Das Bad in der Masse
Wer Massen verstehen will und lernen möchte, wie man sich darin richtig verhält, sollte sich die neue Ausstellung im Museum für Kommunikation anschauen.

Das Wichtigste in Kürze
- Stadion, Bahnhof oder Festival: Menschenmassen sorgen für unterschiedliche Emotionen.
- Die neue Ausstellung im Museum für Kommunikation widmet sich dem Thema.
- Sie gibt erhellende Einblicke ins alltägliche Phänomen der Menschenmasse.
- «Massen – Foules – Crowds» ist ab sofort und bis zum 19. Juli 2026 zu sehen.
Welche Emotion ordne ich der Menschenmasse zu? Einerseits erinnere ich mich noch gut an diesen enormen Andrang an einem Konzert am Gurtenfestival. Das Gedränge wurde immer grösser und unangenehmer. Plötzlich wogten Wellen durch die Masse, die einem von den Füssen zu holen drohten. Als Individuum verlor ich die Kontrolle – die Masse steuerte mich. Das Erlebnis war so unangenehm, dass ich es 20 Jahre später noch bildhaft vor Augen habe.

Auf der anderen Seite geniesse ich die Kraft der Masse. Im Sportstadion, wenn Tausende gemeinsam unser Team anfeuern. Oder bei einer Demonstration, wo plötzlich das Gefühl aufkommt: Gemeinsam können wir etwas bewegen, gemeinsam sind wir stark!
Die Bilder der Massen sind vielseitig, die Emotionen ambivalent. Klar ist: Menschenmassen tauchen in unserem Alltag immer wieder auf. Am Volksfest, beim Pendeln, im digitalen Raum. Sie sind ein Fakt, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten!
Masse ist …
Menschenmassen sind nicht definiert durch die Anzahl Menschen. Viel wichtiger ist, wie dicht die Menschen beieinanderstehen. Bei drei bis fünf Menschen pro Quadratmeter wird es unangenehm – man behindert sich gegenseitig. Bei fünf bis sieben wird es gefährlich und bei neun kann es tödlich enden. Glücklicherweise sind solche Situationen selten. Die Erkenntnisse der Massen-Forschung werden hier aber äusserst wertvoll. Bei dichten Massen braucht es übrigens weniger die Erkenntnisse der Psychologie, als vielmehr Wissen aus der Physik. Sie verhalten sich wie Flüssigkeiten. Die Menschen werden zu Wassertropfen im Fluss.

Es zeigt sich, wenn wir die Masse verstehen wollen, müssen wir uns verschiedenen Disziplinen zuwenden: Strömungsmechanik, Granularphysik, Mathematik, Verhaltenswissenschaften, Sozialpsychologie. Denn die Masse ist mehr als die Summe der beteiligten Individuen.
Massen verstehen
Den Ursprung hat die Massen-Forschung in den Volksaufständen am Ende des 19. Jahrhunderts. Massen sind mächtig und bedrohen die soziale Ordnung. Diese Vorstellung ist bis heute nicht ganz verschwunden. Auch wenn Menschenmassen deutlich vielseitiger sind als ihr Ruf. Wenn wir also unser Verhalten besser verstehen, können wir Verkehrswege besser planen, grosse Veranstaltungen sicherer machen und Menschenmengen für Filme und Videospiele realistisch simulieren.
Vieles davon lässt sich auch in den digitalen Raum übertragen. In sozialen Netzwerken bilden sich «digitale Massen» – sie geben Bewertungen ab, vergöttern Stars und stacheln sich gegenseitig an. Diese Phänomene sind nicht neu, Gerüchte gab es zum Beispiel schon immer. Doch die Geschwindigkeit und der Umfang der Verbreitung sind im digitalen Raum viel grösser.
Die Ausstellung «Massen – Foules – Crowds» im Museum für Kommunikation gibt einen tiefen Einblick in Menschenmassen – wie sie uns prägen, mitreissen und behindern. Und wir lernen, wie wir uns in Menschenmassen am besten verhalten. Das Museum für Kommunikation holt die von der Cité des sciences et de l’industrie in Paris entwickelte Erfolgsausstellung erstmals in die Schweiz. Vorbeischauen lohnt sich!
«Massen – Foules – Crowds»
Jetzt im Museum für Kommunikation!
Di-So von 10.00-17.00 Uhr, bis am 19. Juli 2026
Tickets: www.mfk.ch
26. Mai 2026: Fouloscopie live!
Erleben Sie den bekannten Massenforscher Mehdi Mussaid live in einem einmaligen Format im Kulturlokal La Cappella in Bern. Sie werden staunen, wie unterhaltsam Massenforschung sein kann!
Tickets: la-cappella.ch






