47’000 km Härtetest: Im Adler 6 um die Welt
Wer braucht schon moderne Strassen für eine Weltreise? Clärenore Stinnes bewies allen das Gegenteil. Als erster Mensch in einem Serienauto um die Welt.

Autos taugten im Jahr 1927 angeblich nur für asphaltierte Stadtwege. Die Technik galt unter zeitgenössischen Experten als extrem anfällig für lange Strecken.
Der Adler Standard 6 leistete bescheidene 45 PS aus einem Reihen-Sechszylinder mit drei Litern Hubraum. Clärenore Stinnes ignorierte alle Bedenken der skeptischen Ingenieure komplett.

Sie startete eine unbarmherzige Härteprüfung über mehr als 47’000 Kilometer, meist ohne asphaltierte Strassen. Dieser waghalsige Trip veränderte den Blick auf die Belastbarkeit der Automobiltechnik für immer.
Technik-Check: Der Adler Standard 6 im Härtetest
Das Frankfurter Serienfahrzeug nutzte eine extrem starre Rahmenkonstruktion für maximale Belastbarkeit. Diese Bauweise schützte Karosserie und Achsen vor den brutalen Schlägen unbefestigter Wege.
Der Sechszylinder-Motor glänzte zudem mit thermischer Unempfindlichkeit bei grösster Hitze. Selbst in glühend heissen Wüstenregionen blieb das Aggregat voll betriebsbereit.
Ohne aufwendige Spezialumbauten hielt das Werkserzeugnis Tausenden Kilometern Dauerbelastung stand. Die verbaute Technik bewies damit eine bis dahin unerreichte Zuverlässigkeit auf Langstrecken.
Extreme Belastung für Mensch und Automobil
Das Leergewicht von über 1.3 Tonnen erwies sich in tiefen Sumpfgebieten als grosse Herausforderung. Die Motorleistung von 45 PS erforderte an steilen Gebirgspässen ständig extreme Muskelkraft.

Zudem besass der Adler eine unzureichende Bodenfreiheit für extrem zerklüftetes Felsgelände. Der ungeschützte Unterboden führte bei Felskontakt wiederholt zu gefährlichen Schäden an der Ölwanne.
Eis, Dynamit und der Ausfall des Teams
In Sibirien fror das Motorenöl bei minus 40 Grad Celsius regelmässig vollständig ein. Das Team erwärmte die zähflüssige Masse jeden Morgen mühsam über offenem Lagerfeuer.
In der weglosen Wüste Gobi versperrten riesige Felsblockaden das Weiterkommen der Fahrzeuge. Stinnes sprengte sich die Fahrspur kurzerhand mit mitgeführtem Dynamit durch die Felsen frei.

Die zwei mitgereisten Mechaniker hielten den extremen psychischen und physischen Strapazen übrigens nicht stand. Sie gaben in der russischen Wildnis auf und liessen die Pioniere alleine zurück.
Legendäre Zielankunft und technischer Ertrag
Nach zwei Jahren und einem Monat erreichte das Gespann im Juni 1929 schliesslich Berlin. Stinnes erbrachte damit den endgültigen Beweis für die weltweite Alltagstauglichkeit moderner Automobilität.
Nur der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström stand ihr bis zum Ziel getreu zur Seite. Aus der lebensgefährlichen Expedition erwuchs schliesslich eine Ehe zwischen der Fahrerin und ihrem Begleiter.
Die Frankfurter Adlerwerke nutzten diesen spektakulären Erfolg fortan für ihre weltweite Markenwerbung. Diese historische Fernfahrt setzte völlig neue Massstäbe für künftige Belastungstests der Fahrzeugentwicklung.







