Alt Bundeskanzlerin Casanova: «Bern ist für mich Lebensqualität»
Von 2008 bis 2015 war Corina Casanova (CVP, heute die Mitte) Bundeskanzlerin. Im BärnerBär-Interview blickt sie zurück auf ihre Arbeit.

Von 2008 bis 2015 war die Bündner Juristin Corina Casanova (CVP, heute die Mitte) Bundeskanzlerin der Eidgenossenschaft. Im Gespräch mit dem BärnerBär blickt sie zurück auf ihre Arbeit, aber auch auf ihr Verhältnis zur Stadt Bern.
BärnerBär: Bevor Sie 1992 in den Dienst des Bundes traten, waren Sie von 1986 bis 1990, also als 30-Jährige, Delegierte des IKRK in verschiedenen Krisengebieten. Wie kam es dazu?
Corina Casanova: Das Interesse wurde schon während des Studiums geweckt. Ein deutscher Professor für Staats- und Völkerrecht motivierte mich als Schweizerin dazu. Es war immer mein Plan, im Ausland humanitär zu arbeiten.
BärnerBär: Es hätte weniger gefährliche Möglichkeiten gegeben, im Ausland zu arbeiten …
Casanova: Es war in der Zeit des Kalten Krieges, der Abrüstung, kurz: Die damalige politische Weltlage reizte mich besonders. So bestritt ich auch mehrere Wahlbeobachtungseinsätze für die UNO und OSZE in Albanien und Afrika.
Es faszinierte mich dabei zu sein, wie die Gesellschaften nach den Friedensverhandlungen versuchten, den Neustart zu realisieren. Ich fand, dass wir in der Schweiz sehr privilegiert waren (und immer noch sind) und wollte meinen Beitrag leisten.
BärnerBär: Wo und was war Ihre gefährlichste Mission?
Casanova: In Angola hatte es überall viele Minen, in der Nacht herrschte Ausgangssperre. Wir mussten uns an strenge Sicherheitsauflagen halten. Ich eignete mir ein Gespür für gefährliche Situationen an. In El Salvador gab es Todesschwadronen.

