Bulgaren-Bettler in der Schweiz werden von Clans geschickt

Wer profitiert von Kleingeldspenden im Pappbecher von Bettlern? Ein neuer Fall fördert Beunruhigendes zutage: Zu oft landen die Einnahmen bei kriminellen Clans.

Ein Mann bettelt in der Genfer Innenstadt: Oft landen die Einnahmen bei kriminellen Clans, wie ein neuer Gerichtsfall zeigt. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein neuer Gerichtsfall aus Genf wirft ein trauriges Licht auf Betteln in der Schweiz.
  • In vielen Fällen landet das Geld bei kriminellen Clans, die Bedürftige zwangsrekrutieren.
  • Bettlern aus Osteuropa sollte man deshalb kein Bargeld geben, sagt die Fremdenpolizei.

Es ist eine traurige Realität auf unseren Strassen: Bettlerinnen und Bettler, die auch bei eisigen Temperaturen ausharren, in der Hoffnung auf eine Münze im Pappbecher.

Doch wer profitiert wirklich von diesen Spenden? Ein Fall aus Genf wirft ein beunruhigendes Licht auf diese Frage, wie die CH-Media-Zeitungen berichten.

In diesem Fall soll ein bulgarischer Clan Menschen aus prekären Verhältnissen rekrutiert oder sogar «gekauft» haben. Danach brachte er sie zum Betteln nach Genf und Lausanne. Die Einnahmen landeten nicht bei den Bedürftigen selbst, sondern flossen zurück zur Familie in Bulgarien.

Der Gerichtsfall soll Einblicke darin liefern, wie die Ausbeutung von bettelnden Personen konkret aussieht. (Symbolbild) - keystone

Alexander Ott, Chef der Fremdenpolizei Bern und Experte im Kampf gegen Menschenhandel, erklärt: «Die Schwierigkeit liegt darin, die Vorgänge lückenlos aufzudecken und vor Gericht zu bringen.»

Er hofft nun, durch den Genfer Fall neue Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie dieser Rekrutierungsprozess genau abläuft. Der Fall soll Einblicke liefern, wie die Ausbeutung von bettelnden Personen konkret aussieht.

Zwei Männer bereits verurteilt

Im August 2021 nahm die Polizei in Genf ein bulgarisches Ehepaar, zwei ihrer Söhne und einen Neffen fest. Sie wurden des Verdachts der Zwangsbettelei beschuldigt. Bei den Razzien stiess die Polizei auf rund 30 Personen, die in Notunterkünften schliefen, darunter auch drei Kleinkinder.

Ein Sohn und der Neffe wurden bereits wegen Menschenhandels und Geldwäsche verurteilt. Sie haben zugegeben, dass sie jeweils mindestens zwei Bulgaren rekrutiert haben. Diese haben dann für sie gebettelt und ihnen dann fast alle Einnahmen abgeben müssen. Ihre Gefängnisstrafen belaufen sich auf 35 beziehungsweise 30 Monate.

Verwandte fallen sich in den Rücken

Das Familienimperium begann zu bröckeln, als einige Familienmitglieder gegen ihre Verwandten aussagten. Dadurch geriet auch die Mutter des verurteilten Neffen ins Visier der Behörden – sie ist seit einem Jahr in Untersuchungshaft.

Bettlerinnen und Bettlern aus Osteuropa solle man am besten gar kein Geld geben, erklärt die Fremdenpolizei. (Symbolbild) - keystone

Sie wird verdächtigt, von 2018 bis 2021 Zwangsbettelei betrieben zu haben: teilweise zusammen mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann sowie ihrem Sohn, der bereits rechtskräftig verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft schätzt die Einkünfte auf mehrere Hunderttausend Franken.

Bettler aus Bulgarien oder Rumänien «ausnahmslos» Clan-Mitglieder

Alexander Ott erklärt: «Wir wissen, dass osteuropäische Bettlerinnen und Bettler in der Schweiz in patriarchalen Familienstrukturen organisiert sind.» Er empfiehlt daher, keine Bargeldspenden an ausländische Bettler zu geben. Bei Bettlerinnen und Bettlern aus Bulgarien und Rumänien handle es sich demnach «ausnahmslos» um Mitglieder von Clans.

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Haben Sie schon einmal osteuropäischen Bettlern Geld gegeben?

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82%

Das Sozialwerk Pfarrer Sieber hingegen rät dazu, auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Sprecher Walter von Arburg sagt gegenüber CH Media: «Es ist oft sinnvoller, ihnen statt Geld Zeit zu schenken und mit ihnen das Gespräch zu suchen.» Das stärke ihre Würde und ermögliche es, mehr über die geplante Verwendung des erbettelten Geldes zu erfahren.