Gesundheit Aargau: Longevity beginnt früher als wir denken

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KSA, Tomas G. Petruccello

Aarau,

Was hält das Gehirn im Alter fit? Fachpersonen am KSA geben Einblick – und vertiefen das Thema an der «Woche des Gehirns».

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Wer bis ins hohe Alter gesund sein will, kann bereits jetzt einiges dafür tun. - Getty Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Longevity bezeichnet den Wunsch, möglichst lange gesund und beschwerdefrei zu leben.
  • Entscheidend dabei sind lebenslange Faktoren.
  • Dazu zählen Bewegung, soziale Kontakte, geistige Aktivität und Umgang mit Stress.
  • «Woche des Gehirns»: Erfahre am 16. & 17. März mehr an einem öffentlichen Vortrag am KSA.

Unsere Grosseltern haben uns immer wieder gemahnt: «Schlaft ausreichend, raus an die frische Luft und mehr unter die Leute.» Manch einer hat darüber vielleicht die Augen gerollt. Dabei wussten sie möglicherweise mehr über Longevity, als wir gedacht haben.

Longevity, also die Idee, nicht nur länger, sondern möglichst lange gesund zu leben, ist heute plötzlich in aller Munde. Auf Social Media, in Lifestyle-Magazinen, in wissenschaftlichen Studien. Was früher nach alltäglichen Ratschlägen klang, ist heute ein eigenständiges Forschungsfeld.

Auch am Kantonsspital Aarau (KSA) widmen sich Expertinnen und Experten diesem Thema, mit besonderem Fokus auf die Hirngesundheit. Denn oft entscheidet sie darüber, ob zusätzliche Lebensjahre auch zusätzliche Lebensqualität bedeuten.

Das Gehirn altert – ganz natürlich

«Bereits mit der Geburt sind wichtige neurobiologische Rahmenbedingungen für das spätere Leben angelegt», betont Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF der Klinik für Neurologie am KSA. Tatsächlich entwickelt sich unser Gehirn vor allem in Kindheit und Jugend rasant weiter. Doch auch danach bleibt es formbar. Fachleute sprechen von Neuroplastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen zu bilden, Erfahrungen zu speichern und sich an Veränderungen anzupassen.

«Das Hirnvolumen nimmt im Lauf des Erwachsenenlebens allmählich ab, Verarbeitungsprozesse werden langsamer und Informationen lassen sich weniger schnell abrufen.», erklärt der Neurologe. Das gehört zum normalen Altern und ist zunächst kein Krankheitszeichen. Wie stark sich Hirnvolumen und geistige Leistungsfähigkeit verändern, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.

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Dr. med. Tobias Piroth, Oberarzt mbF Neurologie / Leiter Bewegungsstörungen & Kognition (l.) und Simone Straubhaar Leitende Neuropsychologin (r.). - KSA

«Manche Menschen bleiben bis ins hohe Alter geistig fit, andere zeigen höhere Einbussen, ohne an einer Demenz zu leiden. Und dann gibt es krankhafte Prozesse wie Alzheimer oder andere Demenzerkrankungen, bei denen sich das Denken, Erinnern und der Alltag deutlich und anhaltend verschlechtern.», verdeutlicht Simone Straubhaar, leitende Neuropsychologin am KSA.

Entscheidend ist nicht der einzelne vergessene Name, sondern das Muster dahinter. Warnsignale sind eine klare Verschlechterung gegenüber dem früheren Niveau, wie Straubhaar veranschaulicht: «Veränderungen über mehrere Monate und zunehmende Schwierigkeiten im Alltag, etwa beim Bezahlen von Rechnungen, beim Einhalten von Terminen oder beim Umgang mit Medikamenten.»

Verpasse nicht die Woche des Gehirns am KSA

Öffentliche Vorträge am 16. und 17. März, jeweils 18.00 – 19.30 Uhr, Hörsaal Haus 1, Kantonsspital Aarau oder zum Nachschauen auf ksa.ch/brainweek

 

Montag, 16. März

Die Neurobiologie der Liebe

Prof. Dr. med. Krassen Nedeltchev (Oberarzt, Neurologie KSA)

 

Dienstag, 17. März

Longevity und Demenz

Dr. med. Tobias Piroth (Oberarzt mbF, Neurologie KSA)

Simone Straubhaar (Leitende Neuropsychologin, Neurologie KSA)

 

Für Menschen mit entsprechenden Fragen oder Auffälligkeiten ist eine spezialisierte Abklärung entscheidend. In der Memory Clinic des Kantonsspitals Aarau werden Veränderungen der Hirnleistung interdisziplinär eingeordnet, weil ihre Ursachen vielfältig sein können: Depressionen, Stoffwechselstörungen, Infektionen oder Gefässerkrankungen können ebenso dahinterstecken wie Alzheimer oder Parkinson.

