Alexandra Lüönd: «Lasst Männer wieder Männer sein!»
«Eine respektvolle Geste ist kein Angriff auf die Gleichberechtigung», schreibt unsere Kolumnistin Alexandra Lüönd.

Das Wichtigste in Kürze
- Alexandra Lüönd schreibt eine monatliche Kolumne über Beauty-Themen.
- Sie schreibt: «Frauen wünschen sich einen aufmerksamen Mann, der Initiative zeigt.»
Männer wissen heute oft nicht mehr, was sie noch dürfen. Und daran sind wir Frauen nicht ganz unschuldig.
Soll ich ihr in die Jacke helfen – oder ist das beleidigend? Soll ich beim ersten Date die Rechnung zahlen – oder gelte ich dann als Sexist? Soll ich ihr die Auto-Tür aufhalten – oder wirkt das bevormundend?
Ich bin ein Millennial und mit gewissen Rollenbildern aufgewachsen, die ich (die Gen Z möge mir verzeihen) nach wie vor schön finde.
Früher galten diese Gesten schlicht als gute Manieren. Heute werden sie von vielen Frauen schnell als übergriffig bezeichnet.
Ich habe kürzlich beobachtet, wie ein Mann einer jungen Frau die Tür aufhielt und sie ihn anfuhr: «Das kann ich auch selber!» Er wirkte beschämt. Sagte nichts. Aber das nächste Mal lässt er es wahrscheinlich bleiben. Lieber nichts tun, als riskieren, etwas falsch zu machen.
Und dann sitzen wir da und fragen uns, wo die Gentlemen geblieben sind!

Wer Höflichkeit verbietet, darf sich nicht wundern
Wenn wir Frauen Höflichkeit mit Herabsetzung verwechseln, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Männer unsicher werden und irgendwann gar nichts mehr tun.
Die meisten Männer sind nach meiner Erfahrung auf Dates wirklich sehr bemüht und aufmerksam. Aber es gibt auch die anderen Fälle…
Neulich traf ich mich mit einem, der nicht einmal daran dachte, mir seine Jacke anzubieten, obwohl ich mehrmals sagte, dass mir kalt ist. Der nicht anbot, die Rechnung für die Drinks zu übernehmen. Und das, obwohl er es sich locker hätte leisten können.
Und nein, es geht hier nicht ums Geld, sondern um die Geste.
Denn: Auch wir Frauen investieren vor einem Date viel Zeit, Geld und Mühe. Wir lassen uns die Nägel machen, tragen Make-up auf. Und wir verbringen viel Zeit damit, das richtige Outfit zusammenzustellen.
Zum schicken Kleid passt die dicke Winterjacke nun mal selten. Ist es da wirklich zu viel verlangt, dass ein Mann mir seine Jacke anbietet?
Ich schätze solche Gesten bei Männern. Denn Aufmerksamkeit sollte von beiden Seiten kommen. Aber dafür müssen wir Frauen wieder lernen, das auch zuzulassen.

Gleichberechtigung ist kein Krieg
Das Männerbild verändert sich. Und das ist gut so. Bestimmte Rollen müssen hinterfragt und neu verhandelt werden. Aber das heisst nicht, dass wir jede Höflichkeit gleich mitentsorgen müssen.
Gleiche Löhne, gleiche Chancen
Die meisten Frauen wünschen sich einen aufmerksamen Mann, der Initiative zeigt. Warum machen wir dann einen Geschlechterkampf draus, wenn er genau das tut?
Ich sage das als Frau, die sich für Gleichberechtigung einsetzt. Gleiche Löhne, gleiche Chancen. Das ist mir sehr wichtig. Aber Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichmacherei.
Es bedeutet nicht, dass ein Mann sich auf einem Date wie ein Rüpel verhalten soll, und umgekehrt aber auch nicht, dass eine Frau jede nett gemeinte Geste auf die Goldwaage legen muss.
Wer eine galante Geste als Herabsetzung liest, macht aus einer normalen Begegnung einen Machtkampf. Und dabei verlieren wir alle.
Unabhängig, aber nicht unnahbar
Ich wurde von einer starken Frau erzogen. Einer, die für sich selbst gesorgt hat und die trotzdem Hilfe annehmen konnte, ohne sich dabei kleiner zu fühlen. Das hat mich geprägt.
Ich bin nicht von einem Mann abhängig. Ich verdiene mein eigenes Geld, treffe meine eigenen Entscheidungen und habe mein Leben selbst in der Hand.
«I can buy myself flowers», wie Miley Cyrus so schön sagt. Aber ich freue mich trotzdem, wenn ich welche geschenkt bekomme.
Können wir einfach wieder nett zueinander sein?
Vielleicht sollten wir aufhören, alles sofort zu politisieren, und Männer wieder Gentlemen sein lassen. Nicht jede Geste ist ein Angriff auf die Gleichberechtigung. Manchmal ist sie einfach das: ein Akt der Freundlichkeit. Und echte, ernstgemeinte Freundlichkeit – davon brauchen wir in dieser Welt mehr.
Nicht alles, was altmodisch ist, ist gleich rückständig. Manche Formen von Höflichkeit sind es wert, erhalten zu bleiben.
Also, Männer: Haltet uns die Tür auf. Macht uns Komplimente. Helft uns in die Jacke. Nicht, weil wir es nicht selbst können. Sondern, weil es schön ist und wir es zu schätzen wissen.

Zur Person
Alexandra Lüönd ist eine führende Unternehmerin im Beauty- und Medical-Retail. Als Gründerin der Beauty2Go-Kliniken sowie «Brows & Brows» schuf sie die grössten Ästhetik-Ketten in der Schweiz. Mit «Brows & Brows» revolutioniert sie die PMU-Branche. Die 39-Jährige schreibt regelmässig Kolumnen für Nau.ch.








