Graubünden

Degiacomi fordert für Chur Drug Checking und Kokainabgabe

Keystone-SDA Regional
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Chur,

Der Churer Stadtrat Patrik Degiacomi spricht im Interview mit Keystone-SDA über die Wirkung des neuen Konsumraums. Er sieht ausserdem in der Abgabe von Kokain an Schwerstsüchtige eine mögliche Lösung zur Eindämmung der Beschaffungskriminalität.

chur politik
In Chur gibt es seit gut drei Monaten einen Konsumraum mit angrenzender Kontakt- und Anlaufstelle. Im Bild: Patrik Degiacomi. - keystone

Keystone-SDA: Patrik Degiacomi, der Konsumraum in Chur ist seit gut drei Monaten offen. Welche Verbesserungen stellen Sie beim Gang durch die Stadt fest?

Patrik Degiacomi: Man trifft gefühlt nicht weniger Personen aus der Szene an, da sich diese zwischen dem Konsumraum und dem öffentlichen Raum hin und her bewegen. Wir erhalten Rückmeldungen der Polizei sowie von Anwohnenden der Altstadt, dass die Szene ruhiger geworden ist und es weniger Aggressivität gibt.

Täglich finden 100 bis 160 Konsumationen im Konsumraum statt und nicht mehr im Stadtpark oder an anderen öffentlichen Orten. Da dem Konsum der Kleinhandel vorausgeht, war die Situation in der Öffentlichkeit früher mit viel Stress und Aggressionen verbunden, was sich nun reduziert hat.

Keystone-SDA: Der Konsumraum ist von 11 bis 19 Uhr geöffnet. An einer kürzlichen Medienorientierung wurde angesprochen, dass es morgens Probleme mit Betttelei gibt und sich die Situation in der Nacht nicht verändert hat. Könnte ein durchgehender Betrieb des Konsumraums sinnvoll sein?

Degiacomi: Ein 24-Stunden-Betrieb existiert auch in den anderen Städten mit Konsumraum nicht und wäre eine grosse Belastung für das Quartier. Eine Erweiterung der Öffnungszeiten des Konsumraums drängt sich aber derzeit überhaupt nicht auf.

Keystone-SDA: Wo gibt es Handlungsbedarf?

Degiacomi: Bei uns fehlt es an besseren und vielfältigeren Angeboten im Bereich Wohnen. Es gibt bisher das «Housing First», wo Suchtkranke eine Wohnung gestellt erhalten und in einem betreuten Rahmen daheim konsumieren dürfen, was in Notschlafstellen oder im begleiteten Wohnen bisher nicht möglich war.

Andere Städte bieten für die Nacht stärker überwachte oder begleitete Einrichtungen an, die über das Konzept von «Housing First» hinausgehen. Es gibt eine Gruppe von Suchtkranken, die in einem reinen «Housing First»-Setting nicht bestehen kann. Und es gibt bei «Housing First» zu wenig Plätze sowie eine lange Warteliste ,und das Angebot ist nicht für alle Beteiligten passend.

Befürwortest du Konsumräume?

Keystone-SDA: Sie haben im Bündner Parlament ein Genfer Pilotprojekt zur Kokainabgabe an Schwerstabhängige thematisiert und nach dem Potenzial für den Kanton Graubünden gefragt. Die Reaktion des Kantons fiel eher skeptisch aus. Ist die Stadt für ein solches Projekt zwingend auf den Kanton angewiesen, oder könnte sie dies selbst initiieren?

Degiacomi: Die Stadt kann das nicht selbst umsetzen. Es müsste sich um eine medizinische Einrichtung handeln, in der Ärzte – nicht reines Pflegepersonal – das Projekt im Rahmen eines wissenschaftlichen Pilotversuchs leiten.

Da die Stadt Chur nicht über eine eigene medizinische Einrichtung verfügt, müsste eine Institution wie der Psychiatrische Dienst oder das Kantonsspital die Bereitschaft dazu erklären. Zudem ist eine Bewilligung des Kantons erforderlich.

Die Stadt kann das Vorhaben unterstützen und vorantreiben, aber mangels Infrastruktur und Fachpersonal nicht eigenständig realisieren. In grossen Städten, die über eigene Spitäler verfügen, ist die Ausgangslage anders. Der Kanton hat das Thema derzeit nicht im Fokus.

Keystone-SDA: Bedauern Sie das?

Degiacomi: Ich hätte mir hier mehr Mut gewünscht, da die kontrollierte Heroinabgabe damals ein echter Wendepunkt war und die Beschaffungskriminalität massiv gesenkt hat. Der Kanton hätte durch die Entlastung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten ein starkes Eigeninteresse an einem solchen Projekt.

Keystone-SDA: Die Beschaffungskriminalität ist auch mit dem Konsumraum unverändert hoch. Gibt es andere Massnahmen, die die Stadt eigenständig ergreifen kann?

Degiacomi: Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt- und der Kantonspolizei wurde in den vergangenen Jahren stark intensiviert. Durch eine Anpassung der Vereinbarung mit dem Kanton hat die Stadtpolizei nun erweiterte Kompetenzen und kann die Aufnahme von Drogendelikten direkt selbst durchführen.

Das entlastet den Kanton und erhöht die Effizienz des Gesamtsystems. Die polizeiliche Zusammenarbeit rund um den Konsumraum, am Bahnhof und in Absprache mit der Transportpolizei der SBB läuft hervorragend. Das Dispositiv wird laufend an die aktuelle Lage angepasst.

Zudem entlasten zusätzliche 400 Stellenprozent für Sicherheitsassistenten die Stadtpolizei erheblich. Diese Ressourcen werden gezielt im Stadtpark, im Quartier des Konsumraums und am Bahnhof eingesetzt, was das Sicherheitsgefühl stärkt. Allerdings führt dies auch zu einer leichten Verlagerung der Szene in angrenzende Gebiete. Den entscheidenden Wendepunkt bei der Beschaffungskriminalität würde erst die Abgabe von kokainbasierten Substituten im Rahmen eines wissenschaftlichen Pilotversuchs bringen.

Keystone-SDA: Ein Blick in die Zukunft: Es besteht die Sorge, dass Fentanyl, analog zu Entwicklungen im Ausland, auch in Chur ein Thema werden könnte. Wie gut ist der Konsumraum auf ein solches Szenario vorbereitet?

Degiacomi: Ein Konsumraum ist für das Auftreten von beruhigenden Substanzen wie Fentanyl äusserst wichtig. Bisher lag unser Fokus primär auf den aufputschenden Wirkungen von Crack. Der Konsumraum wurde nach aktuellen Fachempfehlungen aufgebaut, was sich nun auszahlt.

Ein entscheidendes, noch fehlendes Element ist jedoch das Drug Checking. Das wird auch von den Konsumierenden dringend gewünscht, um Substanzen zeitnah überprüfen zu können. Die Integration von Drug Checking im Konsumraum würde die Nutzung der Einrichtung weiter fördern und die Sicherheit der suchtkranken Menschen massiv erhöhen.

Keystone-SDA: Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Wie hat sich die Situation in Chur bis dahin realistischerweise verändert?

Degiacomi: Mein Wunsch ist, dass ein vom Kanton finanziertes Drug Checking im Konsumraum etabliert ist und ergänzend eine staatlich kontrollierte Substanzabgabe stattfindet.

Ich bin überzeugt, dass dadurch die Beschaffungskriminalität signifikant reduziert und die Sogwirkung der Szene unterbunden werden kann, sodass sich die offene Szene stabilisiert und verkleinert.

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