FDP-Frei fordert in St. Gallen Schul-Revolution!
Die FDP fordert einen Umbau der St. Galler Volksschule. Fraktionspräsident Raphael Frei verlangt harte Leistungskontrollen und flexiblere Schulmodelle.

Es geht um die Zukunft der St. Galler Volksschule. Die FDP sieht die integrative Schule an ihrer Belastungsgrenze, kritisiert das neue Aufnahmeverfahren für die Kantonsschulen und warnt, dass Nachteilsausgleiche immer häufiger zur Besserstellung werden könnten.
Im Interview erklärt Raphael Frei, Fraktionspräsident der FDP St. Gallen, warum die Partei mit einem Vorstosspaket nachlegt und welche konkreten Änderungen sie im neuen Volksschulgesetz durchsetzen will.
Redaktion: Herr Frei, die FDP spricht von «echten Problemen» an der St. Galler Volksschule. Welche Daten belegen, dass integrative Schule, Kanti-Aufnahme und Nachteilsausgleich systematisch an ihre Grenzen stossen?
Raphael Frei: Nicht nur unsere eigenen Erfahrungen aus der Praxis, sondern auch die Rückmeldungen, die wir täglich von besorgten Eltern, Lehrpersonen und Lehrbetrieben erhalten, werden durch aktuelle Studien bestätigt.
So sehen beispielsweise fast zwei Drittel der St. Galler Lehrpersonen aktuell die integrative Schule eher bis sehr kritisch. Nur gerade neun Prozent stehen dieser sehr positiv gegenüber. Davor die Augen zu verschliessen, wäre fahrlässig und falsch.
Redaktion: Wie gross ist die Belastung der Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler tatsächlich?
Frei: In einer einzigen Klasse treffen heute Kinder mit ADHS, Lern- und Verhaltensstörungen, Deutsch als Zweitsprache, verstärkten Massnahmen, individuellen Lernzielen und heilpädagogischem Unterstützungsbedarf auf leistungsstarke und hochbegabte Schülerinnen und Schüler.
All diesen Bedürfnissen sowie dem erhöhten Koordinationsaufwand gleichzeitig gerecht zu werden, ist fast nicht machbar. Das hat negative Folgen für alle Schulkinder.

Redaktion: Gibt es kantonsweite Zahlen zu Überlastung, Lernrückständen, Time-outs oder verstärkten Massnahmen?
Frei: Ein grosser Teil der Schulkinder – gemäss PISA-Studie rund ein Viertel – kann inzwischen weder in der eigenen Landessprache korrekt schreiben noch einen Alltagstext verstehen.
Für rund die Hälfte der Lehrpersonen ist die integrative Schule gemäss Umfragen eine starke Belastung und Firmen beobachten zunehmend Defizite bei den Grundkompetenzen der Lernenden. Der Handlungsbedarf ist ausgewiesen und benötigt keine weiteren Statistiken, sondern Massnahmen.
Redaktion: Die FDP fordert regelmässige kantonsweite Leistungskontrollen. Wie sollen diese Tests ausgestaltet sein?
Frei: Unsere Volksschule ist für den Kitt in der Gesellschaft und die Wirtschaft von allergrösster Bedeutung. Wenn es uns nicht mehr gelingt, Kinder und Jugendliche aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten fundiert auszubilden, gefährden wir das Erfolgsmodell Schweiz, von dem wir alle profitieren.
Das können wir nicht hinnehmen. Die Erreichung der Grundkompetenzen, als Basis jeder guten Ausbildung, ist für uns entscheidend. Darum gilt es, deren Erreichung in Zukunft verbindlich zu prüfen.
Im Falle einer Nicht-Erreichung müssen die Schulen gezwungen sein, Änderungen umzusetzen. Nur so können wir sicherstellen, dass die Grundkompetenzen wieder ins Zentrum des Schulalltags rücken.
Redaktion: Die FDP kritisiert, leistungsstarke Kinder kämen zu kurz und Grundkompetenzen seien nicht gesichert. Welche Belege gibt es dafür?
Frei: Wo der Koordinations- und Vorbereitungsaufwand aufgrund unterschiedlichster Bedürfnisse steigt, geht andernorts Zeit verloren, typischerweise auch bei den leistungsstärkeren Kindern.
Vor diesem Hintergrund ein Schulmodell auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen, ist falsch. Hier braucht es Spielraum, um die bestmöglichen Voraussetzungen vor Ort schaffen zu können.
Redaktion: Beim neuen Kanti-Aufnahmeverfahren zählen je vier Vornoten und vier Prüfungsnoten. Weshalb ist das für die FDP problematisch?
Frei: Nach dem neuen Punktesystem kann ein Prüfungsschnitt von 3,5 genügen, wenn der Vornotenschnitt bei 5,0 liegt. Ist für die FDP grundsätzlich jede ungenügende Prüfungsleistung unvereinbar mit einer Aufnahme ans Gymnasium.
Redaktion: Die Aufnahmehürde wurde von 36 auf 34 Punkte gesenkt. Welche Begründung liefert der Kanton, und warum fordert die FDP die Rückkehr zur früheren Regelung?
Frei: Für uns muss der Weg ans Gymnasium über Leistung führen, und die Aufnahmeprüfung ist dafür das entscheidende Instrument. Die Folgen der Anpassungen im Aufnahmeverfahren sind darum problematisch: Gute Vornoten können eine ungenügende Prüfungsleistung neu vollständig ausgleichen.
So verliert die Prüfung ihre Funktion als echte Leistungshürde. Gerade weil die Matura einen prüfungsfreien Zugang zu den Hochschulen garantiert, darf die Aufnahmeprüfung nicht verwässert werden. Leistung muss sich lohnen.

