Wer mit Chatbot schreibt, kann asozial werden
Es wird zunehmend zur Normalität, sich mit Künstlicher Intelligenz zu unterhalten und eine Beziehung aufzubauen. Wie beeinflusst dies das menschliche Verhalten?

Das Wichtigste in Kürze
- In China wurden KI-Begleiter für unter 16-Jährige verboten.
- Die Regierung befürchtet dort, dass Menschen emotional abhängig werden.
- Doch stimmt das? Nau.ch hat bei Experten nachgefragt.
Sie hören zu, trösten und können sogar flirten: KI-Begleiter sind Chatbots oder virtuelle Figuren, die Menschen im Alltag helfen. Auch emotionale Unterstützung holen sich viele Menschen bei ihnen. Doch sie werden zum Problem.
Seit dem 15. Juli ist es in China für Minderjährige verboten, einen KI-Begleiter zu haben. Auch für Erwachsene schränkt die Regierung Chatbots ein, die Dienstleistungen anbieten, welche «soziale Interaktionen ersetzen».
Denn: Die Regierung sei besorgt, dass Chatbots bei Nutzern «emotionale Abhängigkeit oder Suchtverhalten» fördern könnten, schreibt die britische Zeitung «The Guardian».
Mit den neuen Massnahmen geht China im weltweiten Vergleich bisher am strengsten gegen potenzielle Schäden von KI-Chatbots vor.
Dazu muss gesagt werden, dass China auch ein hochdigitalisiertes Land ist, wo vieles über den Smartphone-Bildschirm läuft. Zudem gaben in einer Umfrage fast die Hälfte der jungen Menschen an, sich bei Einsamkeit an virtuelle Begleiter zu wenden.
Françoise Höpflinger war Soziologe an der Universität Zürich. Er erklärt, dass Menschen in China ein anderes Verhältnis zu Gegenständen haben als wir im Westen: «In ostasiatischen Ländern haben auch Gegenstände eine ‹Seele›», erklärt er gegenüber Nau.ch.
KI-Begleiter können in China als Partner gelten
Deshalb sei in diesen Ländern eine Beziehung zu Gegenständen wie beispielsweise Häusern und Robotern entspannter als in Europa. «KI-Begleiter können in diesen Ländern durchaus als reale Partnerinnen oder Partner gelten», so Höpflinger.
Dies vor allem, wenn sie in menschenähnliche Roboter oder Avatare integriert seien. Zudem hätten in China vor allem ärmere junge Männer kaum Chancen auf eine echte Partnerschaft. Der Grund dafür: Es gibt in China weniger junge Frauen als junge Männer.

Betroffene «ersetzen dies zunehmend mit digitalen Partnerschaften», so Höpflinger. «Auch die Auflösung einer echten Partnerschaft kann die Nachfrage nach KI-Partnerschaften erhöhen», ergänzt er. Dies könne möglicherweise auch in Europa der Fall sein.
KI-Chatbots können Beziehungen helfen und schaden
Nadja Rupprechter ordnet ein, was KI-Partnerschaften für Auswirkungen haben könnten. Sie ist Doktorandin in Medien und Kommunikationswissenschaften an der Uni Zürich und spezialisiert sich auf die Beziehung zwischen Menschen und Chatbots. Sie sagt: «KI-Chatbots können realen Beziehungen helfen und schaden.»
Die positive Seite beschreibt Rupprechter, die diesbezüglich selbst Studien durchgeführt hat, wie folgt: «Manche Nutzerinnen und Nutzer berichten, der Chat sei ein geschützter Raum, in dem sie soziale Situationen risikofrei üben können.»
Schüchternheit mit KI überwinden?
Einige berichten laut der Doktorandin, dass sich das auf ihr echtes Leben überträgt: «Sie sprechen andere leichter an und fühlen sich weniger schüchtern.»
Doch Beziehungen mit KI-Chatbots haben gemäss Rupprechter auch eine negative Seite: Eine noch nicht durch Fachleute geprüfte Studie deute darauf hin, dass emotionale Gespräche mit Chatbots die Qualität von Paarbeziehungen verschlechtern.
Dazu komme das Design vieler KI-Begleiterinnen und -Begleiter: «Sie geben ihren Nutzern fast immer recht. Wer so ein System im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Konflikten nutzt, fühlt sich in der eigenen Position bestätigt», sagt Rupprechter.
KI kann einen unfreundlicher machen
Dies führe dazu, dass man sich seltener entschuldigt und weniger bereit sei, an einem Konflikt selbst etwas zu ändern. Man wird also gewissermassen asozial.
Nadja Rupprechter rät deshalb: «KI-Begleiterinnen und -Begleiter sollten menschliche Beziehungen nicht ersetzen, sondern höchstens ergänzen.» Ein KI-Begleiter könne den sozialen Kreis erweitern – vielleicht etwa dann, wenn gerade niemand erreichbar sei.

Neu sei dieses Phänomen nicht: «Menschen bauen seit jeher Bindungen zu Figuren auf, die sie nur aus den Medien kennen», sagt Rupprechter. Als Beispiele nennt sie Prominente, Influencerinnen und Influencer oder Romanfiguren.
In kritischen oder gefährlichen Situationen dürfe ein KI-Begleiter aber nicht der einzige Ansprechpartner sein. «Dann braucht es Fachleute – Ärztinnen, Therapeuten, Beratungsstellen.»
Sozial orientierte KI-Nutzung macht einsam
Erste Längsschnittbefunde würden auf Folgendes hindeuten: Eine sozial orientierte Nutzung von KI-Chatbots wie ChatGPT über ein Jahr hinweg geht mit stärkeren Gefühlen von Einsamkeit einher. Gefährlich: Wer sich einsam fühlt, greift wiederum mehr zur KI.
Rupprechter betont allerdings, dass er hierzu noch weitere Forschung braucht. Auch die langfristigen Folgen für Nutzerinnen und Nutzer lassen sich laut Rupprechter bislang schwer einschätzen.
Sie zieht ein Fazit: Solange die Befundlage uneindeutig bleibt, empfehle sie Nutzerinnen und Nutzern, auf eine übermässige Nutzung zu verzichten. Zudem sei es sinnvoll, ausreichend Zeit in reale Beziehungen zu investieren.
Gemäss Rupprechter kann eine KI-Begleiterin oder ein KI-Begleiter «unser soziales Leben ergänzen, sollte aber nicht die alleinige soziale Stütze darstellen».













