Rosarote Brille: Warum unser Gehirn so gerne verliebt ist
Schockverliebt in die kleinen Dinge: Maria Brasser erklärt in ihrer Kolumne, warum bewusste Glücksmomente guttun und in Erinnerung bleiben.

Das Wichtigste in Kürze
- Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
- Heute schreibt Brasser darüber, wie das Gehirn Begeisterung und Staunen erlebt.
Kennst du das Gefühl, verliebt zu sein? Das Herz schlägt schneller, die Welt scheint plötzlich ein bisschen heller und schöner – und für einen kurzen Moment ist alles andere unwichtig.
Auch wenn ich schon länger mit meinem Mann zusammen bin, passiert mir das tatsächlich immer wieder. Beispielsweise war ich letztens im Wald unterwegs, als der Himmel plötzlich in einem unglaublichen Rot zu leuchten begann. Ich blieb einfach stehen, dachte: Ich bin irgendwie «schockverliebt» in die Natur.
Oder wenn ich einen alten Baum genauer betrachte und über seine Geschichte staune. Bei einem tiefen Gespräch mit einem guten Freund, bei dem ich völlig die Zeit vergesse. Oder wenn ich einer Person zuhöre, die mich inspiriert.
Gehirn liebt solche Momente
In solchen Momenten bin ich hin und weg bin, tief berührt und voller Dankbarkeit. Eben irgendwie zusammengefasst «schockverliebt». In Menschen, in Dinge und in die Augenblicke.
Das Spannende daran: Unser Gehirn liebt solche Momente!
Deshalb achte ich seit einiger Zeit auch eher darauf, solche Momente wahrzunehmen. Und bewusst zu geniessen.

Was passiert eigentlich im verliebten Gehirn?
Wer frisch verliebt ist, kennt es: Wir denken ständig an diese eine Person, können kaum schlafen, haben diese bekannten «Schmetterlinge» im Bauch. Und laufen mit einem Dauergrinsen durch die Gegend.
Doch was passiert dabei eigentlich in unserem Kopf? Forschende haben frisch verliebten Menschen Fotos ihrer Liebsten gezeigt und gleichzeitig ihre Hirnaktivität gemessen.
Und siehe da: Besonders aktiv waren jene Hirnregionen, die zu unserem Belohnungs- und Motivationssystem gehören. Deshalb ist Verliebtsein nicht einfach nur ein schönes Gefühl. Es ist auch ein unglaublich starker Antrieb!
Gleichzeitig läuft unser Gehirn gewissermassen auf Hochtouren. Wir sind aufmerksamer gegenüber der geliebten Person, erinnern uns an kleinste Details und können kaum aufhören, an sie zu denken.
Weniger Angst, weniger kritisch
Und jetzt kommt etwas besonders Spannendes: Studien zeigen, dass bei Verliebten gewisse Hirnregionen, die an kritischen Bewertungen beteiligt sind, weniger stark reagieren.
Auch die Aktivität in Teilen unseres Angstsystems nimmt ab, weshalb wir auch eher bereit sind etwas zu riskieren.
Die berühmte rosarote Brille gibt es also tatsächlich, zumindest ein Stück weit, auch im Gehirn!
Unser Gehirn liebt nicht nur Menschen
Doch unser Gehirn hat noch eine andere wunderbare Fähigkeit: Es kann sich für ganz viele Dinge begeistern: Ein Sonnenuntergang, ein Musikstück, das uns mitten ins Herz trifft. Ein überraschendes Kompliment – oder eine neue Idee, die uns nicht mehr loslässt.
Natürlich ist das nicht ganz dasselbe wie romantische Verliebtheit. Aber: Einige der beteiligten Mechanismen überschneiden sich absolut. Deshalb nenne ich dies einfach auch «schockverliebt».
Neuheit aktiviert Dopaminsystem
Unser Gehirn reagiert besonders stark auf Dinge, die neu, überraschend oder persönlich bedeutsam sind.
Studien zeigen, dass Neuheit unser Dopaminsystem aktivieren kann. Und Dopamin spielt nicht nur bei Motivation eine Rolle, sondern kann auch sehr stark mitbeeinflussen, wie gut wir neue Informationen abspeichern.
Und was uns emotional berührt, bleibt viel besser in Erinnerung.
Deshalb erinnern wir uns auch noch ganz genau an einen ersten Kuss, ein wunderschönes Naturerlebnis oder einen Moment, in dem wir vor Freude kaum wussten, wo uns der Kopf steht.
Warum wir das Staunen wieder lernen sollten
Leider gibt es einen kleinen Haken: Unser Gehirn gewöhnt sich unglaublich schnell. Was uns gestern noch begeistert hat, ist heute bereits selbstverständlich.
Der wunderschöne Blick aus dem Fenster, der vertraute Mensch an unserer Seite oder der tägliche Spaziergang durch die Natur. Irgendwann nehmen wir vieles kaum noch bewusst wahr.

