Hitachi kommt nach Otelfingen ZH: Was passiert mit Steuer-Einnahmen?
Der Entscheid ist kürzlich gefallen. Hitachi Energy wird sich in Otelfingen ZH ansiedeln. Die erfreute Gemeindepräsidentin Barbara Schaffner dazu im Gespräch.

Redaktion: Hat Sie der Entscheid überrascht oder haben Sie erwartet, dass sich Hitachi für Otelfingen entscheiden wird?
Barbara Schaffner: Ich war zuversichtlich, dass sich Hitachi für Otelfingen entscheiden würde. Bei uns steht eingezontes Industrieland zur Verfügung, das mit einem eigenen Bahnhof bestens erschlossen ist und wir haben im Vorfeld des Entscheides gezeigt, dass wir alle offenen Fragen und Bedenken positiv beantworten konnten.
Dazu gehört auch, dass die benötigte Überhöhe für ein Prüflabor rasch und rechtlich verbindlich zugesichert werden konnte. Dafür gebührt allen Beteiligten – Bauabteilung, Ingenieurbüro, planenden Architekten, Landeigentümerin und Gemeinderat – ein grosser Dank.

Redaktion: Der Zuzug der Firma ist ein Meilenstein in der Industrie Geschichte von Otelfingen. Was bedeutet Hitachi für die bestehende Industriestrategie von Otelfingen?
Schaffner: Ein Industriecluster in einer Zukunftstechnologie hat schon lange in den Köpfen des Gemeinderates herumgegeistert. Mit der Industriestrategie haben wir diese Ideen zusammen mit einem externen Fachmann für Standortprojekte auf Papier gebracht.
Dabei war uns wichtig, dass wir auf bestehende Industrie- und Gewerbebetriebe aufbauen können. Aus diesem Prozess entstand unter anderem das Narrativ «Energy & Materials Hub». Hitachi fügt sich perfekt in dieses Narrativ ein.
Redaktion: Das Jelmoli-Gebäude ist denkmalgeschützt und muss dementsprechend nach Vorgaben umgebaut werden. Sehen Sie Hürden bei der Sanierung des Gebäudes, welche den Zeitplan gravierend verzögern könnten?
Schaffner: Schon bevor Hitachi sich für den Standort Otelfingen interessiert hat, bestand eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Zuständigen in der kantonalen Denkmalpflege und dem Planerteam. Diese vorgängigen Arbeiten konnten direkt in das Projekt mit Hitachi einfliessen.
So besteht schon sehr grosse Klarheit, welche Teile zu schützen sind und wo Handlungsspielraum besteht. Eine Verzögerung durch den Denkmalschutz ist deshalb nicht zu erwarten.
Redaktion: Welche zusätzlichen Steuereinnahmen erwartet die Gemeinde langfristig?
Schaffner: Ich möchte hier keine Zahl nennen. Klar ist, dass die zu erwartenden Steuereinnahmen die gesamten Steuereinnahmen von Otelfingen stark erhöhen werden und Otelfingen von einer Nehmergemeinde im Finanzausgleich zu einer Gebergemeinde werden wird.
Die genaue Höhe der Steuereinnahmen wird natürlich vom Geschäftsgang von Hitachi abhängen und es ist frühestens in 5 Jahren mit einem Einfluss auf das Steueraufkommen von Otelfingen zu rechnen.

