Jetzt nehmen wir das Männerhirn genauer unter die Lupe!

    Maria Brasser
    Maria Brasser

    Zürich,

    Testosteron, Väterhirn und Alterung: Maria Brasser blickt in ihrer Kolumne auf das Männerhirn – und räumt mit einigen hartnäckigen Mythen auf.

    Maria Brasser
    Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser. - Nau.ch / Daniel Zaugg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
    • Heute schreibt Brasser über das «Männerhirn».

    Die letzte Kolumne zum Frauenhirn hat ja einiges an Reaktionen ausgelöst. Das finde ich hochspannend. Ich bin immer begeistert, wenn Texte nicht einfach gelesen werden, sondern etwas auslösen.

    Da insbesondere auch viele Männer kommentiert haben, dachte ich: Es wird höchste Zeit, einmal genauer hinzuschauen. Was passiert eigentlich über die Lebensspanne mit dem Männerhirn? Testosteron, Ellenbogenmentalität, Schubladendenken.

    Auch rund um das «Männerhirn» halten sich ziemlich hartnäckige Klischees. Und tatsächlich gibt es viele Unterschiede in vielerlei Hinsicht.

    Hier ein paar Fakten, die aufhorchen lassen: Der Männeranteil im Schweizer Baugewerbe liegt beispielsweise bei über 80 Prozent, ähnlich sieht es in der IT aus.

    frau am laptop, männer diskutieren, office
    Auch rund um das «Männerhirn» halten sich ziemlich hartnäckige Klischees. (Symbolbild) - Depositphotos

    Studien zeigen zudem, dass Männer im Durchschnitt etwas stärker nach Einfluss und Status streben. Aber Achtung: Daraus zu schliessen, dass das Männerhirn eben einfach so «verdrahtet» sei, wäre viel zu einfach.

    Erziehung, Rollenbilder, gesellschaftliche Erwartungen und unser Umfeld formen unser Gehirn ein Leben lang mit. Und dann wäre da noch die berühmte männliche «Nothing Box».

    Also die Vorstellung, Männer könnten ihr Denken wunderbar in einzelne Schubladen packen: Arbeit, Familie, Sport und zwischendurch einfach gar nichts. Schöne Vorstellung. Wissenschaftlich belegt ist sie allerdings nicht.

    Unser Gehirn liebt grundsätzlich Schubladen. Es kategorisiert, vereinfacht und sortiert, weil das Energie spart. Das machen Frauen genauso wie Männer. Zeit also, einige Klischees beiseitezulegen und zu schauen, was die Neurowissenschaft tatsächlich über das Männerhirn weiss.

    Vaterwerden verändert auch das Gehirn

    Einer meiner Lieblingsbefunde betrifft frischgebackene Väter. Forschende haben Männer nach der Geburt ihres ersten Kindes wiederholt im Hirnscanner untersucht. Und tatsächlich: Auch das Gehirn der Väter veränderte sich innerhalb weniger Wochen.

    Besonders spannend: Je stärker sich die Männer mit ihrem Baby verbunden fühlten, desto deutlicher zeigten sich später Veränderungen in Hirnregionen, die unter anderem mit Emotionen und sozialem Verhalten zu tun haben.

    Väter
    Auch das Gehirn der Väter veränderte sich innerhalb weniger Wochen. (Symbolbild) - keystone

    Das finde ich wunderschön, denn es zeigt etwas Grundsätzliches: Nicht nur Schwangerschaft und Geburt verändern ein Gehirn. Auch Beziehung und Erfahrung tun es.

    Unser Gehirn passt sich an das Leben an, das wir führen. Und kommen Männer eigentlich auch in die Wechseljahre? Jein.

    Eine eigentliche Menopause wie bei Frauen gibt es bei Männern nicht. Testosteron fällt normalerweise nicht plötzlich ab, sondern nimmt über viele Jahre langsam ab.

    Ab ungefähr 40 sinkt der Spiegel bei vielen Männern durchschnittlich um etwa ein Prozent pro Jahr. Manche merken davon praktisch nichts. Andere erleben mit zunehmendem Alter Müdigkeit, weniger Antrieb, Konzentrationsprobleme, Libidoverlust oder Stimmungsschwankungen.

    Glaubst du, dass Männer und Frauen neurologisch grundsätzlich sehr verschieden sind?

    Deshalb spricht man wissenschaftlich eher von einem altersbedingten Testosteronmangel als von einer «Andropause». Und Testosteron wirkt eben nicht nur unterhalb der Gürtellinie. Auch das Gehirn besitzt Rezeptoren dafür.

