Neutralitätsinitiative kam in Südbünden an - das sind die Gründe
15 von 100 Bündner Gemeinden haben am Sonntag die Neutralitätsinitiative angenommen, die von Pro Schweiz und einigen SVP-Exponenten lanciert wurde. Die meisten davon liegen im italienischsprachigen Teil Graubündens. Keystone-SDA hat bei drei Gemeindepräsidenten nachgefragt, wie sich die Unterschiede erklären.

Santa Maria in der Val Calanca
In Santa Maria in der Val Calanca gab es in Graubünden das deutlichste Ja: 67 Prozent der Bevölkerung stimmten der Neutralitätsinitiative zu. Gemeindepräsident Francesco Bogana (parteilos), der die Ortschaft mit 115 Einwohnern seit 18 Jahren leitet, liefert folgende Erklärung: «Es war die Angst, angesichts der Probleme, die Europa und die Welt heute betreffen, schwach zu sein. Wer aus einem kleinen Tal kommt, versteht, welche Schwierigkeiten entstehen könnten, wenn die Schweiz in Zukunft nicht mehr neutral wäre», erklärte Bogana gegenüber Keystone-SDA.
Der Gemeindepräsident fügte hinzu, dass mehr Neutralität «eine Garantie für die Schweiz ist». Für Bogana spielte auch die geografische Lage bei dieser Abstimmung eine Rolle: «Wir sind Italien näher als andere Schweizer Gemeinden und sehen, mit welchen Problemen das Land konfrontiert ist. Wir haben Angst, dass diese Realität in Zukunft auch die unsere werden könnte.»
Brusio
In der Gemeinde Brusio fiel das Ja mit 53,2 Prozent knapp aus. Laut Gemeindepräsident Davide Migliacci (SVP) gibt es zwei Schlüssel zur Interpretation des Ergebnisses. Der erste betrifft die Stärke der SVP in der Gemeinde. «Die SVP ist die einzige Partei, die in Brusio noch aktiv ist. Bei eidgenössischen und kantonalen Abstimmungen stellen wir fest, dass die Bevölkerung unseren Abstimmungsempfehlungen folgt», erklärte Migliacci auf Anfrage von Keystone-SDA.
Eine weitere Erklärung sieht er in der geografischen Lage der Gemeinde, die direkt an Italien grenzt. «Im Vergleich zu Chur erleben wir die Probleme im benachbarten Italien aus nächster Nähe», so Migliacci weiter und verwies dabei etwa auf die Kriminalität und die Sicherheit. «Vielleicht ist hier auch die Botschaft angekommen, dass die Schweiz bei einem Nein zur Initiative nicht mehr neutral wäre. Angesichts der Probleme, mit denen Italien konfrontiert ist, wollte man die eigenen Werte bewahren.»
Grono
Abgesehen von der Gemeinde Calanca haben alle anderen Gemeinden der Region Moesa der Neutralitätsinitiative zugestimmt. Eine Geschlossenheit, die man nicht oft sieht, so der Gemeindepräsident von Grono, Samuele Censi (FDP). «In den letzten Jahren schliessen wir uns bei eidgenössischen Abstimmungen immer öfter dem Tessin an», erklärte Censi.
In Grono lag der Ja-Anteil bei über 58 Prozent. Die Gemeinde mit knapp 1600 Einwohnerinnen und Einwohnern reiht sich damit unter die zehn Bündner Gemeinden mit der grössten Zustimmung zur Initiative ein. Ein Ergebnis, das laut Censi nicht an eine bestimmte Partei gebunden ist, sondern an die Sorgen bezüglich der internationalen Entwicklungen. «Die Nähe zu Italien macht uns auf bestimmte Probleme aufmerksamer und sensibler. Und die Frage der organisierten Kriminalität, die in den letzten Monaten für viel Gesprächsstoff gesorgt hat, hat wahrscheinlich ebenfalls einen Einfluss gehabt», so Censi weiter. Er erklärte, dass genau dieses Thema für einen Graben zwischen der Bevölkerung der Region und Chur gesorgt habe.










