Handy weg, Wollkleid an: Das Mittelalter kommt nach Bern

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Am kommenden Wochenende verwandelt sich der Museumspark des Bernischen Historischen Museums in eine andere Welt.

Projektleiter
Manuela Gloor von der «Company of St. George» mit Reto Boschung. Projektleiter des Bernischen Historischen Museums. - Daniel Zaugg

Der BärnerBär hat mit Manuela Gloor von der «Company of St. George» und Projektleiter Reto Boschung über Wolle im Sommer, Karl den Kühnen und ausgeschlachtete Ereignisse gesprochen.

Als Manuela Gloor den Museumspark betritt, erkennen wir sie sofort: grünes, bodenlanges Wollkleid, schlichter Gürtel, weisse Leinenhaube. «Ja, das Kleid habe ich selbst genäht, nach historischem Vorbild und natürlich von Hand, genau wie damals.»

Aber ein Wollkleid mitten im Sommer? Manuela Gloor lacht. Gerade weil Wolle atmungsaktiv sei, sei man auch an heissen Tagen darin gut aufgehoben.

Company of St. George

Die junge Frau ist Historikerin und in ihrer Freizeit Teil der «Company of St. George», einer internationalen Reenactment-Gruppe mit Sitz in der Schweiz. Seit den 1980er-Jahren widmet sich diese dem militärischen und zivilen Alltagsleben einer burgundischen Artillerie-Einheit des 15. Jahrhunderts. Das mag auf den ersten Blick etwas nach Spezialseminar mit Hellebarde klingen.

Aber: «Unser Hauptinteresse liegt in der Vermittlung lebendiger Geschichte», sagt Gloor. Es gehe darum, den spätmittelalterlichen Alltag möglichst intensiv, realistisch und gut recherchiert nachzuleben. Auch am Mittelalterwochenende im Museumspark leben die Mitwirkenden drei Tage lang vor Ort. 24 Stunden am Tag.

Museumspark
Der Museumspark des Bernischen Historischen Museums wird am Wochenende zur Bühne des Mittelalters mit der «Company of St. George». - Daniel Zaugg

Sie kochen dort, schlafen dort, arbeiten dort. «Ich komme nicht einmal auf die Idee, mein Handy zu zücken», sagt sie lachend. «Sobald ich in mein Kleid aus dieser Zeit schlüpfe, bin ich ganz weit weg vom Heute.» Das ist vielleicht die schönste Nebenwirkung dieser Zeitreise: Das Smartphone verliert für einmal gegen ein Wollkleid.

Rückkehr der siegreichen Berner

Im Museumspark wird dank dieser Truppe die Zeit rund um die Schlacht bei Murten 1476 lebendig. Die siegreichen Berner sind mit ihrem Tross nach Bern zurückgekehrt und präsentieren stolz ihre Beute.

Natürlich wird es auch laut: Schiessvorführungen mit Kanone und Handfeuerwaffen gehören ebenso dazu wie Hellebardendrill, Fechtvorführungen, mittelalterliche Küche und Einblicke ins Handwerk.

Interessierst du dich für das Mittelalter?

«Man kann auch Fachgespräche führen, zum Beispiel mit dem Brillenmacher oder dem Schmied», betont Manuela Gloor. «Unsere Leute sind informiert, geschichtlich up to date und diskutieren sehr gerne mit den Besuchenden.»

Ergänzung zur Ausstellung

Bleibt die Frage, ob Reenactment Geschichte nicht etwas arg romantisiert. Zu schön, zu sauber, zu heldenhaft? Reto Boschung, der auch die Ausstellung «Murten, ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» im Bernischen Historischen Museum mitkuratiert hat, sieht darin keinen Widerspruch zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

«Für mich ist es die perfekte Ergänzung zu unserer Ausstellung», sagt er. «So kann man mit allen Sinnen in diese Zeit eintauchen. Es ist eine andere Herangehensweise und hat ihre Berechtigung.»

Die Ausstellung im Bernischen Historischen Museum läuft noch bis Mai 2027. Und wie schon der Titel verrät: «Es geht nicht nur darum, wer 1476 gewonnen hat», erklärt Boschung. «Wir wollen zeigen, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem Sieg gemacht wurde.»

Handwer
Besucher erleben Handwerk, Lagerleben und Vorführungen direkt vor Ort. - Susan Sümer

Damals, das war am 22. Juni 1476: Die Eidgenossen und ihre Verbündeten besiegten bei Murten die Truppen des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen. Ein Ereignis, das tief im kollektiven Gedächtnis von Bern und der Schweiz verankert ist. Aus der Schlacht wurde Geschichte, aus Geschichte wurde Erzählung, aus Erzählung wurde Inszenierung.

