Sind Frauen wirklich neurologisch anders verdrahtet?

Maria Brasser
Maria Brasser

Zürich,

Ein Frauenhirn gebe es nicht. Aber gibt es ein Gehirn, das ein Leben lang im Umbau steckt – und trotzdem Höchstleistung ebringt. Eine Kolumne von Maria Brasser.

Maria Brasser
Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser. - Nau.ch / Daniel Zaugg

Das Wichtigste in Kürze

  • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
  • Heute schreibt Brasser über das «Female Brain».

Gibt es tatsächlich ein «Female Brain»? Ticken Frauen also anders, weil sie neurologisch einfach anders verdrahtet sind? Eine riesige Frage, und hoch spannend dazu. Und da ich selbst eine Frau bin, habe ich sowohl persönlich als auch als Mutter und Neurowissenschaftlerin das Bedürfnis, mit gewissen Mythen aufzuräumen, aber auch die erstaunlichen Fähigkeiten des weiblichen Gehirns vorzustellen.

Ein Fakt vorweg: Ein Frauenhirn baut sich im Lauf eines Lebens bis zu sieben Mal stark um.

Und als wäre das nicht genug: Jeden einzelnen Monat kommt eine kleine Zusatzrunde Umbau dazu, ausgelöst vom Zyklus und den wellenartigen Hormonschwankungen.

Neue Hirnscans zeigen: Mit den Hormonen Östrogen und Progesteron verändert sich messbar, wie stark verschiedene Hirnregionen zusammenarbeiten, Monat für Monat.

Männer? Kennen einen solchen Zyklus oder grössere Umstrukturierungen tatsächlich weniger.

Beispielsweise sinkt ihr Testosteronspiegel ab Mitte 30 nur langsam und gleichmässig, über Jahrzehnte verteilt, ab. Das ist ein bischen frech gesagt nicht vergleichbar mit dem hormonellen Wellenritt, den ein Frauenhirn mitmacht.

Dadurch ist es aber natürlich auch besonders plastisch, was evolutionär gesehen eine echte Wunderwaffe ist.

Gibt es tatsächliche Unterschiede?

Trotz diesem «Dauerstress» vom weiblichen Zyklus unter der Schädeldecke leisten Frauenhirne enorm viel. Und die Forschung zeigt: Solche Umbauphasen und der Zyklus bergen bei Frauen auch verschiedene «Superpowers».

Aktuelle Hirnscans zeigen zum Beispiel: Kurz vor dem Eisprung ist die neuronale Flexibilität im ganzen Gehirn am höchsten. Ob sich das im Alltag tatsächlich spürbar auswirkt, ist unter Forschenden allerdings umstritten.

Studien zeigen ausserdem: Frauen haben im Schnitt dichter vernetzte Hirnareale und mehr graue Substanz als Männer.

Bist du vergesslich?

Männer haben zwar ein grösseres Gesamtvolumen (etwa plus 11 Prozent). Eine dickere Hirnrinde bei Frauen gleicht dies aber funktionell wieder aus.

Und wie sieht es mit den Netzwerken aus? Tatächlich konnte gezeigt werden, dass das sogenannte «Default Mode Netzwerk» («Tagträumer-Netzwerk») fürs Nachdenken über sich selbst und andere bei Frauen aktiver ist. Und unter Belastung feuern bei ihnen mehr Hirnregionen gleichzeitig.

Gleichzeitig zeigt sich auch, dass Frauen statistisch doppelt so häufig von Depressionen und Angststörungen betroffen sind. Männer häufiger von Autismus und ADHS. Ein Baustein dafür könnte tatsächlich in der unterschiedlichen Verdrahtung liegen.

Kurz: Das Frauenhirn hält enorm viel Umbau aus und funktioniert trotzdem top.

Umbau, kein Abbau

Diese Zyklen und Umbauprozesse klingen anstrengend, und sind es auch.

Eine bekannte Studie zeigt: Nach einer Schwangerschaft ist in bestimmten Hirnregionen sogar weniger graue Substanz vorhanden, noch mindestens zwei Jahre nach der Geburt.

Dies klingt vielleicht nach Verlust, ist aber Spezialisierung: Genau diese Areale feuern besonders stark, wenn die Mutter ihr Baby sieht.

Maria Brasser
Dr. Maria Brasser ist Kolumnistin auf Nau.ch. - Nau.ch / Daniel Zaugg

Das Gehirn baut nicht ab, es baut um: auf ein neues Leben. Wer in dieser Zeit vergesslich, erschöpft oder emotional dünnhäutig ist, hat also kein «Mama-Hirn»-Defizit, sondern ein Gehirn mitten im Umbau bei laufendem Betrieb.

