«Abenteuer pur»: Motorsportfotograf Rainer Schlegelmilch erzählt

Nico Wrzeszcz
Nico Wrzeszcz

Bodensee,

Er ist einer der bekanntesten Motorsportfotografen der Welt. Im Interview spricht der Kreuzlinger Rainer Schlegelmilch über sein Erlebnisse.

Rainer W. Schlegelmilch
Rainer W. Schlegelmilch blättert während dem Interview durch sein neues Ferraribuch. - Nico Wrzeszcz

Er ist einer der bekanntesten Motorsportfotografen der Welt und wurde einst von Bernie Ecclestone mit einem lebenslangen Fotografenpass für die Formel 1 belohnt.

Im Interview spricht der Kreuzlinger Rainer Schlegelmilch über sein neues Ferrari-Buch.

Redaktion: Rainer Schlegelmilch, Sie haben vor drei Jahren ein Buch über Porsche veröffentlicht. Warum ist jetzt Ferrari an der Reihe?

Rainer Schlegelmilch: Über Porsche ein Buch rauszubringen war die erste Idee. Dort habe ich rund ein Viertel meiner Porsche-Sportwagen-Aufnahmen eingesetzt. Natürlich habe ich für das Buch nur die Rennen rausgesucht, die auch erfolgreich waren, also auch Bilder von Siegerehrungen.

Das Buch hat sich so gut verkauft, dass es nach drei Monaten bereits ausverkauft war. Mein Verleger fragte, ob wir nicht noch so ein Buch mit einer anderen Marke machen können. So kamen wir auf Ferrari, eine Automarke, die in den 60er Jahren Alles dominierte.

Renn
Rennbilder mit Bewegungsunschärfe waren seine Spezialität. - zVg

Redaktion: Das Buch dreht sich um die Sportwagenrennen von 1962 bis 1973. Warum steht diese Marke im Fokus?

Schlegelmilch: Ich bin anfangs nur zu den Formel 1 Rennen in Europa gefahren. Weil ich aber hungrig auf Rennen war und die Formel 1-Fahrer z.B. in Le Mans mit Sportwagen angetreten sind, war ein hoher Qualitätsmassstab gegeben. Ferraris waren damals schon Kultautos und standen beim Start immer weit vorne.

Ferrari hat mich da schon fasziniert, das Interesse des Publikums und meiner Kollegen war voll auf sie ausgerichtet. Ihre rote Farbe, die ästhetischen Formen und natürlich das überirdische Brüllen der 12-Zylinder-Motoren war beeindruckend.

Redaktion: Sie zeigen in Ihrem Buch besondere Aufnahmen, zum Teil die Fahrer direkt in der Box oder am Auto. Wie schwer war es dorthin zu kommen?

Schlegelmilch: Es war in den 60er Jahren viel einfacher, gute Bilder zu machen. Ich musste in den ersten zwei bis drei Jahren die Hürde überwinden, einen Fotografenausweis zu bekommen, damit ich überall hin konnte.

Ich wendete alle Tricks an und habe meine Bilder sogar nach Amerika verkauft, um über Veröffentlichungen meine Urheberschaft durch meinen Namen nachzuweisen. Dann habe ich mir einen eindrucksvollen Briefkopf gestaltet und war damit bald auch international bei den Pressebüros der Rennveranstalter anerkannt.

Redaktion: Und die Aufnahmen sind sehr beeindruckend.

Schlegelmilch: Meine Begeisterung für die Fotografie hat mir sehr geholfen, Fahrern und Mechanikern mit meiner Kamera nahe zu kommen. Damals konnte ich einfach herumlaufen, fotografieren, da fühlte sich niemand belästigt. Fahrer, die selbst an den Autos schrauben, war ein besonderes Motiv.

Diese Nähe, dieser Kick, das war Abenteuer pur. In den Bildern erkennt man die Freude, die ich dabei hatte. Sicher wäre ich 30 Jahre später nie auf die Idee gekommen, Motorsport zu fotografieren.

Rainer Schlegelmilch
Rainer Schlegelmilch im Jahr 1968. - zVg

Redaktion: Was hatte Ferrari für eine Bedeutung?

Schlegelmilch: Ferrari war damals schon in der Formel 1 aussergewöhnlich, weil sie ihren eigenen Motor und ein eigenes Fahrgestellt gebaut hatten. Die meisten englischen Teams haben nur das Auto gebaut, der Motor wurde gekauft. Ferrari hat diese Tradition von Anfang an gehabt.

Ohne Ferrari wäre Le Mans auch nie so bedeutend geworden. Ich bin nach dem Ausstieg von Ferrari 1973 – wegen der Benzinkrise – nur noch alle paar Jahre hingefahren. Die Rennen wurden einfach langweiliger, es waren ausser Porsche zu viele Privatteams am Start. Da fehlte der echte Wettkampf.

Redaktion: Welches ist die grösste Besonderheit in Ihrem neuen Buch?

Schlegelmilch: In diesem Buch gibt es viele Motive, die ich zwar fotografiert, aber nie wirklich genutzt habe. Dann war ich vor drei Jahren in Cernobbio beim Concours d'Elegance. Das teuerste Auto dort war ein Ferrari GTO, perfekt restauriert, wie der auf meinen Bilden von 1963. 70 Millionen Euro waren das Gebot.

Um die Geschichte zu schliessen: Ich hatte in den 90ern bereits ein Buch zu allen Ferrari-Typen gemacht. Da war ich einmal bei einem Franzosen in Südfrankreich, der hatte einen ganzen Hotelkeller voll mit Sportwagen. Einige davon fotografierte ich.

Dann fragte ich ihn nach einem GTO, ob er wüsste, wo ich dieses Auto finden kann, da vom GTO nur 36 Exemplare gebaut worden waren. Er meinte, er habe einen Freund in der Nähe, der habe Einen in der Garage. Wir sind dorthin gefahren und ich konnte Fotos für mein Buch machen.

Da wusste ich aber noch gar nicht, dass dies das dasselbe Auto war, das ich 1963 in Le Mans fotografiert hatte und jetzt habe ich Ihm eine ganze Seite in meinem neuen Ferrari-Buch gewidmet. Durch die identische Produktionsnummer konnte ich das nachverfolgen. Sagenhaft, welche Geschichte in manchem Auto so steckt!

Verfolgst du die Formel 1?

Redaktion: Neben ihrem Freund Jacky Ickx hat auch Stefano Domenicali ein Vorwort verfasst. Was macht dies so speziell?

Schlegelmilch: Das Vorwort von Stefano Domenicali ist etwas Besonderes. Es ist zugleich auch historisch, denn es sagt viel über die Wertigkeit meiner Fotografie für die Geschichte des Motorsports aus. Durch meine Bilder erhalte ich nachfolgenden Generationen die Erinnerung an Menschen, Fahrzeuge und Ereignisse.

Domenicali war viele Jahre als Ferrari-Manager ein hilfsbereiter und zuverlässiger Organisator für alle meine Anliegen. Heute ist er CEO der Formel 1. Im Mai, beim Monaco GP, konnte ich ihm als Ersten das Ferrari-Buch mit seinem Vorwort zeigen.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.

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