Was für ein Spektakel im Fussball-Tempel Wembley. England und Deutschland liefern sich vor der EM-Rekordkulisse ein grosses Duell - mit einem Happy End für die Gastgeberinnen.
Svenja Huth (l) im Laufduell mit der Engländerin Rachel Daly.
Svenja Huth (l) im Laufduell mit der Engländerin Rachel Daly. - Nick Potts/PA Wire/dpa
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Das Wichtigste in Kürze

  • Prinz William jubelte im Tollhaus Wembley begeistert auf der Tribüne und aus den Boxen dröhnte der Ohrwurm «Football's coming Home», die deutschen Fussballerinnen vergossen dagegen auf dem Rasen viele Tränen.

Nach einem grossen Kampf und viel Werbung für den Frauenfussball endete die Traumreise des Rekord-Europameisters mit einem bitteren K.o. in der Verlängerung. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg musste nach dem 1:2 (1:1, 0:0) nach Verlängerung gegen das Gastgeber-Team aus England im grossen Kreis auf dem Rasen viel Aufbauarbeit leisten. Der Traum vom EM-Triumph war so nah, auch ohne die verletzte Kapitänin und Torjägerin Alexandra Popp.

Chloe Maggie Kelly sorgte mit ihrem Siegtreffer in der 110. Minute vor der EM-Rekordkulisse von 87.192 Zuschauern für ohrenbetäubenden Jubel im Fussball-Tempel Londons und für den ersten internationalen Titel der Lionesses überhaupt. Es war der Startschuss zu einer grossen Party. Zuvor hatte Lina Magull (79.) die erstmalige Führung der Gastgeberinnen durch Ella Toone (62.) ausgeglichen.

«Es tut einfach nur weh»

Torjägerin Popp konnte bei dem Spektakel nur mit trauriger Miene zuschauen. Die 31-jährige Wolfsburgerin hatte kurz vor dem Anpfiff wegen muskulärer Beschwerden passen müssen. Auch wenn es zum Titelgewinn am Ende nicht reichte, werden Deutschlands Fussballerinnen am Montag auf dem Frankfurter Römer geehrt.

«Es tut einfach nur weh. Wir haben 120 Minuten alles gegeben und uns auch durch den 0:1-Rückstand nicht beirren lassen. Wir haben uns leider nicht belohnt. Das müssen wir erstmal sacken lassen. Wir sind trotzdem froh und stolz, dass wir so viele Menschen erreicht haben», sagte Ersatzkapitänin Svenja Huth.

Erster Titel für England seit 1966

England feierte dagegen den ersten Titel seit dem WM-Triumph der Männer 1966 im legendären Finale gegen Deutschland und machte es besser als Harry Kane und Co., die im Vorjahr ihr EM-Finale gegen Italien verloren hatten.

Gänsehaut-Atmosphäre herrschte in Wembley, wo sich viel Prominenz - von Prinz William über Bundeskanzler Olaf Scholz bishin zu Bundestrainer Hansi Flick - versammelt hatte. Es war die grösste Kulisse, die jemals bei einer EM - egal ob Männer oder Frauen - verzeichnet wurde. «Wir werden es geniessen. Wir sehen es als Herausforderung an, aber auch als Privileg», sagte Voss-Tecklenburg.

Popp-Schock vor dem Anpfiff

Zunächst hatte das DFB-Team aber einen Schock zu verdauen. Als die beiden Teams aus dem Spielertunnel kamen, führte überraschend Svenja Huth anstelle von Popp die deutsche Mannschaft an. Unmittelbar vor dem Anpfiff musste die sechsfache Torschützin passen, dafür kam Deutschlands Fussballerin des Jahres Lea Schüller in die Startelf. Wie bitter für Popp, die Matchwinnerin aus dem Frankreich-Spiel, die in ihrer Karriere so viele verletzungsbedingte Rückschläge einstecken musste und vor wenigen Wochen beim 4:0-Auftakt gegen Dänemark erst ihr EM-Debüt mit 31 Jahren gegeben hatte.

Womöglich war es die schlechte Nachricht vor dem Anpfiff, womöglich aber auch die beeindruckende Atmosphäre - das deutsche Team begann nervös und sah sich in einem intensiven Spiel gleich grossem Druck der Engländerinnen ausgesetzt. Erst ein Kopfball von Ellen White (3.), dann war Torjägerin Beth Mead über aussen frei durch (9.) - Keeperin Merle Frohms liess sich aber nicht düpieren.

Hegering verpasst Riesenchance zur Führung

Deutsche Nadelstiche gab es auch, wie etwa der abgeblockte Schuss von Sara Däbritz (10.). Und Mitte der ersten Halbzeit hatte Marina Hegering gar die Riesenchance zur Führung, als die Lionesses kurz vor der Ziellinie noch den Ball wegstochern konnten. Als bei dieser Szene aber der Video-Schiedsrichter einen möglichen Handelfmeter überprüfte, wurde es plötzlich ganz ruhig im grossen Rund. Der Elfmeterpfiff blieb aber aus.

Mehr vom Spiel hatten in dieser Phase aber die Engländerinnen, die mit ihrem körperlichen Spiel der DFB-Auswahl grosse Probleme bereiteten. Auch das Pressing funktionierte beim Rekord-Europameister nicht wie gewünscht. Weil aber auch die Gastgeberinnen bei ihren Abschlüssen wie beim Schuss von White zu hastig und ungenau agierten, blieb es in den ersten 45 Minuten torlos.

Kanzler Scholz zur Pause «begeistert»

Bundeskanzler Scholz zeigte sich zur Pause «begeistert» von seiner Frauenfussball-Premiere. Und so dürfte es den deutschen Regierungschef gefreut haben, als die deutsche Mannschaft im zweiten Durchgang den Vorwärtsgang einlegte und durch die eingewechselte Tabea Wassmuth (48.) und die überragende Magull (49.) zu zwei grossen Chancen kam. Kurz darauf kam Schüller bei einem langen Ball einen Tick zu spät (57.).

Das sollte sich rächen. Bei einem langen Ball war die deutsche Abwehr mal nicht auf der Höhe. Die sechs Minuten zuvor eingewechselte Toone setzte den Ball mit einem Lupfer ins deutsche Tor. Das Team von Voss-Tecklenburg wollte die schnelle Antwort. Doch Magull scheiterte mit einem Pfostenschuss, der Nachschuss von Schüller war zu harmlos (66.). Der Druck wurde aber immer grösser, es spielte nur noch Deutschland. Und schliesslich war Magull nach Vorlage von Wassmuth doch zur Stelle.

Es wurde immer leiser in Wembley, und das hatte seinen Grund. Deutschland drängte die Engländerinnen immer mehr in die eigene Hälfte zurück und hatte die deutlich grösseren Spielanteile. Doch England gab nicht auf und hatte dank Kelly das bessere Ende für sich. Die 24-Jährige von Manchester City stocherte bei einer Unachtsamkeit den Ball ins Tor. Deutschland warf noch einmal alles nach vorne - ohne Erfolg.

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