«Menschen lassen sich lieber von Gefühlen leiten»

Wiesy Imhof
Wiesy Imhof

Flawil,

Bruno Cozzio äussert sich zu seinem Rücktritt aus dem Kantonsrat und wirft einen Blick auf seine politische Arbeit.

Kantonsrat
Bruno Cozzios Engagement wurde über die Parteigrenzen hinaus geschätzt. - Wiesy Imhof

Vor zwei Jahren schaffte er mit dem besten Ergebnis seiner Partei die Wiederwahl in den St. Galler Kantonsrat. Nun gibt er sein Amt vorzeitig ab und plant sein Leben neu. So ganz von der politischen Bildfläche wird Mitte-Politiker Bruno Cozzio trotzdem nicht verschwinden.

Ein Blick auf die kantonale Ratsinfo macht es deutlich: Bruno Cozzio hat sich im Kantonsrat in zahlreichen Gremien unterschiedlichster Fachgebiete eingebracht. Nun hat er sich, zwei Jahre vor Ablauf der Legislatur, für ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Kantonsrat entschieden. Dadurch möchte er ausdrücklich jüngeren Kräften den Weg freimachen.

Redaktion: Bruno Cozzio, Sie wurden vor zwei Jahren mit einem absoluten Glanzresultat im Kantonsrat bestätigt. Verlassen Sie die Party, wenn sie am schönsten ist?

Bruno Cozzio: Ja, das könnte man so sagen. Oder anders ausgedrückt ist es doch besser zu gehen, bevor jeder froh ist, dass man seinen Sessel räumt.

Aber Scherz bei Seite: Für mich passt dieser Entscheid jetzt einfach gut in meine Lebensplanung.

Redaktion: Was gab für Sie den Ausschlag, das Ratsmandat vor Ablauf der Legislatur niederzulegen?

Cozzio: Da gab es verschiedene Gründe. Ganz zentral war für mich die Frage der Nachfolge. Brigit Keller und Renaldo Vanzo werden meine Aufgaben und Interessen gut im Rat vertreten.

Darüber hinaus möchte ich nach je zwölf Jahren im Kantons- und Gemeinderat mehr Zeit mit meiner Frau verbringen.

kantonsrat st gallen
Eine Abstimmung im St. Galler Kantonsrat. (Archivbild) - keystone

Redaktion: Ihre Tätigkeit als Revierförster ist nicht gerade dafür bekannt, als politisches Sprungbrett zu dienen. Wie haben Sie trotzdem den Weg in die Politik geschafft?

Cozzio: Als Förster braucht man ein Gefühl dafür, unterschiedliche Interessen und Aspekte zu berücksichtigen. Ein klares Auftreten ist hier ebenso wichtig wie gutes Zuhören, das hat mir in der Politik sehr geholfen.

Redaktion: Hat Ihre Arbeit einen speziellen Einfluss auf Ihr Amt ausgeübt?

Cozzio: Die Arbeit im Wald ist langfristig ausgelegt, so wie es die Politik auch sein muss, oder zumindest sein sollte. Gute Resultate brauchen Zeit. Im Wald wie in der Politik.

Redaktion: Welche Veränderungen haben Sie über die zurückliegenden Jahre in der Politik beobachtet?

Cozzio: Alles ist hektischer geworden und die Menschen reagieren immer mehr auf Emotionen. Sie lassen sich lieber von Gefühlen leiten als auf Tatsachen zu vertrauen.

Die Sachlichkeit und das faktenbasierte Arbeiten treten dadurch in den Hintergrund. Wer leise arbeitet wird übersehen oder bleibt ungehört. Die lauten Politiker sind leider auch in der Presse viel präsenter.

Bruno Cozzio im Kurzporträt

Bruno Cozzios Engagement dauert bereits mehr als zwei Jahrzehnte an. Seine Karriere nahm im Uzwiler Gemeinderat ihren Anfang, wo er von 2005 bis 2016 Einsitz hatte. Mit Beginn seiner politischen Laufbahn trat er der CVP, später Die Mitte, bei, wo er auf Gemeindeebene sowie in der Regionalpartei Wil-Untertoggenburg verschiedene Aufgaben in Vorstand und Präsidium übernahm.

