Swiss Tennis: Warum sind unsere Tennis-Talente ständig verletzt?
Knie, Schulter, Rücken oder Fuss: Verletzungen bremsen die grössten Schweizer Tennis-Hoffnungen immer wieder aus. Swiss Tennis verzichtet jedoch auf Massnahmen.

Das Wichtigste in Kürze
- Verletzungen bremsen Schweizer Tennis-Talente wie Stricker oder Bernet wiederholt aus.
- Trotz der grossen Verletzungsmisere nimmt Swiss Tennis keinen Kurswechsel vor.
- Athletiktrainer Beni Linder begründet: «Es gibt bei uns keine wiederkehrenden Muster.»
- Verbandsarzt Harald Leemann weist auf die «früh einsetzende hohe Belastung» hin.
Vier Jahre nach dem Federer-Rücktritt wird Ende 2026 auch Stan Wawrinka abtreten. Es ist das endgültige Ende der goldenen Schweizer Tennisära. Noch immer ist der mittlerweile 40-jährige Wawrinka die Nummer 1 im Schweizer Herrentennis.

Dabei mangelt es nicht an Talenten. Leandro Riedi (24), Dominic Stricker (23), Jérôme Kym (22), Kilian Feldbausch (20) und Henry Bernet (18): Sie alle gehörten in den Junioren-Rankings zur Weltspitze.
Verletzungen bremsen Schweizer Talente aus
Doch trotz grossem Potenzial sind sie weit von den Top 100 der ATP-Weltrangliste entfernt. Ein grosses Problem, das alle gemeinsam haben: Verletzungen.
Knie- und Rückenprobleme zwangen Stricker und Kym in den letzten Jahren zu mehreren langen Wettkampfpausen. Und auch die jüngeren Feldbausch und Bernet verpassten seit ihrem Übergang ins Herrentennis schon mehrere Monate verletzt.
Besonders hart traf es Leandro Riedi: Kurze Einsätze auf der Tour wechselten sich bei ihm mit langwierigen Verletzungspausen ab. Wie Stricker und Kym musste er die Saison 2025 vorzeitig beenden.
«Grosse Lücke» zu erfahrenen Profis
Beni Linder, Athletikcoach von Swiss Tennis, erklärt Nau.ch die Schwierigkeit beim Übergang vom Junioren- in den Herrenbereich: «Plötzlich spielst du als 18-Jähriger gegen einen 28-Jährigen. Der hat zehn Jahre mehr Trainingserfahrung, konnte seine Bewegungen optimieren. Und ist zehn Jahre weiter in der athletischen Entwicklung.»

Ausserdem sei die Intensität viel höher: Es werde plötzlich schneller und länger gespielt als bei den Junioren. Dadurch gebe es athletisch «eine grosse Lücke» vom erfahrenen Athleten zum aufstrebenden Youngster.
«Keine wiederkehrenden Muster»
Swiss Tennis plant trotz der vielen Verletzungen keine radikalen Änderungen in der Nachwuchsausbildung. Linder: «Wenn sich gleiche Verletzungen anhäufen, kann und muss ein Verband reagieren.»
Als Beispiel nennt er Kreuzbandrisse in anderen Sportarten. «Wenn man bei uns schaut, gibt es diese wiederkehrenden Muster aber nicht. Die Verletzungen äussern sich auf unterschiedliche Arten.»

Deshalb steht für Linder «Individualität» im Zentrum: Jeder Athlet braucht eine Betreuung, die auf seine Voraussetzungen und Belastungsgeschichte zugeschnitten ist.
Individuelle Betreuung als Herausforderung
Für Swiss Tennis arbeiten der Athletikcoach und die anderen Nationaltrainer mit 15 SportlerInnen zusammen. Ob eine individuelle Betreuung so wirklich möglich ist? «Das ist unsere tägliche Challenge», sagt Linder.
Es brauche einen engen Austausch mit Tennistrainern und Physios sowie viele persönliche Gespräche mit den Athleten. Ziel sei es, die Talente in ihrer Zeit bei Swiss Tennis zu «mündigen Athleten» zu machen.