Reto Boschung formuliert es so: «Geschichte passiert nicht einfach. Geschichte entsteht auch, weil Nachgeborene ein Bedürfnis nach Erinnerung haben.» Und weil jede Zeit diese Erinnerung auf ihre eigene Art forme. Oder eben: ausschlachte.

Gigantische Ansichten und falsche Altare

Besonders eindrücklich zeigt sich das am riesigen «Panorama der Schlacht bei Murten» einem gigantischen Schlachtenbild von 100 auf 10 Metern von 1894, das letztmals an der Expo.02 in einem Kubus auf dem Murtensee inszeniert worden war.

Nun ist es im Museum in neuer Form zu entdecken. «Dieser Gigantismus», sagt Boschung, «hat mich bei der Ausstellungsvorbereitung beeindruckt.» Ebenso bewegt habe ihn eine der grossen Caesar-Tapisserien, die frisch konserviert und in leuchtenden Farben erstmals seit Jahren wieder gezeigt werden kann.

Handwerk
Besucher können den Handwerkern direkt über die Schulter schauen und deren Arbeit im historischen Kontext miterleben. - Susan Sümer

Schmunzeln musste Reto Boschung über eine Geschichte rund um ein Diptychon – also ein zweiteiliges Bildwerk, wie man es häufig aus Kirchen kennt. Lange habe man es als Besitz Karls des Kühnen bezeichnet. «Es wurde gemunkelt, er habe davor jeweils vor den Schlachten gebetet», erzählt der Historiker.

Inzwischen wisse man: Das Stück gehörte dem König von Ungarn. So ist Geschichte eben auch: «Manchmal kniet Karl der Kühne jahrhundertelang vor dem falschen Altar!», meint er lachend.

Das Beutezelt im Museumspark

Nach der Schlacht bei Grandson im März 1476 machten die Eidgenossen im Heerlager Karls des Kühnen eine der grössten Kriegsbeuten des Mittelalters. Plötzlich lag da unfassbarer Reichtum: Silber, Zinn, Textilien, Kostbarkeiten.

Und die Sieger standen vor sehr menschlichen Fragen: Was ist wie viel wert? Wer bekommt was? Was verkauft man, was verschenkt man und wer hat bereits etwas unter dem Mantel verschwinden lassen? Im Beutezelt des Mittelalterwochenendes wird genau diese Welt erlebbar. Und man begreift: Auch ein Sieg bringt nicht automatisch Ordnung. Manchmal bringt er erst recht Chaos.

INFO

Mittelalterwochenende im Museumspark

27. und 28. Juni 2026

Jeweils 10.00 bis 17.00 Uhr

Erlebe das Mittelalter im Museumspark des Bernischen Historischen Museums! Ein Grossereignis mit authentischem Lagerleben wie vor 500 Jahren.

Mit dem Mittelalterwochenende sollen somit nicht nur Geschichtsinteressierte angesprochen werden, sondern auch Mittelalterfans und gerade auch Familien mit Kindern. «Diese können beispielsweise Steckenpferde basteln und auf einem Parcours gleich ausprobieren», nennt Boschung eines der Highlights für die Kleinen.

«Karl der Kühne wäre wohl erstaunt»

Auf die Frage, was Karl der Kühne wohl sagen würde, wenn er heute hier vorbeikäme, muss Boschung schmunzeln. «Karl der Kühne hätte sicher Freude an diesem Beutezelt und wäre wohl selbst erstaunt, was es da alles drin hat!» Vielleicht wäre er auch ein bisschen beleidigt. Immerhin geht es um seine Niederlage.

Doch Boschung sieht auch eine tröstliche Pointe: «Faszinieren würde ihn vermutlich, was über seine Niederlage auch nach 500 Jahren noch alles erzählt wird. Immerhin wurde er dieser zum Trotz bis heute nicht vergessen!» Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Wochenendes: Das Mittelalter wirkt fremd und vertraut zugleich. Im Museumspark wird daraus kein trockenes Geschichtsbuch, sondern ein begehbares Erlebnis.

Museumspark
Die Darsteller leben drei Tage lang im Museumspark und zeigen mittelalterliches Alltagsleben rund um die Uhr. - Susan Sümer

Oder, wie Manuela Gloor es beschreibt: ein Anlass zur Entschleunigung. «Man hat keinen Stress, schlendert durchs Mittelalter und lässt sich in eine andere Zeit entführen.» Das klingt doch nach einem guten Plan: Handy weglegen, Gegenwart kurz pausieren und ab in den Museumspark. Hinein in das, was wir sind und woher wir kommen.

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Kommentare

User #3649 (nicht angemeldet)

Wegelagerer hat es auch zuhauf! Das passt!

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