Seit 2014 war Cozzio Mitglied im St. Galler Kantonsrat, wo er seit 2018 Fraktionsvorstand war und durch sein Engagement in den unterschiedlichsten Bereichen hervortrat. Den Höhepunkt seiner Politkarriere bildete das Präsidialjahr im Kantonsrat 2020/21. Seit 2026 präsidiert Cozzio Die Mitte 60+ Kanton St. Gallen und ist gleichzeitig im Vorstand Die Mitte 60+ Schweiz. Zumindest in diesem Rahmen wird er auch nach seinem Rücktritt weiterhin politisch aktiv bleiben.

Redaktion: Und wie haben Sie sich in Ihrer politischen Laufbahn persönlich verändert?

Cozzio: Ich habe mich wohl eher weiterentwickelt als grundlegend verändert. Von der politischen Arbeit habe ich auch auf persönlicher Ebene viel profitiert.

Ich habe gelernt, besser zuzuhören, im gemeinsamen Konsens Lösungen zu finden und mehr Verständnis für Meinungen zu entwickeln, die im Widerspruch zu meiner eigenen stehen. Dies alles hat mich sehr bereichert und meinen Horizont enorm erweitert.

Redaktion: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was würden Sie als Ihren grössten Erfolg bezeichnen?

Cozzio: Wenn ich explizit einen einzelnen Erfolg nennen müsste, dann wäre dies sicher mein Präsidialjahr im Kantonsrat 2020/21. Es sind jedoch vielmehr kleine Einzelerfolge, die für mich von besonderer Bedeutung sind.

Ich habe in vielen Gremien und Kommissionen mitgearbeitet und es war mir dabei stets wichtig, alle relevanten Aspekte auf Herz und Nieren zu prüfen. Wenn ich mir eine Meinung gebildet hatte, konnte ich diese aus vollster Überzeugung vertreten. Ich habe immer mein Bestes gegeben. Das zählt für mich am meisten.

Redaktion: Im politischen Geschäft gehört man nicht immer zu den Gewinnern. Welche Niederlage hat Sie besonders beschäftigt?

Cozzio: Scheitern gehört im Leben wie auch in der Politik dazu. Wichtig ist dabei, dass man seine Lehren daraus zieht und versucht, künftig Anpassungen und Veränderungen vorzunehmen, wo dies möglich ist. In diesem Sinne hatten für mich auch Niederlagen immer etwas Gutes, das mich weitergebracht hat.

Interessierst du dich für regionale Politik?

Redaktion: Welche Lehren haben Sie aus Rückschlägen gezogen und was haben Sie in der Politik für Ihr Leben gelernt?

Cozzio: Alles braucht seine Zeit. Das hat mich nicht nur die politische Arbeit gelehrt, sondern auch die Tätigkeit im Wald. Die Langsamkeit des Waldes kann uns gerade bei Niederlagen inspirieren.

Auch wenn ein Baum fällt, geht dabei nicht gleich der ganze Wald den Bach runter. Manchmal entstehen auch aus Niederlagen überraschend neue Lösungen, vorausgesetzt, man öffnet sich dafür.

Redaktion: Wie sieht Ihre Zeit nach dem Amt aus? Werden Sie künftig Waldbaden und Bäume umarmen?

Cozzio: Natürlich spielt der Wald weiterhin eine wichtige Rolle in meinem Leben, auch ohne Bäume zu umarmen. Die gewonnene Zeit habe ich vor allem für meine Frau reserviert.

Aus der Politik werde ich mich trotzdem nicht ganz zurückziehen. Insgeheim könnte ich mir auch eine Kandidatur für den Nationalrat vorstellen. Dies würde jedoch meinen Lebensplan etwas über den Haufen werfen.

Redaktion: Welchen Gedanken würden Sie Ihren Ratsmitgliedern als «Give-away» mit auf den Weg geben?

Cozzio: Man sollte sich immer für ein nachhaltiges Handeln entscheiden anstatt sich vom Populismus leiten zu lassen. Sachlichkeit und Ehrlichkeit führen langfristig zum Erfolg.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.

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