Redaktion: Die S-Bahn-Haltestelle Otelfingen hat Hitachi als grossen Pluspunkt bezeichnet. Mit dem Unternehmen gibt es viele neue Arbeitsplätze in Otelfingen. Sind generell Massnahmen zum ÖV-Ausbau geplant?
Schaffner: Heute schon bestehen auf der S6 genügend Kapazitäten für die Mitarbeitenden von Hitachi. Zwischen Otelfingen und Baden gibt es zu jeder Zeit viele freie Sitzplätze.
Dank antizyklischen Pendlerbewegungen von Zürich nach Otelfingen gibt es auch für Mitarbeitende aus dem Raum Zürich noch viel Platz. Zudem werden zurzeit die Perrons an allen Bahnhöfen entlang der Furttallinie verlängert, sodass in Zukunft Züge mit drei statt zwei Zugskompositionen verkehren können.
Redaktion: Wie begegnet die Gemeinde Befürchtungen bezüglich Verkehrszunahme oder Lärmbelastung?
Schaffner: Zuerst ist festzuhalten, dass jede zukünftige Nutzung des Industriegebiets mit Verkehr verbunden ist. Mit der Ansiedlung von Hitachi haben wir die einmalige Chance, einen grossen Partner zu haben, mit dem wir ein Mobilitätskonzept entwickeln können, damit die freien Kapazitäten auf der Bahn von den Mitarbeitenden möglichst gut genutzt werden.
Zudem rechnen wir damit, dass der Schwerverkehr und die Lastwagenfahrten durch den Zuzug von Hitachi insgesamt abnehmen werden, da die heutigen Nutzungen des Areals stark durch Logistik geprägt sind.
Redaktion: Wie wird sich in Ihren Augen die Ansiedlung von Hitachi auf lokale Gewerbebetriebe auswirken?
Schaffner: Es wird sicher Gewerbetreibende geben, die von der Ansiedlung von Hitachi profitieren – sei es als Zulieferer, Dienstleister oder im Catering – oder einfach, weil das Industriegebiet von den Angeboten und der Aufenthaltsqualität her aufgewertet wird.
Auf der anderen Seite stehen die heute in den betroffenen Liegenschaften eingemieteten Gewerbe, die mittelfristig eine neue Bleibe finden müssen. Swiss Prime Site als Besitzerin der Liegenschaften ist es ein Anliegen, gute Lösungen für die Betroffenen zu finden.
Redaktion: Erhoffen Sie sich durch die Ansiedlung von Hitachi eine Signalwirkung auf andere internationale Unternehmen?
Schaffner: Es braucht nicht zwangsläufig internationale Unternehmen, um das Industriegebiet positiv weiterzuentwickeln. Dem Gemeinderat ist wichtig, dass auch lokale und regionale Unternehmen weiterhin Platz finden.
Mit den Gewerbeboxen, die zurzeit im Bau sind, wird ein Angebot für eher kleinere Unternehmen und Start-ups geschaffen. Dieser Mix soll die Attraktivität der Industrie Otelfingen ausmachen.
Redaktion: Rechnet die Gemeinde mit zusätzlichem Wohnraumbedarf?
Schaffner: Hitachi möchte ab 2030 verschiedene Standorte zusammenziehen, die heute schon in der Region angesiedelt sind. Entsprechend werden nicht alle Arbeitnehmenden beim Umzug ihres Standortes auch ihren Wohnsitz verlegen wollen oder müssen.
Dennoch wird mehr Wohnraum benötigt werden. Die Gemeinde setzt dafür vor allem auf das Gebiet Brühl Nord, in dem in den nächsten Jahren neue Wohnbauten entstehen werden. Im gleichen Zeitraum wird auch im Gebiet Bahnhof Nord in Regensdorf viel gebaut.
Redaktion: Sehen Sie auch Risiken für die Gemeinde mit dem Hitachi-Zuzug, bezüglich grossem Wachstum?
Schaffner: Otelfingen wird wachsen. Das geschieht aber nicht primär aufgrund des Standortentscheids von Hitachi, sondern weil wir noch viel Reserve in den Bauzonen haben – sowohl im Dorf wie auch im Industriegebiet.
Dem Gemeinderat ist klar, dass wir dieses Wachstum sorgfältig begleiten müssen, damit wir die Neuzuziehenden ins Dorfleben integrieren können. Deshalb begrüsst und unterstützt der Gemeinderat verschiedene Initiativen für Begegnungsorte wie den Pumptrack – neu mit Boule-Bahn – die Mühle mit der Austauschbar oder die Idee des Kreativbahnhofs.
Redaktion: Wie erleben Sie die Reaktionen der Bevölkerung zum Standort-Entscheid von Hitachi?
Schaffner: Ich habe ausschliesslich freudige Rückmeldungen und Gratulationen erhalten – auch über das Dorf hinaus.

Redaktion: Wann ist der Start für die Gebäude-Sanierung und die Neubauten des neuen Campus geplant?
Schaffner: Der Spatenstich für den Neubau mit dem Prüflabor soll 2027 geschehen. Die weiteren Ausbauten und Umzüge werden jetzt genauer geplant.
Redaktion: Im Nachbarkanton hat sich eine grosse Enttäuschung eingestellt. Sehen Sie dadurch Probleme für eine weitere, gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit?
Schaffner: Ich verstehe die Enttäuschungen im Aargau. Ich glaube aber nicht, dass das die zukünftige Zusammenarbeit belasten wird.
Redaktion: Was bedeutet der Entscheid von Hitachi für Sie als Gemeindepräsidentin?
Schaffner: Es erfüllt mich mit grosser Freude und grossem Stolz, dass wir als kleine Gemeinde Standort für den Campus eines Weltkonzerns sein dürfen.
Speziell freut es mich als Physikerin und Energiepolitikerin, dass mit der Energiesparte von Hitachi relevante Produktionen und Entwicklungen für unsere Energiezukunft in Otelfingen stattfinden werden.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Furttaler Nachrichten» erschienen.