Für die Longevity Diskussion neu ist, dass sich diese Prozesse bereits zu Lebzeiten erfassen lassen. Moderne Bildgebung, Liquoranalysen und zunehmend auch Bluttests machen krankhafte Veränderungen oft Jahre vor ersten deutlichen Symptomen sichtbar. Entscheidend ist deshalb, was wir tun können, bevor Symptome auftreten. Für Neuropsychologin Straubhaar liegt ein bedeutender Teil der Antwort in der sogenannten kognitiven Reserve.

Prävention gehört nicht auf die Ersatzbank

Die kognitive Reserve beschreibt die Widerstandskraft des Gehirns. Sie entsteht durch lebenslanges Lernen, geistige Aktivität, soziale Kontakte – und wird durch regelmässige Bewegung sowie eine gute Stressregulation zusätzlich gestärkt. «Menschen mit einer hohen kognitiven Reserve können selbst krankhafte Hirnveränderungen wie alzheimertypische Ablagerungen oft länger kompensieren.» sagt Straubhaar. «Sie zeigen bei denselben biologischen Veränderungen bessere kognitive Leistungen als Menschen mit weniger Reserve.»

Für das Thema Longevity ist das zentral. Es geht nicht nur darum, ob jemand eine Demenzerkrankung entwickelt, sondern wann und wie stark sie sich im Alltag bemerkbar macht. Kognitive Reserve kann die Zeit verlängern, in der Menschen selbstständig, sozial eingebunden und geistig aktiv bleiben. Sie verschiebt den Moment, in dem Krankheit Lebensqualität raubt.

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Im Rahmen der Woche des Gehirns gibt es am KSA öffentliche Vorträge zum Thema. - KSA

«Nicht alle Menschen haben die gleichen Voraussetzungen, um einen «hirngesunden Lebensstil» führen zu können» hält Dr. Piroth fest. «Bildung, Beruf, Arbeitszeiten, finanzielle Sicherheit und soziale Stabilität haben einen Einfluss darauf, wie viel geistige Anregung, Erholung oder Bewegung im Alltag überhaupt möglich sind.» Wer in belastenden Schichtsystemen arbeitet, wenig Spielraum für Erholung hat oder über Jahre hohem Stress ausgesetzt ist, kann weniger Reserven aufbauen als jemand mit stabilen Strukturen.

Prävention bedeutet deshalb mehr als die Vermeidung einer einzelnen Krankheit. Sie schützt vor einem ganzen Bündel von Risiken, die im Alter die Hirnleistung beeinträchtigen können, von Demenzerkrankungen über Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf- und Gefässerkrankungen.

Straubhaar zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: «Wenn man Longevity auch als geistig gesundes Leben versteht, haben die neuen Therapien aus meiner Sicht nur einen begrenzten Einfluss. Denn sie setzen erst ein, wenn der Krankheitsprozess bereits läuft und oft schon die Lebensqualität beeinträchtigt ist.» Der grösste Hebel für ein langes, geistig gesundes Leben liegt deshalb nicht bei einzelnen Massnahmen wie Medikamenten, sondern in dem, was Menschen über Jahrzehnte hinweg für ihr Gehirn aufbauen können.

Vielleicht hatten unsere Grosseltern also doch recht. Nicht, weil sie etwas von Biomarkern oder Neuroplastizität wussten, sondern weil sie instinktiv verstanden, was heute wissenschaftlich messbar ist: dass unser Gehirn ein Leben lang auf das reagiert, was wir ihm zumuten. Auf Bewegung und Ruhe, auf Nähe und Anregung, auf Stress und Erholung. Und vielleicht war genau das, was früher nach alltäglichen Ratschlägen klang, schon immer, der Kern von Longevity.

Neue Aussichten mit neuen Medikamenten

Seit Anfang Februar 2026 ist mit Donanemab nun auch in der Schweiz ein krankheitsverändertes Medikament zugelassen. Der Antikörper reduziert bestimmte Eiweissablagerungen, insbesondere Beta-Amyloid. «Diese neuen Medikamente können den Krankheitsverlauf verlangsamen», betont Dr. Piroth. «Heilen können sie die Erkrankung aber nicht.»

 

Die Medikamente wirken auch nicht bei allen Patienten mit kognitiven Störungen. «Die Medikamente kommen nur für Menschen in frühen Krankheitsstadien infrage und nur dann, wenn bestimmte biologische Marker vorliegen.» erklärt der Fachexperte. Diese liefern Hinweise, ob krankhafte Prozesse bereits laufen, oft lange bevor Symptome auftreten. Ob die Therapie im Einzelfall sinnvoll ist, erfordert eine sorgfältige Abklärung und individuelle Beratung an einem spezialisierten Zentrum, etwa in der Memory Clinic des KSA.

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