YB muss Christoph Spycher ein Denkmal bauen
Bei YB endet spätestens im nächsten September eine Ära: Christoph Spycher hört auf. Der Baumeister des Erfolgs wurde zuletzt zu stark kritisiert. Ein Kommentar.

Das Wichtigste in Kürze
- «Chief Sports» Christoph Spycher gibt seine operativen Aufgaben bei YB im kommenden Jahr ab.
- Der Baumeister des Berner Erfolges musste sich in den letzten beiden Jahren unverhältnismässig viel Kritik anhören.
- Dabei sollte man dem 48-Jährigen aus YB-Sicht dankbar sein.
Bis zum 28. April 2018 nistet sich in der Fussball-Schweiz der Begriff «veryoungboysen» ein. Die Young Boys rennen zu diesem Zeitpunkt seit 32 Jahren einem Titel hinterher, sammeln Vize-Meisterschaften und Cupfinal-Niederlagen.
Anhänger der Berner sind bis dahin nicht nur für ihre Treue bekannt – sondern auch für ihre Leidensfähigkeit.
Dass die YB-Fans in den letzten acht Jahren sechs Meisterschaften, zwei Cupsiege und vier Champions-League-Teilnahmen bejubeln dürfen, ist eng mit einem Namen verknüpft: Christoph Spycher.

Unter dem 48-Jährigen wird YB zum grössten Club der Schweiz. Der Ex-Natispieler steigt dank den Erfolgen vom Sportchef zum VR-Mitglied und Mitbesitzer auf. Und wird zur absoluten Identifikationsfigur der Berner.
Jetzt hat sich «Wuschu» entschieden, spätestens im September 2027 kürzerzutreten. Er wird als Verwaltungsrat an Bord bleiben, zieht sich aber von den operativen Aufgaben zurück. Für YB geht es in den nächsten Monaten darum, die Nachfolge zu regeln und die Strukturen zu prüfen. Eine Herkules-Aufgabe – einen zweiten Spycher gibt es nämlich nicht.
Wie schwierig es ist, eine erfolgreiche Club-Führung zu ersetzen, hat man beim FCB nach dem Abgang von Bernhard Heusler und Georg Heitz gesehen. Die Bebbi sind seither vom Serienmeister zum Mittelmass-Club geschrumpft. Dieses Beispiel wird YB Warnung genug sein.

Denn: Im Erfolg geschehen oft die grössten Fehler. Zudem hängen Sieg oder Niederlagen von vielen Faktoren ab. Plötzlich funktionieren Transfers nicht wie erhofft, man entscheidet sich für einen falschen Trainer – gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung der Zuschauer: Ein Sieg genügt nicht mehr, es werden Galas erwartet.
Unverhältnismässige Kritik an YB-Spycher
Einen Vorgeschmack darauf erlebt YB in den letzten beiden Saisons, in denen man titellos bleibt: Die Zuschauerzahlen sinken, die Kritik wird grösser – und die Kader-Zusammensetzung stimmt nicht.
Die Kritik richtet sich auch an Christoph Spycher, der als «Chief Sports» logischerweise in der Verantwortung steht. Im Misserfolg wird er von Fans plötzlich hinterfragt. Einige finden sogar, seine Zeit bei YB sei abgelaufen.

Über viele Transfers wird gespottet, vor allem über die aus der französischen Ligue 2. Zudem soll YB der eigenen Jugend nicht genügend Chancen geben. Dabei wird komplett ignoriert, dass nicht in jedem U21-Jahrgang ein zweiter Fabian Rieder spielt.
Die Kritik ist nach Niederlagen teilweise massiv – und komplett unverhältnismässig. Auch dass Spycher Mitbesitzer geworden ist, bietet Angriffsfläche: Er muss diesbezüglich immer wieder kuriose Dinge in Fan-Foren lesen. Beispielsweise, dass er sparsam geworden sei, seit er Mitbesitzer des Clubs ist.
Dass ausgerechnet der Baumeister des YB-Erfolgs hart angegangen wird, spottet jeder Beschreibung. Es zeigt sich, dass Dankbarkeit und Respekt schnell verloren geht, wenn es auf dem Platz mal nicht läuft. Zumal es keine Garantie für dauerhaften Erfolg gibt.
Doch Spycher stellt sich der Kritik, bleibt besonnen – und reagiert zusammen mit seinem Team: Die Berner holen mit Gerardo Seoane den richtigen Trainer. Und stellen ein Team zusammen, das wieder um Titel spielen kann. Das aktuelle YB-Kader dürfte sogar eines der stärksten der Club-Geschichte sein.

Trotzdem dürfte die Kritik nicht spurlos am Ex-Profi vorbeigegangen sein. Es macht etwas mit einem Menschen, wenn man mit ganzem Herzblut Tag und Nacht für seinen Club im Einsatz ist – und dann trotzdem auf den Deckel kriegt. Möglich, dass dies seinen Abgang beschleunigt hat.
Seine Auszeit hat sich «Wuschu» mehr als nur verdient. Sein Team dürfte jetzt noch mehr alles daran setzen, den «Chief Sports» mit mindestens einem Titel zu verabschieden. Und eigentlich müsste ihm YB ein Denkmal vor das Wankdorf setzen.













