Zoo Zürich kämpft mit einheimischen «Untermietern»
Der Zoo Zürich ist auch Lebensraum für einheimische Tiere. Martin Bratteler erklärt, welche Auswirkungen das auf Zoo und Umwelt hat.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Zoo Zürich ist nicht nur die Heimat vieler exotischer Arten – auch einheimische Tiere leben dort.
- Das hat Auswirkungen auf den Zoo und die Umwelt.
- Graureiher attackieren teilweise sogar Tierpflegerinnen und -pfleger.
Der Zoo Zürich ist nicht nur die Heimat vieler exotischer Arten. Auch einheimische Tiere haben ihn als Lebensraum und Rückzugsort entdeckt.
Martin Bratteler, Abteilungsleiter Edukation und Inhaltsentwicklung im Zoo Zürich, erklärt im Interview, welche Effekte dies auf Tiergarten und Umwelt hat.
Redaktion: Der Zoo Zürich ist nicht nur die Heimat vieler exotischer Tierarten, auch Teile der heimischen Fauna haben ihn zu ihrem Lebensraum gewählt. Warum ist der Zoo auch für diese Arten interessant?
Martin Bratteler: Wegen des attraktiven Gesamtpakets. Zum einen ist die Nahrung leichter verfügbar. Statt mühsam zu suchen oder zu jagen, nutzen die heimischen Wildtiere das vorhandene Angebot an Futter für unsere Tiere im Zoo teilweise mit.

Zusätzlich bieten wir passende Lebensräume an wie kleine Wassertümpel, Sandflächen oder Totholzstämme, also ökologische Nischen, die in der Natur immer seltener geworden sind.
Bei einigen Arten mag hinzukommen, dass sie bei uns auch besser vor ihren natürlichen Feinden geschützt sind.
Redaktion: Wie viele Tierarten leben als «Untermieter» im Zoo Zürich?
Bratteler: Wir haben bei den Vögeln rund 100 Arten gezählt, von denen einige den Zoo als festes Revier betrachten. Darunter der Turmfalke, der im Bereich des Zoolino ein Nest gebaut hat, dann ein Krähenpaar, das sein Territorium im oberen Bereich des Zoos hat, oder ein Spatzenschwarm, der den Kaeng Krachan Elefantenpark erobert hat.
Bei anderen Tierklassen haben wir das bislang nicht überprüft. Ich schätze aber, dass etwa eine Handvoll heimischer wilder Säugetierarten sowie etwa ein Dutzend Amphibien- und Reptilienarten den Zoo ebenfalls als ihr Reich betrachten.
Redaktion: Wo wird die Ansiedlung gezielt gefördert und inwieweit trägt der Zoo Zürich damit zum Erhalt der biologischen Vielfalt bei?
Bratteler: Im Sinne des Artenschutzes bieten wir schon seit vielen Jahren den Störchen Horste und Nistbäume an. Für Mauersegler und Turmfalken wurden Brutkästen angebracht.
Und für Amphibien haben wir in den Abwasserschächten in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Tierschutz Ausstiegshilfen montiert. Es gibt beim Lorihaus Nisthilfen und offene Sandflächen für Insekten sowie den extra für heimische Arten angelegten Garten vor dem Insektenwald.

Zudem schätzen Amphibien und Reptilien die Wasserstellen in vielen Tieranlagen. Wenn wir diese reinigen und das Wasser ablassen müssen, dann werden die Zuzüger zuvor abgesammelt und nach der Putzaktion wieder zurückgesetzt.
Zudem arbeiten wir mit Grün Stadt Zürich zusammen. Sie unterstützen uns dabei, viele Flächen ideal für die heimische Fauna zu gestalten.
Insgesamt würde ich sagen, dass wir damit durchaus einen beachtenswerten Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt in Zürich leisten.
Redaktion: Nun sind aber nicht alle «Untermieter» willkommen. Welche Arten will man lieber ausserhalb der Zoogrenzen behalten und warum?
Bratteler: Bei den unbeliebtesten Gästen steht der Fuchs an vorderster Stelle. Gibt es irgendwo ein unentdecktes Loch in der Umfriedung, ist er einen Tag später drin.
Und dann haben wir ein Problem, denn Füchse sind nicht nur in der Lage, Vögel bis zur Grösse eines Flamingos zu erbeuten, sondern können zudem Krankheiten wie zum Beispiel Räude, Krätze oder den Fuchsbandwurm übertragen.
Krähen wiederum können zur Gefahr für Jungvögel werden. Zu einem Problem haben sich auch die Graureiher entwickelt. Die klauen den Pinguinen oft das Futter direkt aus dem Schnabel raus und stibitzen den Fischottern die Futterküken, wenn diese sie nicht schnell genug fressen.
Dagegen bereiten uns andere potenzielle Krankheitsüberträger wie Ratten, Mäuse oder Kakerlaken dank hoher Hygienestandards und entsprechenden baulichen Massnahmen keine nennenswerten Probleme.

