Bernhard Emch: «Die Stadt Bern ist kooperativ geworden»

Matthias Bärlocher
Matthias Bärlocher

Bern,

EMCH-CEO Bernhard Emch spricht im Interview über Lieblings-Lifte, die EU-Verhandlungen und den Stellenwert von Familienunternehmen – gerade auch in Bern West.

Bernhard Emch
EMCH-CEO Bernhard Emch im Gespräch mit dem BärnerBär. - Daniel Zaugg

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Zusammenarbeit mit den Stadtbehörden sei viel besser als früher, sagt Bernhard Emch im BärnerBär-Interview.
  • Bern brauche Industrie – und die Schweiz brauche Familienunternehmen, sagt der CEO der EMCH Aufzüge AG.
  • Er verrät, wann er lieber die Treppe nimmt und was er von der Debatte um die Bilateralen III hält.

Wer einen Termin mit Bernhard Emch hat, wird im Parterre der Fellerstrasse 23 in Bern West abgeholt. Dann geht es zu Fuss bis in den 2. Stock. Dabei ist der CEO der EMCH Aufzüge AG stolz darauf, jährlich Dutzende schöne, durchdachte, spezialangefertigte Lifte zu produzieren.

Im Interview mit dem BärnerBär erzählt er, warum der Hitzesommer die Lifte sichtbar gemacht hat. Was er von Stadtpräsidentin Marieke Kruit und der Debatte um die Bilateralen III hält.

EMCH Aufzüge AG
Die EMCH Aufzüge AG in Bern West. - Screenshot emch.com

BärnerBär: Aus Gesundheitsgründen haben wir die Treppe genommen. Das desavouiert ja schon etwas ihr Geschäftsmodell?

Bernhard Emch: Das meint man – aber da gibt es eine einfache Erklärung, warum dem nicht so ist. Gemäss der Suva sind die meisten Nichtberufsunfälle «Treppen runter steigen».

Darum sage ich: Das Sicherste ist, man nimmt die Treppe rauf und den Lift runter. Dann hat man etwas für die Gesundheit getan und die Liftbranche etwas zur Unfallverhütung beigetragen. Ich mache das sehr häufig so.

BärnerBär: Sie haben bei uns einen Gastkommentar zur Berner Wirtschaftsnacht geschrieben, die etwas wenig Besucher anzog. Ist es so, dass die Berner Wirtschaft zu wenig – oder falsch – wahrgenommen wird?

Emch: Aus eigener Erfahrung: In unserem Quartier ist die Wahrnehmung vorhanden. Vor einigen Jahren hatten wir einen Workshop zum «Chantier Bethlehem West». Eine der Fragen war, ob man in Zukunft noch Industrie und Gewerbe haben wolle. Das ist von den Quartiervereinigungen ganz klar bejaht worden, was uns ungemein gefreut hat.

Heute, mit Stadtpräsidentin Marieke Kruit, werden wir wahrgenommen. Man sagt: Wir wollen nicht eine Stadt werden, aus der das ganze Gewerbe und Industrie vertrieben worden ist.

Darum, um die Frage zu beantworten: Hier, für uns gesprochen, wird die Wirtschaft wahrgenommen. Sicher auch dank dem, dass wir wieder vermehrt Mitarbeitende haben, die auch hier oder in der Nähe wohnen.

Wenn man nachhaltig denken will, ist das sowieso am schlausten: Man hat den Arbeitsplatz dort, wo auch gewohnt wird. Das bedingt aber auch, dass die Stadt sagt, wir brauchen nicht nur Büros und Verwaltung, sondern auch Gewerbe und Industrie. Diese Mischung müssen wir hinbekommen.

Marieke Kruit von Graffenried
Berns Stadtpräsidentin Marieke Kruit und ihr Amtsvorgänger und jetziger Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried besprechen sich während einer Stadtrats-Sitzung. - keystone

BärnerBär: Die Zusammenarbeit mit den Behörden und insbesondere mit der Stadtpräsidentin läuft also gut?

Emch: Das kann ich bejahen. Sie läuft gut, oder besser formuliert: Sie ist kooperativ geworden. Zuvor habe ich das anders erlebt, damals noch als Präsident des HIV Sektion Bern.

Da hatte man oft den Eindruck, es heisst «ja, ja, ja», aber gemacht hat man alles andere. Das war mehr ein Deckmäntelchen, ein Feigenblatt. Aber dem Gewerbe und der Industrie zuhören und sie ernst nehmen, das spürte man nicht wirklich.

Heute, bei Marieke Kruit, muss man ganz klar sagen: Wenn sie Ja sagt, setzt sie sich auch dafür ein. Man fühlt sich ernst genommen, aber am Schluss muss es immer noch durchs Stadtparlament durch. Und dieses macht nun mal nicht immer den Eindruck, als wäre es wirtschafts- und entsprechend Gewerbe- und Industriefreundlich.

BärnerBär: Wie sieht es bei der Verkehrssituation aus? Da sind die Ansprüche und Wünsche in Bern West und der Innenstadt ja auch unterschiedlich. Im Zentrum geht es eher darum, wo man noch durchfahren und parkieren kann, was in der Peripherie wohl weniger der Fall ist.