Unser Gehirn versucht Energie zu «sparen», indem es Bekanntes weniger stark beachtet. Das ist einerseits genial, andererseits aber auch ein bisschen schade. Denn wie viele wunderbare Dinge übersehen wir dadurch jeden Tag?
Aber, und jetzt kommt die gute Nachricht ist: Wir können unser Gehirn wieder stärker fürs Staunen (und vielleicht auch ein wenig fürs «Schockverlieben») sensibilisieren.
Sechs Ideen, um dich öfter neu zu «verlieben»
Mach etwas Neues: Nimm einen anderen Weg zur Arbeit, probiere ein unbekanntes Gericht oder entdecke einen Ort, an dem du noch nie warst. Unser Gehirn liebt Abwechslung.
Übrigens zeigen Studien, dass auch Paare davon profitieren, wenn sie gemeinsam neue und aufregende Dinge erleben.
Geh auf einen Staunspaziergang: Eine besonders schöne Studie untersuchte ältere Menschen, die während acht Wochen regelmässig spazieren gingen.
Ein Teil erhielt die Aufgabe, unterwegs bewusst nach Dingen Ausschau zu halten, die Staunen auslösen. Diese Menschen berichteten im Vergleich zur anderen Gruppe von signifikant veränderten positiven Gefühlen. Und fühlten sich auch stärker mit ihrer Umwelt verbunden.
Schau genauer hin: Wann hast du zuletzt einen Baum, eine Blume oder das Gesicht eines vertrauten Menschen wirklich genau betrachtet?
Versuche einmal, deine Umgebung mit den Augen eines Kindes zu sehen. Du wirst staunen, was du plötzlich alles entdeckst.
Geniesse schöne Momente etwas länger: Wenn dich etwas begeistert, geh nicht gleich weiter. Bleib kurz stehen, nimm den Moment bewusst wahr und lass ihn auf dich wirken.
Dieses bewusste Geniessen wird in der Psychologie «Savoring» genannt und verstärkt positive Glücksgefühl.
Teile deine Begeisterung: Erzähle jemandem von deinem schönen Erlebnis. Oder noch besser: Erlebe gemeinsam etwas, das dich begeistert.
Studien zeigen, dass das Teilen positiver Erlebnisse unsere Freude und Verbundenheit stärkt.
Lass dich überraschen: Wir planen, organisieren und strukturieren unseren Alltag oft bis ins kleinste Detail. Dabei entstehen manche der schönsten Momente ganz ungeplant.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, zwischendurch bewusst etwas Raum für Überraschungen zu lassen?
Ein bisschen mehr Schockverliebtheit im Alltag
Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, mich jede Woche mindestens fünf Mal neu «zu verlieben». In einen Menschen, einen Gedanken, ein Musikstück oder einfach einen wunderschönen Augenblick.

Denn vielleicht brauchen wir gar nicht immer mehr, immer Neues und immer Aufregenderes, um glücklich zu sein. Vielleicht müssten wir manchmal einfach wieder genauer hinschauen und uns von dem begeistern lassen, was längst da ist.
Worin hast du dich zuletzt so richtig «verliebt»? Schreib es in die Kommentare.
Zur Autorin
Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.