Und als Mutter von drei Kindern (5, 3 und 1) hat mich das auch ein wenig beruhigt. Ich nehme diese Umbauphase entspannter hin. Und bin ehrlich gesagt auch ein bisschen beeindruckt von meinem eigenen Gehirn (ich hoffe die weiblichen Leserinnen hier auch).

Ähnliches passiert in den Wechseljahren, nur umgekehrt: Östrogen wirkt im Gehirn wie ein Schutzschild, vor allem dort, wo Gedächtnis («Hippocampus») und Planung («präfrontaler Cortex») sitzen.

Sinkt der Östrogenspiegel in der Perimenopause, fehlt dieser Schutz vorübergehend. Bis zu 60 Prozent der Frauen spüren das als «Brain Fog»: Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, Nebel im Kopf.

Die gute Nachricht: Meist ist das keine beginnende Demenz, sondern eben wiederum eine Übergangsphase. Das Gehirn kalibriert sich neu.

Der blinde Fleck der Forschung

Wichtig: Die Forschung selbst hat einen blinden Fleck. Jahrzehntelang galt der männliche Körper in der Medizin als Norm.

Auch in der Neurowissenschaft wurden Versuchstiere lange überwiegend männlich gewählt, um den «störenden» weiblichen Zyklus aus den Daten rauszuhalten.

Die Folge bis heute: Viele Medikamente und Dosierungen sind nicht auf den weiblichen Stoffwechsel abgestimmt. Frauen erleiden dadurch häufiger Nebenwirkungen. Da möchten wir auch mit Hirncoach ein Teil der Lösung sein und in die Forschung und Anwendung investieren.

Und zum Schluss noch ein paar spannende Mythen-Checks:

«Frauen können besser multitasken.» Moment: Kann ein Gehirn überhaupt multitasken? Grundsätzlich eigentlich nicht. Es ist meist nur ein schnelleres Switchen zwischen Aufgaben. Aber: Unter Belastung springen bei Frauen tatsächlich mehr Hirnregionen gleichzeitig an, besonders im präfrontalen und limbischen System. Das erklärt vielleicht den gefühlten Vorsprung. Bewiesen ist er damit noch nicht.

«Frauen sind kreativer verdrahtet.» Auch hier: kompliziert. Bei Frauen ist wie gesagt das Tagträumer-Netzwerk (Default-Mode-Netzwerk) stärker vernetzt: jenes Netzwerk, das aktiv wird, wenn wir tagträumen oder Ideen neu kombinieren. Ein Zusammenhang mit Kreativität ist naheliegend. Ein Beweis, dass Frauen kreativer sind, ist es definitiv nicht.

«Frauen- und Männerhirn sind komplett verschieden.» Stimmt tatsächlich, nur nicht so, wie man denkt. Frauen haben im Schnitt 14 Prozent dichtere lokale Vernetzung, Männer ein «verteilteres» Netzwerk mit wenigen starken Fernverbindungen. Zwei unterschiedliche Betriebssysteme, könnte man sagen. Keines davon ist das «bessere» Gehirn.

«Männer können sich Dinge räumlich besser vorstellen.» Stimmt im Schnitt ein bisschen. Ist aber trainierbar: Eine grosse Meta-Analyse aus über 200 Trainingsstudien zeigt, dass sich räumliches Denken mit Übung deutlich verbessern lässt. Der Abstand zwischen den Geschlechtern schrumpfte dann fast komplett.

«Frauen denken nicht in Schubladen.» Der ironischste Punkt zum Schluss: Die Forschung tut sich damit auch schwer. Manche sprechen vom «Mosaik-Gehirn»: Jedes Gehirn mischt verschiedene neuronale Muster. Unbestritten ist: Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind massiv grösser als zwischen den Geschlechtern. Wer hier in Schubladen denkt, hat das eigentliche Ergebnis überlesen.

Fazit: Es gibt nicht «das» Frauenhirn, aber es gibt ein Gehirn, das ein Leben lang im Umbau steckt und trotzdem Höchstleistung bringt. Zeit, ihm dafür etwas mehr Respekt entgegenzubringen, es gerade in den grossen Umbauphasen gut zu pflegen. Und es in der Forschung nicht länger nur als Fussnote zu behandeln. Seit ich bei Hirncoach bin, habe ich gelernt, meinem eigenen Gehirn in diesen intensiven, aber auch spannenden Phasen mehr Geduld entgegenzubringen, statt mich für «Nebel im Kopf» zu verurteilen. Fit im Kopf heisst am Ende nicht, einem Klischee zu entsprechen. Sondern zu wissen, was wirklich in einem steckt.

Zur Autorin

Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

Kommentare

User #5794 (nicht angemeldet)

Man und Frau waren nie gleich und werden es auch nie sein. Man braucht kein Neurologin sein und das zu kapieren

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