Lifestyle-Flucht: Leben am Abgrund – oder alles riskieren?
«Wir streiten, ob Menschen kommen dürfen. Dabei müssten wir uns fragen, warum sie überhaupt gehen», schreibt Kolumnistin Chris Oeuvray über die Ceuta-Krise.

Das Wichtigste in Kürze
- Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken.
- Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über die Situation der Menschen in Marokko.
Ein Satz aus einem aktuellen Bericht hat mich nicht mehr losgelassen. Ein Migrant erzählt, dass ihm die marokkanische Polizei zugerufen habe: «Rennt! Rennt nach Spanien!» Nicht: «Geht zurück.» Oder: «Bleibt hier.» Sondern: «Rennt.»
Was würde ich tun?
Wenn ich in einem Land leben würde, das mir keine Zukunft bietet, wenn ich meine Familie nicht ernähren könnte, wenn Korruption, Willkür oder Perspektivlosigkeit meinen Alltag bestimmten, wenn ich jeden Morgen wüsste, dass sich nichts ändern wird.
Dann würde ich vielleich auch fliehen. Nicht, weil ich reich werden will oder von Luxus träume. Sondern weil ich irgendwo leben möchte, wo meine Kinder eine Zukunft haben.

Ich nenne das Lifestyle-Flucht. Das Wort provoziert bewusst. Gemeint ist nicht die Flucht nach einem besseren Auto oder einem grösseren Haus.
Gemeint ist die Flucht in ein Leben mit Würde, Sicherheit und Hoffnung, in ein Leben, das für viele von uns selbstverständlich ist.
Wer bleibt, riskiert sein Leben
Von unserem Sofa aus ist es leicht zu sagen: «Sie sollen doch in ihrem Land bleiben.» Und ja, dieser Gedanke hat etwas für sich.
Vielleicht wäre es tatsächlich besser, wenn sich die Menschen zusammenschliessen würden. Wenn sie gegen korrupte Regierungen aufstehen. Wenn sie ihr Land verändern, statt es zu verlassen. Das wäre vermutlich die nachhaltigste Lösung.
Doch dann meldet sich die Geschichte. Immer wieder waren es genau diese Menschen, die zuerst verschwanden. Sie wurden verfolgt, gefoltert, eingesperrt oder getötet. Wer gegen ein Unrechtsregime aufsteht, wird nicht automatisch zum Helden, sondern zum nächsten Opfer.
Genau hier beginnt das eigentliche Dilemma. Gehen bedeutet, die Heimat zurückzulassen. Bleiben kann bedeuten, das eigene Leben zu verlieren.

Das Kind vor Ihrer Haustür
Stellen Sie sich vor, in Ihrer Nachbarschaft lebt ein Kind. Sie hören regelmässig Schreie. Sie sehen blaue Flecken. Sie wissen, dass dieses Kind zu Hause misshandelt wird.
Eines Abends klingelt es bei Ihnen. Es weint und hat Angst.
Was würden Sie tun? Ich glaube, die meisten Menschen würden das Kind sofort hereinbitten. Ihm etwas zu essen geben. Es in den Arm nehmen. Es beschützen.
Und jetzt kommt die unbequeme Realität. Dürfen Sie das einfach? Nein. Es gibt Gesetze. Zuständigkeiten. Behörden. Verfahren. Das ist richtig. Ein Rechtsstaat darf nicht nach Bauchgefühl funktionieren.
Aber unser Gewissen funktioniert nicht nach Paragrafen. Es stellt nur eine einzige Frage: Kannst du wirklich die Tür schliessen?
Zwischen Mitgefühl und Verantwortung
Genau so fühlt sich für mich die Migrationsdebatte an. Auf der einen Seite stehen Menschen, die Schutz suchen. Auf der anderen Seite stehen Staaten, die ihre Grenzen schützen müssen. Beides ist legitim.
Ein Land kann nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen. Wohnraum, Schulen, Gesundheitsversorgung und Integration haben Grenzen. Wer das ignoriert, verweigert die Realität. Genauso falsch wäre es aber, nur Zahlen zu sehen und den Menschen dahinter zu vergessen.
Hinter jeder Zahl steht eine Geschichte: Eine Mutter, ein Vater, ein Sohn, eine Tochter. Ein Mensch, der irgendwann beschlossen hat, alles zurückzulassen. Nicht leichtfertig. Sondern weil die Hoffnung grösser geworden ist als die Angst.
Stellen wir die falsche Frage?
Vielleicht diskutieren wir seit Jahren am eigentlichen Problem vorbei. Wir streiten darüber, ob Menschen kommen dürfen. Dabei müssten wir uns viel mehr fragen, warum sie überhaupt gehen. Niemand verlässt freiwillig seine Sprache, seine Familie, seine Freunde und seine Heimat, wenn er dort in Sicherheit und Würde leben kann.
Ich verstehe deshalb auch die Menschen, die Angst vor einer Überforderung Europas haben. Diese Sorgen sind real. Sie verdienen Respekt. Aber ich verstehe genauso die Verzweiflung jener, die keinen anderen Ausweg mehr sehen.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. Dass ein Staat seine Grenzen schützen darf und dass ein Mensch Mitgefühl verdient, selbst wenn er nicht bleiben kann.
Es gibt auf diese Frage keine einfache Antwort, vielleicht sogar gar keine. Aber unser Gewissen stellt sie trotzdem.
Wie schaffen wir es, das Richtige zu tun, wenn sich jede Lösung für irgendjemanden falsch anfühlt?

Zur Person
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.











