Digitale Ketten: Hardware hui, Software pfui

Maia Schmied
Maia Schmied

Bern,

Sitzheizung nur gegen Gebühr? «Functions-on-Demand» wandeln Autos in Abo-Modelle um. Haben digitale Sperren der Hersteller wirklich eine Zukunft?

BMW i7
BMW sorgte mit der Idee, Sitzheizungen im Abo anzubieten, für viel Gesprächsstoff. Mittlerweile ist z.B. die Lenkradheizung in den «ConnectedDrive Upgrades» fest integriert, . - BMW

Du sitzt in deinem neuen Wagen und geniesst das hochwertige Cockpit. Die Taste für die Sitzheizung ist da, doch beim Drücken erscheint nur ein Hinweis auf dem Display.

Dein Fahrzeug verlangt nun eine Kreditkartenzahlung, um die bereits verbaute Hardware zu aktivieren. Solche «Functions-on-Demand» basieren auf einer zentralen Steuereinheit mit gesperrter Software-Architektur.

Was früher mechanisch gelöst wurde, entscheidet heute ein digitaler Freischaltcode in der Cloud. Für viele Schweizer Autofahrer fühlt sich dieser Trend wie eine versteckte Dauermiete an.

Das Geschäftsmodell hinter der digitalen Sperre

Die Hersteller verbauen weltweit oft identische Hardware-Komponenten in grossen Serienfertigungen. Das senkt die Produktionskosten massiv und vereinfacht die gesamte Logistikkette drastisch.

Erst nach der Auslieferung entscheiden die Kunden über die digitale Aktivierung. Über das Infotainment-System lassen sich Upgrades wie Fernlichtassistenten oder Navigationsdaten einfach nachbuchen.

Q4 e-tron 55 e-tron quattro
Beim Q4 e-tron können Besitzer diverse Funktionen über die «myAudi» App hinzubuchen, falls diese beim Kauf nicht konfiguriert wurden. Beispiele: Fernlichtassistent oder MMI Navigation plus. - Audi

Für die Konzerne bedeutet das eine kontinuierliche Einnahmequelle über den Verkaufspreis hinaus. Diese Strategie verwandelt das physische Auto in ein skalierbares Software-Produkt.

Frust bei Schweizer Kunden über Extrakosten

Viele Käufer empfinden es als absurd, für bereits im Auto verbaute Teile monatlich zu bezahlen. Besonders die Freischaltung von mehr Motorleistung oder Lenkwinkeln bei Elektroautos sorgt für hitzige Debatten.

Wer die monatliche Gebühr nicht mehr entrichtet, verliert sofort den Zugriff auf den gewohnten Komfort. Ein Wiederverkauf des Fahrzeugs wird durch diese personengebundenen Software-Lizenzen zudem erheblich erschwert.

Mercedes EQE
Mercedes nutzt FoD vor allem für Performance-Upgrades und technische Spielereien. Beispiele: Hinterachslenkung mit grösserem Einschlagwinkel, Beschleunigungs-Upgrade und der Park-Pilot. - Mercedes

Der Zweitbesitzer muss die gewünschten Funktionen oft erneut teuer beim Hersteller abonnieren. Dieser digitale Kontrollverlust schmälert für viele das klassische Gefühl von echtem Eigentum.

Flexibilität als schwaches Argument der Industrie

Die Industrie wirbt offensiv mit der neuen Flexibilität für die individuelle Nutzung. Wer nur im Winter eine Sitzheizung benötigt, kann diese gezielt für wenige Monate buchen.

In der Summe übersteigen die Abokosten jedoch meist schnell den einmaligen Aufpreis beim Kauf. Zudem bleibt die teure Hardware ungenutzt im Auto verbaut, falls man das Abo kündigt.

Tesla Modell 3
Tesla ist der Urheber dieses Geschäftsmodells. Da die Autos hochgradig standardisiert vom Band laufen, wird fast alles über die Software gesteuert. - Tesla (Screenshot)

Das zusätzliche Gewicht der inaktiven Komponenten belastet die Effizienz und die Reichweite permanent. Wirkliche Ersparnisse ergeben sich für die Nutzer in den seltensten Fällen.

Rechtliche Hürden und technische Risiken

In der Schweiz beobachten Konsumentenschützer die Intransparenz dieser digitalen Vertragsmodelle sehr genau. Oft fehlen klare Angaben darüber, ob gebuchte Funktionen bei einem Systemupdate erhalten bleiben.

Hacker versuchen bereits, die softwareseitigen Sperren der Hersteller illegal zu umgehen. Dies führt jedoch zum sofortigen Verlust der Garantie und gefährdet die Betriebserlaubnis.

Hersteller schützen ihre digitalen Ökosysteme daher mit immer komplexeren Verschlüsselungsmethoden. Ein Zurück zur einfachen, mechanischen Welt scheint für moderne Neuwagen ausgeschlossen.

Mehr zum Thema:

Kommentare

User #689 (nicht angemeldet)

H i n w e i s : Zum Glück sind wir Autofahrer nicht an irgendeinen Antrieb gebunden, wir können frei wählen und fahren daher einfach das Beste was der Markt im Moment hergibt, so einfach ist das! Vielleicht wechseln wir eines Tages auch noch zum E-Auto, aber da müsste vorher noch einiges passieren denn wie man ja sieht werden die Batterien und auch die übrige Elektronik laufend wieder geändert und verbessert, die Erfahrung hat somit gezeigt: Wer zu früh auf Batterieantrieb gewechselt hat ist jetzt der grosse Verlierer, sein Auto hat die alte Technik verbaut bekommen und kein Händler will später solche Ladenhüter haben oder gegen ein neues Auto an Zahlung nehmen, ausser er bekommt dieses dann fast geschenkt! Um auf ein Batterieauto zu wechseln müsste mindestens was besseres nachkommen als das was wir ja bereits schon haben und fahren. Wir können ja warten und lassen daher noch so gerne die naiven ungeduldigen den Milliardenschweren Fortschritt für unser Wohlergehen finanzieren. Vielen herzlichen Dank im voraus, ihr seid grosse Klasse😁!

User #1647 (nicht angemeldet)

Endlich wieder richtig grosse Nieren vor der Kühlerhaube, die dir im Rückspiegel sagen: Verpiss dich, oder ich fress dich!

Weiterlesen

BMW iX5 Hydrogen
171 Interaktionen
Profitabel
BMW i3 Limousine
183 Interaktionen
Neue BMW-Ästhetik

MEHR AUS STADT BERN

1 Interaktionen
Bern
1 Interaktionen
Im Kanton Bern