Er gibt zu: «Eine 1:1-Betreuung ist immer am besten. Aber den Preis für einen eigenen Athletiktrainer können nur ganz wenige bezahlen.»
Junioren «in Wachstumsphasen» besonders gefährdet
Sportmediziner Dr. med. Harald Leemann ordnet gegenüber Nau.ch ein: «Das moderne Leistungstraining ist durch eine früh einsetzende hohe Trainings- und Wettkampfbelastung geprägt.»

Schon im Juniorenalter gebe es hohe physische Anforderungen. «Häufig befinden sich junge Athletinnen und Athleten in sensiblen Wachstumsphasen, in denen sich Knochen, Sehnen und Muskulatur unterschiedlich schnell entwickeln.»
In diesem Kontext seien Kniebeschwerden und Ermüdungsbrüche bekannte Risiken. «Verletzungen im leistungsorientierten Nachwuchstennis stellen kein spezifisch schweizerisches Phänomen dar», stellt der Verbandsarzt von Swiss Tennis klar.
Mit 16 schon «weltweiter Vergleich»
Beni Linder sagt: «Ich glaube, Tennis ist eine sehr gesunde Sportart. Aber im Leistungssport treibst du deinen Körper so lange auf die Spitze, dass du auch Spitzenbelastungen hast.» Das absolute Limit zu suchen, gehöre im Spitzensport dazu.

In der Weltsportart Tennis sei der Konkurrenzkampf schon früh sehr gross: «Du hast mit 16 Jahren einen weltweiten Vergleich. Beispielsweise im Fussball sind Talente erstmal in den verschiedenen Stufen ihres Clubs unterwegs.»
System mit «Entwicklungsphasen»
Doch Swiss Tennis überwacht die Kader-Talente – gibt ihnen etwa die Turnierplanung vor. Und Athletiktrainer Linder verfolgt ein klares System: «Es gibt Turnier- und Entwicklungsphasen, die sich abwechseln. Zwischen zwei Entwicklungsphasen sollten sechs bis maximal zwölf Wochen liegen.»

Die Entwicklungsphasen bezeichnet er als Stützpfeiler für den Weg der Athleten. Nach einem gewissen Abschnitt braucht es neue Pfeiler, damit die Brücke nicht einstürzt. Schwierig für die Athleten, die nur mit Spielen Punkte und Geld verdienen.
Leemann betont: «Aus sportmedizinischer Sicht ist eine individuelle Belastungssteuerung zentral.» Es sei das Ziel von Swiss Tennis, die Gesundheit der Spielerinnen und Spieler langfristig zu fördern.
Manchmal bleibt nur «Pech»
Auf die Verletzungen der letzten Jahre angesprochen, wird von Verbandsseite zuletzt auch Pech als einer der Faktoren benannt. Linder führt aus: «Zwei Athleten hatten eine gute Reha-Phase, kommen zurück und machen einen Misstritt.»

In solchen Momenten könne man fast nur von Pech sprechen. «Wenn dieser Schritt nicht passiert wäre, wäre wohl alles wunderbar weitergelaufen. Es ist aber passiert. Natürlich haben wir auch das analysiert und weitere Lehren daraus gezogen.»
Nach auskurierten Verletzungen soll 2026 endlich der Neuangriff folgen – diesmal möglichst ohne Verletzungen. Doch der Start verläuft schon nicht nach Plan: Riedi muss in Oeiras (POR) bereits wieder verletzt aufgeben.
Für die Davis-Cup-Begegnung gegen Tunesien (6. und 7. Februar) sollte der Zürcher aber wieder fit sein. Anders sieht die Situation bei Henry Bernet aus: Das Top-Talent fehlt ebenfalls bereits wieder – diesmal mit einer Fussverletzung.
















