Wegen Hitzesommer: Mehr Gewaltdelikte in St. Gallen
Der Hitzesommer hat in St. Gallen zu einem massiven Anstieg der Gewaltdelikte geführt. Namentlich hat die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt zugenommen.

Das Wichtigste in Kürze
- In St. Gallen hat sich während des heissen Sommers die Zahl von Gewaltdelikten erhöht.
- Die Hitze könnte dazu auch ihren Beitrag geleistet haben.
- Gemäss dem sogenannten «Long Hot Summer Effect» werden Menschen bei langanhaltender Wärme «dünnhäutiger».
Nach Sprecher Milo Frey der Kantonspolizei hat sich vom 1. Juni bis 31. August dieses Jahres in den Bereichen Delikte gegen Leib und Leben und Häusliche Gewalt ein gesamtkantonaler Anstieg ergeben.
Während sich bei den Leib/Leben-Delikten die zunehmende Tendenz der Vorjahre fortsetzte, ist bei der Häuslichen Gewalt im erwähnten Zeitraum ein starker Anstieg zu beobachten. Dagegen ist bei der Betrachtung aller Delikte in diesem Jahr im Vergleich zu den Vorjahren keine Zunahme der Kriminalität zu beobachten.
Gewalt auch gegen die Polizei
Bei der Stadtpolizei hat nach Sprecher Dionys Widmer von Anfang Mai bis Ende August namentlich die Zahl der Drohungen und Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten stark zugenommen. Während in der gleichen Zeitphase des Vorjahres sechs solche Fälle zu verzeichnen waren, waren es dieses Jahr zehn.

Allgemein haben die Aggressionen im freien Raum zugenommen, wohl auch deshalb, weil sich viele auch nachts im freien Raum bewegt haben und es dabei zu Konflikten gekommen ist. Es erfolgten in diesem Sommer besonders auch Anzeigen wegen Tätlichkeiten, Drohung und Hinderung einer Amtshandlung bei den Strafverfolgungsbehörden.
Schwerwiegende Fälle
Wiederholt musste zur Gegenwehr ein Destabilisierungsgerät (Taser) eingesetzt werden, so kürzlich auch, als ein 30-jähriger Nordmazedonier in einer Bar randalierte, um sich schlug und Gläser warf. Er musste in Gewahrsam genommen werden.
Ein anderer, stark alkoholisierter Täter trat unvermittelt mit dem Fuss gegen das Gesicht eines Polizisten. Bei einer Intervention im Lachen-Quartier schrie ein Mann auf der Strasse und griff die Einsatzkräfte tätlich an.
Ein vorgängig Bewusstloser verhielt sich hier nach dem Aufwachen äusserst aggressiv gegenüber der Polizei und musste ebenfalls in Handfesseln gelegt werden. Nach einem Fluchtversuch schlug ein 55-jähriger Schweizer mit der Faust gegen den Kopf eines Polizisten.
Viel Arbeit für die Opferhilfe
Die Opferhilfe St. Gallen und beide Kantone Appenzell meldet einen sprunghaften Anstieg der von ihr bearbeiteten Gewaltfälle auf 730. Im Sommer 2025 waren es noch knapp 500 gemeldete Fälle.
Es wird vermutet, dass neben der extremen Hitze auch die starke Auslastung anderer Hilfsangebote Betroffene zusätzlich zur Opferhilfe geführt haben.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Der Anstieg von Aggressionen und Gewalttaten während langer Hitzeperioden – in der Kriminologie als «Long Hot Summer Effect» bezeichnet – ist durch ein Zusammenspiel aus biologischen und sozialen Faktoren wissenschaftlich gut belegt.
Da der Körper permanent mit dem Temperaturausgleich beschäftigt ist, sinkt die mentale Kapazität, um mit alltäglichen Frustrationen gelassen umzugehen. Unter Hitzestress fällt es dem Gehirn schwerer, Impulse zu kontrollieren.

Menschen werden «dünnhäutiger». Eine Langzeitstudie aus den USA belegt, dass lange andauernde Hitzewellen gewalttätige Übergriffe begünstigen, während die Hilfsbereitschaft abnimmt.
Die klinische Psychologin Dr. Myriam Thoma von der Universität Basel betont, dass sich die Zunahme nicht auf den öffentlichen Raum beschränkt. Auch in partnerschaftlichen Beziehungen nehmen die Vorfälle an Hitzetagen zu.
Sie plädiert deshalb dafür, kühle öffentliche Rückzugsorte zu schaffen und Beratungsstrukturen für häusliche Gewalt im Sommer gezielt auszubauen. Die Hitzeforscherin Dr. Ana Maria Vicedo-Vabrera von der Universität Bern warnt zudem vor den gravierenden mentalen Folgen wie einem erhöhten Suizidrisiko während lang anhaltender Hitzeperioden.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.