    Das Hormon beeinflusst unter anderem Motivation, Stimmung und unser soziales Verhalten. Deshalb lohnt es sich, bei deutlichen Veränderungen genauer hinzuschauen, statt sie einfach mit «Älterwerden» abzutun.

    Macht Testosteron aggressiv?

    Das ist wahrscheinlich eines der hartnäckigsten Klischees überhaupt: Viel Testosteron gleich aggressiver Mann. So einfach funktioniert unser Gehirn zum Glück nicht.

    Testosteron scheint unser Gehirn stärker auf Status, Konkurrenz und soziale Signale auszurichten. Es macht uns also aufmerksamer dafür, wo wir in einer Gruppe stehen und was andere von uns wollen.

    Was daraus entsteht, hängt aber stark von der Situation und vom Menschen selbst ab. Testosteron kann Konkurrenzverhalten fördern. Unter bestimmten Bedingungen aber genauso faires oder sozial angepasstes Verhalten, wie verschiedene Studien zeigen.

    Es ist also weniger ein «Aggressionshormon» als ein Verstärker dafür, was in einer sozialen Situation gerade wichtig ist. Übrigens produzieren Frauen ebenfalls Testosteron.

    Männer haben davon im Durchschnitt allerdings ein Mehrfaches. Problematisch wird es beim künstlichen Muskelboost. Eine ganz andere Geschichte sind Anabolika.

    Fuau maht Yoga in den Bergen mit Aussicht
    Frauen produzieren ebenfalls Testosteron. (Symbolbild) - Depositphotos

    Hier wird dem Körper über längere Zeit künstlich eine sehr hohe Dosis hormonähnlicher Substanzen zugeführt. Und das kann offenbar auch im Gehirn Spuren hinterlassen.

    In einer Studie untersuchten Forschende langjährige Anabolikakonsumenten und berechneten anhand ihrer Hirnscans, wie «alt» ihr Gehirn biologisch wirkte. Das Resultat war ziemlich eindrücklich: Bei langjährigem Konsum zeigte das Gehirn Zeichen einer beschleunigten Alterung.

    Und je länger die Männer Anabolika konsumiert hatten, desto ausgeprägter war der Effekt. Der vermeintliche Muskelboost kann also einen Preis haben, den man von aussen nicht sieht.

    Das Männerhirn gibt es nicht

    Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft überhaupt. Ja, Männer und Frauen unterscheiden sich biologisch. Natürlich spielen Hormone eine Rolle. Und ja, auch im Gehirn finden wir im Durchschnitt gewisse Unterschiede. Aber Durchschnitt ist eben nicht Individuum.

    Die Unterschiede zwischen zwei Männern können grösser sein als der durchschnittliche Unterschied zwischen Männern und Frauen. Unser Gehirn ist kein starres Organ, das bei der Geburt auf «männlich» oder «weiblich» programmiert und danach fertig ist.

    Es verändert sich durch Beziehungen, Erfahrungen, Stress, Schlaf, Bewegung, Lernen und unseren gesamten Lebensstil. Deshalb würde ich auch bei Beschwerden im mittleren Lebensalter nicht vorschnell nur auf Testosteron schauen.

    Maria Brasser
    Dr. Maria Brasser ist Kolumnistin auf Nau.ch. - Nau.ch / Daniel Zaugg

    Wer plötzlich ständig müde ist, sich schlecht konzentrieren kann, kaum noch Antrieb hat oder eine deutliche Veränderung seiner Stimmung bemerkt, sollte das ernst nehmen und abklären lassen.

    Und gleichzeitig können wir unserem Gehirn in jedem Alter enorm viel Gutes tun: bewegen, ausreichend schlafen, Beziehungen pflegen, Neues lernen und unser Gehirn immer wieder herausfordern.

    Denn egal ob Männerhirn oder Frauenhirn: Es bleibt ein Leben lang erstaunlich formbar. Fit im Kopf, mehr vom Leben!

    Zur Autorin

    Dr. Maria Brasser ist Neurowissenschaftlerin, Lehrerin und Mitgründerin von Hirncoach, dem führenden Spezialisten für die Hirngesundheit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Programme für Eltern, Schulen und Unternehmen – unter anderem zur Stärkung der mentalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie zu einem klugen, hirngerechten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. Interessiert? Infos unter hirncoach.ch.

    Kommentare

    User #1658 (nicht angemeldet)

    Frauen haben viel gelernt von den Männerhirnen

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