Redaktion: Welche Auswirkungen hatte die Neuregelung bisher konkret? Wie viele Schülerinnen und Schüler wurden 2026 trotz einer Prüfungsnote unter 4,0 aufgenommen?
Frei: Diese Zahlen wurden bei der Regierung mit dem eingereichten Vorstoss angefragt.
Redaktion: Die FDP warnt beim Nachteilsausgleich vor einer «Besserstellung». Wie stark sind die Zahlen in den vergangenen zehn Jahren gestiegen?
Frei: Gemäss Artikel im St. Galler Tagblatt vom 21. März ist die Zunahme quer durch alle Bildungsstufen markant. In der St. Galler Berufsbildung haben sich die Gesuche innert vier Jahren mehr als verdoppelt, im Schuljahr 2024/25 waren es 459, das sind rund zehn Prozent der neu eintretenden Lernenden.
Im Thurgau sind die Gesuche in der Berufsbildung seit 2016 um über 350 Prozent gestiegen, und das bei rückläufigen Lernendenzahlen. An der Universität St. Gallen stieg die Zahl in den letzten zehn Jahren von 33 auf 188 Studierende, also rund das Sechsfache.
Und an der Fachhochschule Ostschweiz profitieren im Schuljahr 2024/25 drei Prozent aller Bachelor-Studierenden davon, Tendenz steigend. Wenn die Zahlen derart schnell wachsen, muss man genau hinschauen, damit aus dem Ausgleich eines Nachteils nicht eine Besserstellung wird.
Redaktion: Welche konkreten Änderungen will die FDP im neuen Volksschulgesetz durchsetzen?
Frei: Im Zentrum steht für uns die verlässliche Erreichung der Grundkompetenzen. Deshalb fordern wir als zwingende Voraussetzung regelmässige, kantonsweite und einheitliche Leistungskontrollen. Die Flexibilisierung der Schuleingangsstufe und der Oberstufenmodelle begrüssen wir, weil die Gemeinden vor Ort unterschiedliche Herausforderungen haben.
Aber mehr Flexibilität braucht auch mehr Führung, Verantwortung und Verbindlichkeit bei Schulträgern und Lehrpersonen, und die Praxiserfahrung der letzten Jahre ist einzubeziehen. Denn die integrative Schule hat sich unter den gegebenen Voraussetzungen wenig bewährt.
Darüber hinaus wollen wir insbesondere vier weitere Punkte durchsetzen.
Erstens sollen gezielte Förderklassen als ergänzendes Instrument möglich werden, um die Regelklassen und die Lehrpersonen zu entlasten und fremdsprachigen Kindern den Einstieg zu erleichtern; der Kanton Zürich zeigt mit der Förderklassen-Initiative den Weg.
Zweitens muss Praxiserfahrung im Lehrberuf endlich zählen: Berufserfahrung und gute Leistungen sollen echte Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen, und wer an der PHSG angehende Lehrpersonen ausbildet, soll selbst über Erfahrung im Schulzimmer verfügen.
Drittens braucht es klare Regeln gegen die missbräuchliche Nutzung privater Smartphones im Unterricht, mindestens auf Verordnungsstufe.
Viertens soll der Bildungsrat abgeschafft werden, weil er seinen Zweck als Fachgremium nicht erfüllt hat.
Schliesslich lehnen wir eine Befristung der leistungsgetrennten Oberstufe ab. Die Trennung von Real und Sek ist eine bewährte Organisationsform und soll als gleichwertige Option offenbleiben.
Redaktion: Vielleicht noch eine ganz allgemeine Frage zum Schluss: Fordert die FDP aufgrund einzelner Fälle eine Kurskorrektur? Und wie verhindert sie, dass Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen gegeneinander ausgespielt werden?
Frei: Hierbei von Einzelfällen zu sprechen, ist schlicht falsch. Die vielen verschiedenen Bedürfnisse in einer Klasse führen aktuell gerade dazu, dass die Kinder unbewusst gegeneinander ausgespielt werden. Lösen wir dieses Problem, helfen wir allen Schülerinnen und Schülern.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.