Emch: Der erste, sehr steinige Weg war, dass beide Seiten begreifen: Es braucht ein vernünftiges Nebeneinander aller Mobilitäten und beim MIV muss zwischen Individual- und Wirtschaftsverkehr unterschieden werden. Dass diejenigen, die das Bedürfnis haben, am Loeb-Egge zu parkieren und einzukaufen, begreifen: In einer Stadt wie unserer sind diese Zeiten vorbei.

Die Stadt Bern hat ja sehr stark profitiert von diesem Teil der Verkehrsbefreiung, wenn man nur schon an den Bundesplatz denkt. Auf der anderen Seite muss man aber auch verstehen, dass man die Mobilität nicht zu stark ideologisiert.

Man kann nicht sagen, das Auto ist für nichts gut und es gibt nur noch Velo- und Fussverkehr. Es braucht alles, miteinander. Das Gewerbe kann nicht alles mit Lastenvelos beliefern. Und die Test-Projekte mit dem «Wirtschaftsverkehr», welcher dieser gewisse, sinnvolle Vorteile hat, verlaufen ja positiv.

Bernhard Emch
«Wenn man in der Fabrikationshalle das Skelett einer Liftkabine gesehen hat, fährt man ganz anders Lift», sagt EMCH-CEO Bernhard Emch. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Apropos Sichtbarkeit der Wirtschaft: Wie macht man einen Lift sichtbar? Und zwar so, dass man ihn nicht nur sieht, sondern auch wahrnimmt und wertschätzt?

Emch: Es hat ja auch etwas Positives: Ein Lift ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wir überlegen uns beim Einsteigen gar nicht, was es alles braucht, damit er fährt.

Wir haben das diesen Sommer gemerkt, mit der Wärme und den starken Gewittern. Das hat die Lifte stark betroffen: Die Maschinenräume sind ausgelegt auf maximal 40 Grad, darüber stellt der Lift automatisch ab. Die Gewitter haben die Keller und damit die Liftschächte unter Wasser gesetzt.

Das kam alles auf einmal und wir hätten ein x-faches an Reparaturtechnikern haben müssen, um alle Reparaturen rasch möglichst zu erledigen.

Das geht dann jeweils sehr schnell, bis die Leute reklamieren, wenn der Lift nicht innert 24 Stunden wieder läuft. Und zwar sehr gehässig und mit wenig Verständnis dafür, dass man nicht zaubern kann. Spätestens dann wird der Lift wieder wahrgenommen.

Es ist aber für mich eher ein Kompliment, wenn man den Lift im Alltag benutzt und es gar nicht merkt: Man hat keine Angst, es ist selbstverständlich, dass er funktioniert.

Dass der Lift auch Wertschöpfung bedeutet und man sieht, was für Arbeit dahintersteckt: Das bringen wir nicht hin, indem wir die Lifte schöner gestalten, sondern indem wir die Leute zu uns in die Produktionshallen nach Bern-Bethlehem holen.

Wir haben immer wieder Besuchsgruppen, nächstes Jahr überlegen wir uns, für das Quartier vielleicht wieder einmal einen Tag der offenen Türe zu machen. Wenn man dann in der Fabrikationshalle steht und den Rohbau einer Liftkabine gesehen hat, höre ich immer wieder das Feedback: Ich fahre jetzt ganz anders Lift.

Das ist der Weg – nicht ein auffälliger, besonders schöner Lift.

BärnerBär: Die hätten Sie ja durchaus auch im Angebot, EMCH baut ja allerlei Spezialanfertigungen. Haben Sie einen Lieblingslift, oder gibt es den noch gar nicht?

Emch: Geben tut es ihn schon, aber es sind viele! Jeder auf seine Weise. Sich drehende Autolifte. In letzter Zeit aktuell sind die Rooftop-Lifte, die ohne Schacht das Dach erschliessen.

Es gibt schöne Lifte, die wir im Ausland bauen durften. Spezielle Glaslifte, wie etwa im Fifa-Museum in Zürich, mit Grossbildschirm hinter dem Glas. Oder hier in Bern im Kultur-Casino, ein zeitloser Lift, der nicht auffällt, weil die Verkleidung ihn ins wunderschöne, historische Gebäude integriert.

BärnerBär: Hat man als Liftbauer einen anderen Blick auf die Welt?

Emch: Nicht einen anderen Blick, aber man ist anders betroffen von den aktuellen Herausforderungen. Diese wechseln ja mittlerweile im Zweijahresrhythmus.

Zum Beispiel der Euro-Schock, dann der Ukraine-Krieg mit der Energiekrise oder die Corona-Pandemie. All diese Krisen habe auf die verschiedenen Branchen eine andere Auswirkung. Spätesten dann merkt man, dass die Liftbranche andere Herausforderungen hat als beispielsweise der Detailhandel.

