«Soll William Harry verzeihen? Nein!»
Vergebung und Versöhnung sind nicht dasselbe. Chris Oeuvray erklärt in ihrer Kolumne, warum ein Neuanfang mehr als eine Entschuldigung braucht.

Das Wichtigste in Kürze
- Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken.
- Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über den Konflikt zwischen William und Harry und die Frage, ob Vergebung eine Versöhnung voraussetzt.
Harry absolviert wieder öffentliche Termine in Grossbritannien. Gleichzeitig bleibt sein Verhältnis zu William ein Thema. Die Brüder gelten weiterhin als entfremdet, von direktem Kontakt ist nichts bekannt.
Und schon wird wieder über Versöhnung gesprochen. Ich finde diese Erwartung problematisch. Denn sie unterstellt, dass ein Familienkonflikt irgendwann beendet werden muss, weil man schliesslich miteinander verwandt ist.
Verzeihen ändert noch gar nichts
«Es ist doch dein Bruder.» Diesen Satz kennen nicht nur Royals. Erwachsene Kinder hören ihn über ihre Eltern. Geschwister hören ihn nach jahrelangen Konflikten.
Und Menschen hören ihn über Partner, die ihre Grenzen immer wieder verletzt haben.

Nehmen wir ein drastisches Beispiel. Eine Frau erlebt häusliche Gewalt. Ihr Partner entschuldigt sich, sie verzeiht ihm und nimmt ihn zurück. Danach schlägt er sie erneut. Würden wir ihr ernsthaft raten, einfach wieder zu verzeihen?
Natürlich nicht. Nicht weil Vergebung falsch wäre. Sondern weil Vergebung allein das Verhalten des anderen nicht verändert.
Damit vergleiche ich Harry ausdrücklich nicht mit einem gewalttätigen Partner. Wir wissen nicht, was zwischen William und Harry privat passiert ist und wer welchen Anteil am Konflikt trägt.
Das Beispiel zeigt einen grundsätzlichen Denkfehler: Wir behandeln Vergebung so, als müsse danach wieder alles gut sein.
Eine Entschuldigung reicht nicht
Du kannst eine Entschuldigung annehmen und trotzdem Abstand halten. Entscheidend ist nicht, wie überzeugend jemand «Es tut mir leid» sagt. Entscheidend ist, was danach passiert.
Wird Verantwortung übernommen? Wird dasselbe Verhalten wiederholt? Werden Grenzen respektiert? Genau daran entscheidet sich, ob Vertrauen überhaupt wieder entstehen kann.

Das gilt für Geschwister genauso wie für Eltern, Freundschaften oder Partnerschaften. Wenn du einem Menschen fünfmal dieselbe Grenzüberschreitung verzeihst und er sie ein sechstes Mal begeht, liegt das Problem nicht an mangelnder Vergebung.
Vergebung und Versöhnung sind zwei Dinge
Genau deshalb sollten wir auch bei William und Harry sauber unterscheiden. William kann seinem Bruder innerlich vergeben, ohne wieder eine enge Beziehung mit ihm zu führen. Er kann auch entscheiden, dass er noch nicht vergeben kann oder will.
Versöhnung braucht zwei Menschen. Und sie braucht mehr als gute Absichten. Wer eine beschädigte Beziehung wieder aufbauen möchte, muss durch sein Verhalten zeigen, dass sich tatsächlich etwas verändert hat.
Das ist für mich der entscheidende Punkt an der Geschichte von William und Harry. Nicht die Frage, ob William endlich verzeihen sollte. Sondern warum wir von Menschen erwarten, Beziehungen wieder aufzunehmen, obwohl wir gar nicht wissen, ob die Voraussetzungen dafür vorhanden sind.

Verzeihen kannst du allein. Für eine Versöhnung muss sich auch auf der anderen Seite etwas bewegen. Wirst du auch unter Druck gesetzt, jemandem verzeihen zu müssen?
Zur Person
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.








