SVP-Speiser: «Mehr Verständnis für Lebensrealitäten auf dem Land»
Seit Juni ist Anne Speiser (SVP) Berner Grossratspräsidentin. Im Interview spricht sie über Respekt, Politik und den Zusammenhalt zwischen Stadt und Land.

Seit Anfang Juni ist Anne Speiser (SVP) Präsidentin des Grossen Rats im Kanton Bern. Im Interview spricht die 64-Jährige aus Zweisimmen über Respekt gegenüber Frauen in der SVP, fleissige Jugendliche und was die Stadt vom Land lernen kann.
BärnerBär: Anne Speiser, Sie sind neu die höchste Bernerin. Wie tönt das?
Anne Speiser: Schon speziell. Ich wusste natürlich, dass dieser Titel mit dem Amt verbunden ist. Wenn man ihn dann aber tatsächlich hört, ist das etwas anderes. Es ist ein ehrwürdiger Begriff, der einen auch verpflichtet.
BärnerBär: Hätten Sie damit gerechnet, mit 64 Jahren zu diesen Ehren zu kommen?
Speiser: Der Weg war etwas speziell. Nachdem Raphael Lanz ausgeschieden war, wurde ich im vergangenen September zur ersten Vize-Grossratspräsidentin gewählt. Anschliessend trat ich nochmals für die neue Legislatur an. Dieses Amt nun ausüben zu dürfen, ist für mich ein Sahnehäubchen.
BärnerBär: Denken Sie bereits an den Rücktritt?
Speiser: Solange die Gesundheit mitmacht, ist das kein Thema. Die Wählerinnen und Wähler haben mich für die Legislatur gewählt und nicht für mein Präsidialjahr. Ich möchte Freude an meinen Aufgaben haben. Das ist die Voraussetzung für jedes Engagement.
BärnerBär: Was machen Sie heute beruflich?
Speiser: Ich habe keine Anstellung im eigentlichen Sinne mehr. Bis Ende 2025 war ich Mitglied des Gemeinderats von Zweisimmen, trat danach aber nicht mehr an. Daneben präsidiere ich die Spitex Obersimmental-Saanenland sowie das Geburtshaus Maternité Alpine.

BärnerBär: Sie sind gebürtige Elsässerin. Was hat Sie in die Schweiz verschlagen?
Speiser: Die Liebe. Ich kam wegen meines Mannes in die Schweiz. Kennengelernt hatten wir uns schon früher. Ich bin gelernte Laborantin und trat meine erste Stelle in der Schweiz mit 20 Jahren am Kantonsspital Basel an.
Mein Mann stammt ursprünglich aus Liestal. Seither bin ich geblieben, in der Schweiz und in Zweisimmen, meiner Wahlheimat.
BärnerBär: Wie kamen Sie zur Politik?
Speiser: Politisch interessiert war ich schon immer. Aktiv wurde ich aber erst in Zweisimmen. Als junge Mutter wurde ich in die Schulkommission gewählt. Das war nicht geplant. Später folgte die Wahl in den Gemeinderat. So nahm alles seinen Lauf.
Heute sind unsere drei Kinder erwachsen, und wir haben bereits drei Enkelkinder. Zwei weitere kommen dieses Jahr dazu (lächelt).
BärnerBär: Warum gerade die SVP?
Speiser: Die SVP ist für mich eine bodenständige Partei, die nahe bei den Anliegen der Menschen politisiert. Politik wollte ich nie für mich selbst machen. Gerade im Berggebiet habe ich den Eindruck, dass die SVP die Anliegen der Bevölkerung besonders ernst nimmt.
Das bedeutet nicht, andere Parteien würden dies nie tun. Aus meiner Sicht vertritt die SVP diese Anliegen jedoch am konsequentesten und bürgernah.
BärnerBär: Die SVP wird oft als Männerpartei wahrgenommen. Haben Sie das je so erlebt?
Speiser: Ich hatte nie den Eindruck, als Frau weniger geschätzt zu werden. Als ich 1998 in den Gemeinderat gewählt wurde, sassen dort drei Frauen und zehn Männer. Ich fühlte mich stets akzeptiert.
Ebenso wenig hatte ich das Gefühl, mehr leisten zu müssen als meine männlichen Kollegen. Entscheidend ist, dass man umsetzt, was man den Menschen verspricht. Das war für mich immer zentral.
BärnerBär: Welches sind Ihre politischen Hauptanliegen?
Speiser: Die Bildung beschäftigt mich seit etlichen Jahren. Ebenso das Gesundheitswesen. Ich lebe in einer Region, in der die Grundversorgung ein Kernthema ist. Die Bevölkerung hat Anspruch auf eine würdige und wohnortsnahe Gesundheitsversorgung.
Dafür werden wir auch künftig kämpfen.

