Das passiert, wenn narzisstische Eltern geoutet werden!

Chris Oeuvray
Chris Oeuvray

Region Zug,

Loyalität wird oft höher bewertet als Wahrheit. «Besonders in Systemen, in denen Schweigen von klein auf gelehrt wurde», schreibt die Narzissmus-Kolumnistin.

Chris Oeuvray
Chris Oeuvray ist Narzissmus-Expertin. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Wer über narzisstische Eltern spreche, löse heftige Reaktionen aus, weil er lüge.
  • Eine Kolumne von Narzissmus-Expertin Chris Oeuvray.

Wer beginnt, über narzisstische Eltern zu sprechen, erlebt oft etwas Irritierendes: Nicht nur die Eltern selbst reagieren abwehrend. Nein, auch das Umfeld wird laut. Freunde relativieren. Verwandte werden nervös. Aussenstehende urteilen schnell. Die Reaktionen sind heftiger als das, was tatsächlich gesagt wird.

Das ist kein Zufall. Es folgt einer klaren Logik. Weil du ein Bild zerstörst, das allen Sicherheit gibt!

Narzisstische Eltern wirken nach aussen häufig vorbildlich. Sie sind engagiert, hilfsbereit, erfolgreich, präsent. Sie wissen, wie man sich zeigt. Wie man spricht. Wie man Vertrauen erzeugt. Dieses Bild ist stabil. Und es gibt der Umgebung Sicherheit.

Wenn ein erwachsenes Kind dieses Bild infrage stellt, entsteht Spannung.

Denn: Plötzlich passt etwas nicht mehr zusammen. Entweder stimmt das Bild. Oder die Aussage des Kindes. Beides gleichzeitig geht nicht.

Viele entscheiden sich unbewusst für das, was weniger verunsichert. Das bekannte Bild. Nicht die unbequeme Wahrheit. Also wird relativiert, beschwichtigt, angezweifelt. Nicht etwa, weil man dem Kind schaden will. Sondern, weil man das eigene Weltbild schützen möchte.

Kennst du Narzissmus in deiner Familie?

Loyalität wird höher bewertet als Wahrheit

In vielen Köpfen gilt die Familie als unantastbar. Eltern als wohlmeinend. Kritik als Undank. Wer über narzisstische Eltern spricht, bricht mit dieser unausgesprochenen Regel.

Die Reaktionen zeigen das deutlich: «Das sind doch deine Eltern», hört man. «So etwas sagt man doch nicht öffentlich», heisst es. Oder: «Man muss auch verzeihen können.»

Was hier verteidigt wird, ist keine Gerechtigkeit. Es ist Loyalität.

Und Loyalität wird oft höher bewertet als Wahrheit. Besonders in Systemen, in denen Schuld, Anpassung und Schweigen von klein auf gelehrt und gelernt wurden.

Schmerzhaft für die Betroffenen

Für Betroffene ist das besonders schmerzhaft. Denn genau diese Loyalitätsforderung kennen sie bereits.

Sie haben gelernt, Gefühle zurückzustellen, um Harmonie zu sichern. Wenn das Umfeld heute ähnlich reagiert, wiederholt sich die alte Dynamik. Nur auf einer neuen Bühne.

Weil deine Klarheit alte Muster sichtbar macht

Wenn jemand über narzisstische Eltern spricht, bringt er mehr ins Wanken als eine einzelne Familiengeschichte. Er stellt grundsätzliche Annahmen infrage.

Und zwar, dass Eltern immer wissen, was gut ist. Dass Liebe automatisch schützt. Und dass Missbrauch laut, offensichtlich und eindeutig sein muss.

Deine Klarheit zwingt andere, genauer hinzusehen!

Auch auf die eigenen Beziehungen. Die eigene Herkunft. Die eigenen blinden Flecken. Und das ist für viele schwer auszuhalten.

Deshalb reagieren sie nicht sachlich, sondern emotional. Mit Abwehr. Mit Angriff. Mit Spott. Oder mit dem Versuch, dich wieder klein zu machen. So wie es das System gewohnt ist.

Warum Betroffene so lange schweigen

Viele sprechen nicht, weil sie schwach sind. Sie schweigen, weil sie realistisch sind. Sie wissen, was passiert, wenn sie es tun. Unglauben. Relativierung. Alleinsein.

Das Schweigen endet erst dann, wenn der innere Druck grösser wird als die Angst vor den Reaktionen. Wenn der Körper reagiert. Wenn Klarheit überlebenswichtig wird.

Dann ist das Sprechen kein Angriff mehr. Es ist Selbstschutz.

Chris Oeuvray
Chris Oeuvray ist Narzissmus-Expertin und schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen. - zvg

Eine unbequeme Wahrheit

Die heftigen Reaktionen der Umgebung sagen wenig über die Glaubwürdigkeit der Betroffenen aus. Aber viel über die Macht des Bildes, das verteidigt wird.

Narzisstische Eltern profitieren nicht nur von ihrem Verhalten. Sie profitieren davon, dass niemand es sehen will.

Wer darüber spricht, stört nicht, weil er lügt. Er stört, weil er etwas ausspricht, das zu lange funktioniert hat, weil alle anderen weggeschaut haben.

Zur Person:

Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.

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Kommentare

User #5037 (nicht angemeldet)

Wenn studierte und weitergebildete Experten und Fachleute über ihre eigenen Erfahrungen schreiben….auf Nau!🙄

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