Durch viele der vergangenen Krisen sind wir relativ gut durchgekommen, weil wir anders betroffen waren als andere Branchen. Was wir mehr zu spüren bekommen, ist die aktuelle Zollthematik, die Unsicherheit mit den USA. Da spürt man, dass bei den Kunden grosse Unsicherheiten vorhanden sind. Man möchte zwar investieren, wartet aber lieber noch ab, bis die Unsicherheiten geklärt sind.

Bernhard Emch
Mit dem hausinternen Lift der EMCH Aufzüge AG fährt Bernhard Emch vorwiegend runter. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Anderes Thema: Sie sagen, die Ängste der Bevölkerung bezüglich der Zuwanderung müsse man ernst nehmen.

Emch: Ich bin ein grosser Verfechter von «Ängste ernst nehmen». Das heisst für mich in erster Linie: Zuhören. Das ist für mich eine Stärke, die die Schweiz dank dem Milizsystem in der Vergangenheit hatte: Man ist bei den Leuten, muss logischerweise zuhören.

Heute haben wir immer mehr Berufspolitiker, es wird immer ideologischer. Man beharrt auf seiner Ideologie und hört nicht mehr zu.

Ein gutes Beispiel war für mich die Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz. Ich war gegen diese Schranke, weil es der falsche Weg war. Aber ich habe auch gesagt: Nehmen wir die Ängste ernst.

Diese gibt es bei mir auch. Nur, weil die Initiative jetzt abgelehnt wurde, können wir nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen einfach mehr zuhören und hätten das schon davor tun sollen: Wo sind die Probleme? Warum haben die Leute Angst?

Das ist etwas verloren gegangen. Und das wird bei den Bilateralen III wieder genau dasselbe sein: Wir müssen zuhören, die Ängste ernst nehmen, dann sollen alle ihre Argumente vorbringen dürfen. Am Schluss sollen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, was der richtige Weg ist.

Auch für die Wirtschaft wird es bei den Bilateralen III wieder eine Zerreissprobe. Ich kenne viele, die dagegen sind, andere sind klar dafür. Wenn wir die andere Meinung nicht akzeptieren, dann wird es emotional. Und emotionale Entscheidungen sind bei solchen Themen nie gut.

Das ist im Privaten genau gleich. Wenn ich genervt bin von meinen Kindern, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich einfach auf stur schalte. Wenn wir es schaffen, miteinander zu diskutieren, sind nachher alle happy, wenn man einen Kompromiss findet.

Das ist meine feste Überzeugung: Wir müssen Ängste wahrnehmen, zuhören, argumentieren, diskutieren und dann sachlich bleiben und akzeptieren, wenn jemand eine andere Meinung hat.

Der Containerhafen Kleinhüningen in Basel.
Die geplanten EU-Stahlzölle könnten auch die Schweizer Stahlimporte betreffen. (Symbolbild) - keystone

BärnerBär: Sie sagen: Nichts ist unmöglich. Sie setzen auf Loyalität, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung. Sind sie ein Gutmensch?

Emch: (schmunzelt) Was ist die Definition eines Gutmenschen? Ich habe keinen Anspruch, mich selbst zu beurteilen. Es sollen andere sagen, wie sie mich wahrnehmen.

Nur weil ich meine soziale Verantwortung als Arbeitgeber wahrnehme – beispielsweise durch mein Engagement für die Arbeitsintegration – würde ich mich noch nicht als Gutmenschen bezeichnen. Denn als Arbeitgeber bin ich auch dafür verantwortlich, harte Entscheidungen zu treffen, an welchen nicht alle Freude haben.

Soziale Verantwortung ist aus meiner Sicht auch die Grundlage, um eine langfristige Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden aufzubauen.

Bevorzugst du die Treppe gegenüber dem Lift?

BärnerBär: Sie führen die EMCH Aufzüge AG zusammen mit ihrem Bruder. Was macht den Wert eines Familienunternehmens aus?

Emch: Familienunternehmen haben ganz andere Möglichkeiten, als Grosskonzerne. Das soll nicht wertend sein gegenüber den Konzernen, es braucht beide.

Aber ein Familienunternehmen steht nicht im Schaufenster, ist nicht börsenkotiert, kann mittel- und langfristig denken. Das ermöglicht dann eben das soziale Engagement.

Schweisser EMCH Aufzüge
Ein Schweisser arbeitet in der Werkstatt der EMCH Aufzüge AG. - keystone

Ich bin überzeugt, dass man – im Vergleich zum Ausland – dank den vielen Familienunternehmen in der Schweiz sagen kann: Der Schweizer Arbeitsmarkt ist extrem stabil, extrem zuverlässig.

Es gibt den Arbeitsfrieden, da Arbeitgeber und Arbeitnehmer einander zuhören. Wir sind beispielsweise in Frankreich tätig, wo es kaum mehr Familienunternehmen gibt. Da erleben wir einen ganz anderen Arbeitsmarkt: Misstrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Streiks und als Resultat ist viel mehr reguliert.

Und all das zum Nachteil des Arbeitsmarktes, da die Firmen schliesslich Festanstellungen scheuen.

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