BärnerBär: Lässt sich in diesem Bereich über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten?
Speiser: Ja. Oft handelt es sich weniger um ein Links-Rechts-Thema als um ein Stadt-Land-Thema. Uns wird gelegentlich vorgeworfen, jedes «Täli wolle sein Spitäli». Darum geht es aber nicht.
Wenn von integrierter Gesundheitsversorgung gesprochen wird, braucht es eine funktionierende Grundversorgung vor Ort. Bei entsprechenden Vorstössen entstehen die Allianzen häufig innerhalb der Regionen und seltener entlang der Parteigrenzen. Alleine kann die SVP solche Anliegen ohnehin kaum durchbringen.
BärnerBär: Wie nehmen Sie die jungen Menschen von heute wahr?
Speiser: Pauschalurteile halte ich grundsätzlich für falsch. Bis Ende vergangenen Jahres war ich im Gemeinderat für den Bereich Bildung zuständig. Das Problem liegt nicht bei den Schülerinnen und Schülern. Vielmehr fehlen uns Lehrpersonen.
In unserer Region finden wir kaum ausgebildete Kräfte. Viele Jugendliche sind in Vereinen aktiv – und das ist gut so. Vereine vermitteln Teamgeist, Verlässlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung. Besonders in Berggebieten bilden sie das Rückgrat des gemeinschaftlichen Lebens.
BärnerBär: Also sind die Jungen nicht faul?
Speiser: Ganz sicher nicht. Die Gesellschaft hat sich verändert, auch was die Vorstellungen von Arbeit betrifft. Daraus abzuleiten, die Jugend sei faul, wäre jedoch falsch. Unsere eigenen Kinder sind bodenständig und arbeiten gerne.
Meine Enkelkinder gehen ebenfalls mit Freude zur Schule. Solche Verallgemeinerungen helfen niemandem weiter.
BärnerBär: Der BärnerBär erscheint in der Stadt und im Grossraum Bern. Fühlen Sie sich in der Stadt wohl?
Speiser: Grundsätzlich schon. Mit andersdenkenden Menschen habe ich keinerlei Mühe. Im Gegenteil: Ich schätze viele Grossrätinnen und Grossräte, selbst aus dem linken Lager.
Der Austausch mit Menschen, die andere Ansichten vertreten, ist spannend und bereichernd. Wir müssen nicht immer derselben Meinung sein.
BärnerBär: Trotzdem kritisieren Sie die Entwicklung der Stadt Bern.
Speiser: Ich habe den Eindruck, dass die Anliegen des ländlichen Raums nicht genügend ernst genommen werden. Das ist nicht gegen die Stadt gerichtet. Ich vertrete die Interessen meiner Wählerschaft.
Wenn beispielsweise immer mehr Angebote zentralisiert werden, hat das für unsere Region konkrete Folgen. Für viele Dienstleistungen, gerade im Service Public müssen wir nach Thun oder Bern fahren.

Mit dem Auto sind das zwischen 50 und 70 Kilometer, mit dem öffentlichen Verkehr braucht es deutlich mehr Zeit. Solche Fragen beschäftigen die Menschen bei uns. Alles, was zentralisiert wird, schwächt das Berggebiet.
BärnerBär: Fühlen Sie sich als SVP-Politikerin in der rot-grünen Stadt Bern willkommen?
Speiser: Persönlich erlebe ich das so. Schwieriger wird es, wenn aus der Stadt Signale kommen, wonach möglichst niemand mehr mit dem Auto nach Bern fahren soll. Das stösst bei vielen Menschen in unserer Region auf Unverständnis.
Ich wohne zwei Kilometer vom Dorfzentrum Zweisimmen entfernt und habe keinen Busanschluss. Deshalb wünsche ich mir mehr Verständnis für die Lebensrealitäten auf dem Land.
BärnerBär: Was kann die Stadt Bern vom Saanenland/Simmental lernen?
Speiser: Wir warten wir nicht einfach auf Lösungen von oben. Wenn ein Bedürfnis besteht, suchen wir gemeinsam nach pragmatischen Wegen, es zu erfüllen. Dabei spielen private Initiativen, Vereine und das lokale Gewerbe eine zentrale Rolle.
Die Gründung des Geburtshauses Maternité Alpine nach dem Wegfall der regionalen Geburtshilfe zeigt, wie aus Eigeninitiative konkrete Lösungen entstehen können. Von der Stadt Bern können wir lernen, wie Bildung, Forschung und Wirtschaft noch enger miteinander vernetzt werden können.
Solche Netzwerke sind wichtig, um Fachkräfte zu gewinnen und Innovationen zu fördern.