Eher nervig statt gefährlich sind die Spatzen. Die sind unter anderem bereits in die Ausstellungshütte bei den Dschelada-Pavianen eingedrungen und haben dort die Vitrinen vollgekotet.
Redaktion: Und wie hält man diese unerwünschten Gäste konkret vom Zoo und seinen Anlagen fern?
Bratteler: Eine der wichtigsten Massnahmen ist der Fuchssichere Aussenzaun, der den ganzen Zoo umgibt. Das hält aber natürlich keine Vögel fern. Wir setzen daher auch auf Anpassungen im Management, beispielsweise bei der Fütterung.
Wenn das Fleisch für den Tiger in einem Sack steckt, dann hat der Tiger erstens mehr Arbeit, um an seine Beute zu kommen, und die Krähen kommen gar nicht mehr ran.
Bei der erwähnten Ausstellungshütte wiederum haben wir zur Spatzenabwehr am Eingang einen Seilvorhang angebracht und offene Stellen am Dach mit Drahtgittern abgedeckt.
Oder wir versuchen, die unerwünschten Besucher auf möglichst schonende Art anderweitig zu vergraulen, ohne dass deswegen Gäste, Mitarbeitende oder die eigentlichen Zootiere in Gefahr geraten.
Das ist oft gar nicht so leicht. Gift kann man nicht einsetzen. Biologische Schädlingsbekämpfer taugen auch nicht überall.
Und einige Eindringlinge wie etwa die Graureiher werden immer mutiger, sodass sie die Tierpflegerinnen und -pfleger mit ihren langen Schnäbeln attackieren, wenn diese sie verscheuchen wollen. Dieses Problem war und ist somit ein Dauerthema.
Redaktion: In einigen Fällen gab es in der Vergangenheit in europäischen Zoos auch unerwünschte Hybridisierung wegen wilder Zuzügler, gerade bei Wasservögeln. Besteht diese Gefahr auch im Zoo Zürich?
Bratteler: Nein. Zwar fliegen gelegentlich Mandarinenten – eine invasive Art, die ursprünglich aus Ostasien stammt – vom Zürichsee zu uns hoch.
Sie sind aber verwandtschaftlich zu weit von den bei uns ausserhalb von Volieren oder Häusern gehaltenen Wasser- vögeln entfernt, als dass sie sich mit diesen erfolgreich kreuzen könnten.

Redaktion: Immer wieder hört und liest man von heimischen Wildtieren, die in Tiergärten Opfer von Zootieren werden, etwa wenn sich ein Reiher in ein Löwengehege verirrt. Ist dies ebenfalls problematisch?
Bratteler: Das kommt vor und ist auch nicht zu vermeiden, wenn man nicht sämtliche Zoolebensräume hermetisch abriegeln will.
So ist letztes Jahr bei uns ein Storch auf seinem Jungfernflug bei den Tigern gelandet und musste dieses Missgeschick mit dem Leben bezahlen. Solche Fälle sind aber Ausnahmen.
Redaktion: Was geschieht mit Zoo-Findlingen, also Tieren, die nur aufgrund einer Verletzung, Krankheit oder Ähnlichem den Zoo aufgesucht haben?
Bratteler: Die geben wir nach einer Erstversorgung – sofern diese möglich ist – umgehend an dafür ausgerüstete Organisationen weiter. Der Zoo ist keine Auffangstation für heimische Wildtiere.
Die einzige Ausnahme bilden Fledermäuse. Hier unterstützen wir gemeinsam mit dem Zürcher Tierschutz die Stiftung Fledermausschutz beim Betrieb des Fledermausschutz-Nottelefons und der Fledermaus-Notpflegestation, die Fledermäuse in Not aufnimmt, gesund pflegt und genesene Tiere wieder in die Natur entlässt.
Redaktion: Wo im Zoo lassen sich die freiwilligen tierischen Zuzüger am besten beobachten?
Bratteler: Generell überall, wo es Wasser hat. Schlangen wie die Ringelnatter beispielsweise kommen hierher, um Frösche zu jagen (der Autor konnte selbst zwei der Schlangen während des Interviews im Graben bei den Dschelada-Pavianen beobachten).

Beim Weg Richtung Elefantenpark kann man aktuell zwischen den Steinen und Felsen Mauereidechsen entdecken. Bei den Fischottern haben sich vereinzelt Zauneidechsen angesiedelt.
Die Nisthilfen für Wildbienen werden nebst den dafür vorgesehenen Bewohnern auch von anderen Insekten genutzt, insbesondere im Frühling. An der Aussenwand vom Aquarium und im Zoolino sind Nisthilfen speziell für Mauersegler montiert, die auch rege genutzt werden – teilweise auch von anderen Vogelarten.
Man braucht einfach etwas Geduld und muss die Augen nach Spuren wie Kot oder abgestreifter Schlangenhaut offen halten.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.







