Nadja Günthör (SVP): «Jugend unter Dauerstress»
Die psychische Belastung der Schweizer Jugendlichen sei real. Bildung müsse fachlich wie seelisch stärken, so Nadja Günthör, Grossrätin SVP. Ein Gastbeitrag.

Das Wichtigste in Kürze
- Rund ein Drittel der 15- bis 19-Jährigen zeigt Symptome wie Stress oder Depressionen.
- Doch psychische Probleme liessen sich nicht durch Programme lösen, so Nadja Günthör.
- Jugendliche bräuchten verlässliche Rahmen, keine Symbolpolitik.
Wenn Jugendliche heute erschöpft zur Schule kommen, liegt das selten nur am Unterricht. Viel häufiger sind es innere Überforderung, Leistungsdruck, digitale Reizüberflutung und Zukunftsängste, die den Alltag belasten.

Laut Bundesamt für Statistik zeigen rund 35 Prozent der 15- bis 19-Jährigen Symptome wie Depressionen, Angststörungen oder chronischen Stress.
Schulpsychologische Dienste vielerorts am Limit
Die Zahl der stationären Behandlungen hat sich seit 2010 nahezu verdoppelt, 2023 waren schweizweit über 20'000 Jugendliche in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung.
Diese Entwicklung zeigt sich längst im Alltag der Jugendlichen. Lehrpersonen berichten von Konzentrationsschwierigkeiten, emotionalem Rückzug, Schlafproblemen und steigenden Unterrichtsausfällen.
Schulpsychologische Dienste arbeiten vielerorts am Limit. Gleichzeitig steigt der Druck aus allen Richtungen: Leistungserwartungen, soziale Vergleiche, digitale Präsenz und der ständige Wunsch, «funktionieren» zu müssen, hinterlassen Spuren.
Besonders deutlich ist die Belastung bei Jugendlichen in der Übergangsphase von der Schule in Ausbildung oder Beruf.
Jugendliche brauchen verlässliche Rahmen
Doch Jugendliche brauchen verlässliche Rahmen, keine Symbolpolitik. Psychische Stabilität entsteht nicht durch Programme, sondern durch klare Strukturen, erreichbare Ziele und realistische Perspektiven.
Studien belegen: Jugendliche mit festen Tagesabläufen, messbaren Erfolgen und einem Gefühl von Sinn und Orientierung sind deutlich widerstandsfähiger.
Eltern und Familien spielen eine zentrale Rolle bei der frühzeitigen Unterstützung ihrer Kinder. Schulen können in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen Orientierung und Beratung anbieten, um Schüler individuell zu fördern.

Perspektiven stärken, zum Beispiel durch praxisnahe Berufsbildung, Berufsorientierung, Mentoring oder sinnvolle Freizeitangebote, gibt Jugendlichen Halt und Selbstvertrauen. Auch bewusst gestaltete digitale Pausen, stressfreie Lernzeiten und klare Grenzen im Mediengebrauch können Überforderung reduzieren und helfen, mental stabil zu bleiben.
Nachhaltige Bildung stärkt fachlich wie seelisch
Die psychischen Probleme unserer Jugendlichen sind real und ernst. Sie lassen sich jedoch nicht allein durch Programme lösen.
Stabile Strukturen, klare Zuständigkeiten, frühzeitige Unterstützung und konkrete Zukunftsperspektiven geben jungen Menschen die Chance, belastbar zu werden.
Bildung wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie nicht überfordert, sondern stärkt – fachlich wie seelisch. Wer junge Menschen ernst nimmt, sorgt dafür, dass sie nicht nur Leistung bringen, sondern auch mental stark werden.
Zur Autorin
Nadja Günthör (*1965) ist Grossrätin und Partei-Vizepräsidentin der SVP Kanton Bern.







