60 Jahre Fiat 124: Turins globaler Bestseller
Kassenschlager und weltweites Phänomen: Wie der Fiat 124 vor 60 Jahren die automobile Weltordnung auf den Kopf stellte und Geschichte schrieb.

Im März 1966 präsentierte Fiat auf dem Genfer Autosalon eine auf den ersten Blick unaufgeregte Mittelklasselimousine. Hinter der sachlichen Karosserie des neuen Fiat 124 verbarg sich jedoch der Beginn einer weltweiten industriellen Zeitenwende.
Heute, exakt sechs Jahrzehnte nach der Weltpremiere, blickt die Branche auf ein historisches Phänomen der Automobilwirtschaft zurück.
Überzeugendes Gesamtpaket für Schweizer Autofahrer
Für die qualitätsbewusste Schweizer Kundschaft markierte der Neuling im Frühjahr 1966 ein wirtschaftlich hochgradig attraktives Angebot. Mit einem Schweizer Einstandspreis von exakt 7'300 Franken bot die Turiner Limousine enorm viel Gegenwert fürs Geld.

Vier serienmässige Scheibenbremsen setzten auf anspruchsvollen Passstrassen damals völlig neue Sicherheitsmassstäbe in diesem preissensiblen Segment. Der neukonstruierte 1.2-Liter-Vierzylinder leistete muntere 60 PS sowie ein maximales Drehmoment von standfesten 87 Newtonmetern.
Dank eines geringen Leergewichts von lediglich 855 Kilogramm erreichte der wendige Hecktriebler beachtliche 145 km/h Höchstgeschwindigkeit. Europas Fachjournalisten honorierten dieses stimmige Gesamtpaket folgerichtig mit dem prestigeträchtigen Titel «Auto des Jahres 1967».
Der milliardenschwere Ost-Pakt
Die wahre historische Tragweite des Modells entschied sich jedoch nicht im Westen, sondern hinter dem Eisernen Vorhang. Fiat-Präsident Vittorio Valletta unterzeichnete im Mai 1966 in Moskau ein industrielles Jahrhundertabkommen mit der sowjetischen Führung.

Am Fluss Wolga stampften italienische Ingenieure die gigantische Fabrikstadt Toljatti für eine Jahreskapazität von 660'000 Fahrzeugen aus dem Boden. Italienische Banken finanzierten das gewaltige Ostblock-Vorhaben mit einem beispiellosen Staatskredit über 320 Millionen US-Dollar.
Die Sowjetunion sicherte sich modernste westliche Fertigungstechnologie, während Turin lukrativen Devisenzufluss sowie günstige Rohstofflieferungen verbuchen konnte. Auf der italienischen Basisplattform entstand schliesslich der legendäre VAZ-2101, den westliche Märkte später als Lada kennenlernten.
Russische Kälte und globale Ableger
Für die maroden sowjetischen Strassenverhältnisse erwies sich die filigrane Turiner Originalkonstruktion allerdings als viel zu empfindlich. Russische Ingenieure verstärkten die selbsttragende Karosserie grundlegend und erhöhten die Bodenfreiheit um volle drei Zentimeter.

An der Hinterachse wichen die modernen italienischen Scheibenbremsen robusten Trommeln, um aggressivem Strassenschmutz und Schlamm zu trotzen. Ein neuer Motor mit obenliegender Nockenwelle garantierte verlässliche Kaltstarts selbst bei extremen sibirischen Temperaturen von minus vierzig Grad.
Gleichzeitig vergab Fiat weltweite Lizenzen nach Polen an FSO sowie nach Spanien an Seat. Die italienische Mittelklasse mutierte so zum automobilen Rückgrat des gesamten Ostblocks von Warschau bis nach Ostasien.
Helvetische Rostprobleme und ewiger Rekord
Mit über 17 Millionen gebauten Einheiten rangiert die 124er-Familie weltweit direkt hinter dem VW Käfer. In der Schweiz dezimierte das aggressive Streusalz der Wintermonate den Bestand der italienischen Originale jedoch dramatisch schnell.

Mangelnde Hohlraumversiegelung und minderwertige Stahlqualitäten liessen die eleganten Karosserien auf unseren Alpenstrassen binnen weniger Jahre verrosten. Heute kosten rare Schweizer Ersthand-Exemplare in makellosem Originalzustand bei Liebhabern meist über 18'000 Franken.
Im Ostern überlebte das Turiner Design seine westlichen Nachfolger um mehrere Dekaden und trotzte selbst dem Zusammenbruch des Kommunismus. Erst im April 2012 verliess der letzte Schiguli auf Fiat-124-Basis das russische Montageband in Ischewsk.












