viele für ausgeschlossen halten. Ein ganzes Jahr verbrachte er mit seiner Partnerin in Australien, sieben Monate davon lebten sie im Zelt.
Australien zählt bis heute zu seinen Lieblingsdestinationen. Später erkannte er Australier überall auf der Welt – spätestens an der typisch lässigen Frage: «Do you need a hand, mate?»

Pauschale Badeferien am Mittelmeer? Kennt er. Reizen ihn aber wenig. Eine Woche am Strand, im Rollstuhl, während andere zuschauen – Das ist nicht seine Welt.
Auch Gruppenreisen meidet er. Zu viele Kompromisse, zu viele organisatorische Stolpersteine. «Ich wäre auch als Fussgänger nicht der geeignete Gruppenreisende», sagt er lachend.
Dieses Lachen zieht sich durch jedes Gespräch mit ihm: Leise, warm, entwaffnend.
Kaum Grenzen
Grenzen kennt er – der Mount Everest gehört dazu. Aber sonst? Vieles hängt für ihn weniger von der Infrastruktur ab als von den Menschen. Reisen bedeuten für ihn Gespräche, Nähe, Begegnungen.
Oft steht er im Mittelpunkt, nicht aus Eitelkeit, sondern weil seine Präsenz Fragen aufwirft. Genau darin sieht er eine Chance: Hemmschwellen abbauen, Berührungsängste verlieren, Perspektiven öffnen.

Nach Hause kommt er immer wieder gern. Die Schweiz schätzt er sehr – ihre Landschaften, ihre Ruhe. «Wenn du die Schweiz nicht schön findest, musst du gar nicht auf Reisen», sagt er.
Doch kaum zwei Wochen später beginnen sie wieder, die Ideen: Neue Länder, neue Wege, neue Begegnungen.
Reiseberater auf Augenhöhe
Diese Erfahrungen bringt Roland Bigler seit 2014 auch beruflich ein. Auf seinen Vorschlag hin schuf Globetrotter eine neue Stelle. Heute berät er in der Filiale Liebefeld bei Bern Menschen im Rollstuhl auf Augenhöhe.
Er plant Individualreisen, klärt jedes Detail im Voraus, vom stufenlosen Hoteleingang bis zur Liftgrösse. Er weiss aus eigener Erfahrung, wie entscheidend Kleinigkeiten sind – etwa drei nicht erwähnte Treppenstufen vor einem Lift.

Zu ihm kommen Paare, Familien, Alleinreisende. Städtereisen nach London, Hochzeitsreisen nach Kenia, erste grosse Abenteuer. Vieles hat er selbst ausprobiert. «Ich wusste nicht, dass eine Safari im Rollstuhl überhaupt möglich ist», sagt er lächelnd.
Beim Reisen empfindet er ein «unglaubliches Gefühl von Freiheit». Er nennt sich einen ewigen Optimisten, für den Aufgeben nie eine Option ist.
Barrierefreies Reisen ist seine Vision – und er lebt sie vor. Nicht laut, nicht missionarisch. Sondern Reise für Reise, Begegnung für Begegnung.







