Die Sägemehl-Abzocker - und die scheinbar heile Welt!
Vollprofessionalisierung gibt es im Schwingen offiziell nicht. Trotzdem werden die Bösesten gemanagt wie Popstars oder Fussballgrössen.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Autor von zwei Büchern.
- Heute schreibt er darüber, dass im Schwingsport viel Geld verdient werden kann.
2007 erschütterte ein Ereignis die Eidgenossenschaft, als wäre auf der Rütliwiese ein Vulkan ausgebrochen: Jörg Abderhalden schloss nach seinem dritten Königstitel einen Vertrag mit IMG ab.
Ein Schwinger und eine US-Marketing-Agentur – das passte ungefähr so gut zusammen wie ein Muni und die Pianobar eines Fünfsternehotels.
Heute ist die Aufregung verraucht. Die Bösen sind längst auch Geschäftsmodelle. Das Vermarktungspotenzial des Königtitels wird im Optimalfall auf rund 1 Million Franken geschätzt.

Autogrammstunden kosten viel Geld
Rolf Huser, einst bei IMG für Abderhalden verantwortlich, betreut heute Christian Stucki, den König von 2019.
Der Berner Gigant ist auch nach seinem Rücktritt der perfekte Imageträger: beeindruckende Werbefläche, grosses Herz. Sein Kuss auf die Stirn von Matthias Sempach nach dem verlorenen Schlussgang 2013 ging in die Geschichte ein. Bei aller Gewinnoptimierung: Diese Fairness hat sich das Schwingen bewahrt.
Doch sie kostet. Wer eine Autogrammstunde mit Stucki buchen will, muss einen mittleren vierstelligen Betrag auf den Tisch blättern.

In derselben Gewichtsklasse bewegt sich Sempach. Den saubersten PR-Wurf landete der König von 2013, als er auf den Siegercheck verzichtete und den Muni «Fors vo dr Lueg» wählte.
Kurzfristig entgingen ihm 15'000 Franken; langfristig brachte ihm der Stier ein Mehrfaches ein.

Sempachs Manager Roger Fuchs kassiert bei Verträgen 20 Prozent Provision. Beni Knecht betreut mit Kilian Wenger und Matthias Glarner zwei andere Berner Könige, nennt sich «nume ä chline Bärgbuur» und verlangt nur Spesen für seine Dienste.
Eine Autogrammstunde mit Glarner kostete zu dessen Topzeiten 2500 Franken plus 500 Franken Spesen. Knechts Bescheidenheit ist Programm: keine politischen Engagements, keine fragwürdigen Angebote, keine Badewannen-Fotoshootings.

Was macht der Schwingerverband?
Noch ist die Branche zu klein für Verhältnisse wie im Fussball. Neben Huser, Fuchs und Knecht gehört Michael Schiendorfer, Berater von Joel Wicki (König 2022), zum Kreis der Sägemehl-Souffleure.
Er bietet einen Dienst an, den Klubs und Verbände kaum leisten: Sponsoring, Persönlichkeitsentwicklung und Koordination zwischen Beruf und Sport.
Und wie geht der Schwingerverband mit den Agenten und Managern am Sägemehlrand um? Er denkt über Ethik-Checks oder Compliance-Vereinbarungen nach. Eine Lizenz ist nicht vorgesehen. Vielleicht auch, weil die Berater bloss jene Lücke besetzen, welche die halbprofessionellen Strukturen offenlassen.
«Eine scheinheilige Szene»
Armin Meier, Ex-Radprofi und früherer IMG-Geschäftsführer, hält wenig von der romantischen Verpackung: «Der Auftrag eines Managers ist immer, möglichst viel Geld herauszuschlagen.»
Für den Vermarktungsprofi stimmt die Rechnung nicht: Das Eidgenössische 2025 im Glarnerland operierte mit rund 40 Millionen Franken Budget; König Armon Orlik, der bewusst auf ein professionelles Management verzichtet, erhielt 30'000 Franken (als Gegenwert für den Siegermuni).
Meier sagt dazu: «Die Anlässe sind Megaevents geworden, die Schwinger aber «zu liebi Sieche», um angemessen davon zu profitieren».
Deshalb fordert er eine Athletenvereinigung. Und fügt an, was zwischen der Schwägalp und dem Diemtigtal niemand gerne hört: «Das Schwingen ist eine scheinheilige Szene.»
Zum Autor
Der Zürcher Journalist und Buchautor Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Verfasser der Bestseller «Schwingen, die Bösen – ein Schweizer Phänomen» und «Brienzer, Kommerz und Halligalli».