Ich erinnere mich an eine Fahrt mit Kollegen zu einem Gefängnis – wir hatten die Rotkreuz-Fahne montiert – als Zivilpersonen uns vor einer Schiesserei warnten und rieten, umzukehren. Ich meldete per Funk unsere sofortige Rückkehr in den Delegationssitz. Als wir dort eintrafen, empfing mich mein Vorgesetzter mit der knappen Bemerkung, ich sei ein Angsthase!
BärnerBär: Was war der Grund, nach vier Jahren wieder in die Schweiz zurückzukehren?
Casanova: Die teils langwierigen und mühsamen Verhandlungen – namentlich für bessere Haftbedingungen der politischen Gefangenen – mit den jeweiligen Behörden waren aufreibend. Kam dazu, dass meine Eltern betagt waren und es war mir ein Anliegen, sie noch begleiten zu dürfen. Auch wollte ich berufsmässig wieder Fuss fassen und Politik interessierte mich nach wie vor – alle Wege führten dann nach Bern!
BärnerBär: 2008 wählte Sie die Vereinigte Bundesversammlung zur Bundeskanzlerin der Eidgenossenschaft. Die Bundeskanzlerin ist jeweils die achte Person auf dem offiziellen Bundesratsfoto – und kaum jemand kennt sie! Wie kamen Sie damit zurecht, immer im Schatten der Bundesrätinnen und Bundesräte zu wirken?
Casanova: Ich suchte die Öffentlichkeit nie, ich arbeite gerne diskret im Hintergrund. Das war schon im IKRK so: Wir sagten, was wir machten, sagten aber nicht, was wir sahen. Ich glaube, das ist mein Wesenszug. Ich war Chefin der Stabsstelle unserer Regierung und sorgte dafür, «dass der Laden läuft» und der Bundesrat gut funktionieren konnte.
BärnerBär: Skizzieren Sie uns doch kurz die Tätigkeiten einer Bundeskanzlerin!
Casanova: Die Bundeskanzlerin bereitet die wöchentlichen Bundesratssitzungen vor, erstellt die Traktandenliste, protokolliert an den Sitzungen. Ich war verantwortlich für die Information der Öffentlichkeit über die Beschlüsse des Bundesrates und die Herausgabe offizieller Publikationen wie dem Bundesblatt oder dem Abstimmungsbüchlein.
Die Bundeskanzlei ist dafür verantwortlich, dass die Gesetzesvorlagen veröffentlicht werden, wenn das Parlament die Schlussabstimmungen vollzogen hatte, danach läuft die 100-tägige Referendumsfrist.
Weiter war ich eine Art «Hüterin der politischen Rechte» bei Referenden, Initiativen, nationalen Wahlen und Volksabstimmungen.
Persönlich
Corina Casanova wurde am 4. Januar 1956 geboren und wuchs in Ruschein und Tarasp GR auf. An der Universität Fribourg schloss sie 1982 das Studium der Rechtswissenschaften ab (lic.iur.) und erwarb 1984 das Anwaltspatent des Kantons Graubünden. Von 1986 bis 1990 war sie Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) mit Einsätzen in Südafrika, Angola, Nicaragua und El Salvador. 1992 trat sie in den Bundesdienst ein, so u. a. von 1996 bis 2005 im Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) als stellvertretende Generalsekretärin und Beraterin der Bundesräte Flavio Cotti und Joseph Deiss. Von 2005 bis 2007 war sie Vizekanzlerin und von 2008 bis 2015 Bundeskanzlerin der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Corina Casanova lebt abwechslungsweise in Tarasp und Bern. Als ihre Hobbys nennt sie Skifahren, Kultur, Kochen und Golfen.
BärnerBär: Wie viele Mitarbeitende haben Sie geführt?
Casanova: Gegen 400. Die grosse Abteilung der Sprachdienste nimmt dabei eine wichtige Rolle ein. Gesetzesvorlagen aus den Departementen und Ämtern müssen sprachlich «aus einem Guss» und verlässlich daherkommen, dies immer in drei Amtssprachen.
BärnerBär: Oft wird der Bundeskanzler als «achter Bundesrat» bezeichnet. Bloss ein Mythos oder Wahrheit?
Casanova: Ich habe das von mir nie behauptet, aber das kommt auch daher, dass der Bundeskanzler im Sitzungszimmer des Bundesrates sichtbar ist und Anträge stellen kann.
Ich achtete stets darauf, dass alle Verfahren und Fristen formell korrekt eingehalten wurden. Als Bundeskanzlerin leitet man auch die monatliche Konferenz der Generalsekretäre aller sieben Departemente.
BärnerBär: An den Bundesratssitzungen siezt man sich …
Casanova: Ja, aber bereits in der Kaffeepause fällt man wieder ins vertraute Du. Aber es ist nicht bloss eine Formalität, sondern es hat mit dem gegenseitigen Respekt gegenüber der Funktion der Kolleginnen und Kollegen zu tun.
BärnerBär: Welches war eine Ihrer kniffligsten, herausforderndsten Aufgaben?
Casanova: Das war bei einer Vorlage, wogegen das Referendum ergriffen wurde. Die gesammelten Unterschriften wurden am Donnerstagabend der Bundeskanzlei übergeben und mussten bis am Sonntag kontrolliert werden – eine Herkulesaufgabe.

Ich startete einen Aufruf an alle Mitarbeitenden der Bundeskanzlei und suchte Freiwillige. Ich stellte einen 24-Stunden-Einsatzplan auf bis Sonntagmittag. In einem Bundesratsbunker kontrollierten wir dann die Unterschriftenbögen. Es war herausfordernd, aber eine gute Erfahrung für alle Beteiligten.
BärnerBär: Welche politischen Ereignisse prägten Ihre achtjährige Amtszeit?
Casanova: Es gab zahlreiche Ereignisse, die prägend waren. Ich erinnere mich unter anderem an die Finanzkrise 2008 in meinem ersten Amtsjahr.
BärnerBär: 2011 besuchte das spanische Königspaar die Schweiz. Auf einem Foto sieht man Sie im Salonwagen der SBB auf der Fahrt von Zürich nach Bern neben Königin Sofia. Geschah dies nach den protokollarischen Gepflogenheiten oder weil Sie spanisch sprechen?
Casanova: Das Protokoll definiert die jeweiligen Rollen, so unter anderem, dass der Kanzler/die Kanzlerin zusammen mit dem Bundespräsidenten das Staatsoberhaupt empfängt. Möglicherweise hat es geholfen, dass ich spanisch spreche.
Mit den Ehegattinnen oder Ehegatten bewegt man sich mehrheitlich im Smalltalk. Ich erinnere mich, dass ich mich mit Königin Sofia über Schnellzüge unterhalten habe.
BärnerBär: Mit welchen Bundesrätinnen und Bundesräten aus Ihrer Zeit als Bundeskanzlerin pflegen Sie noch persönlichen Kontakt?
Casanova: Regelmässig mit Eveline Widmer-Schlumpf. Wir wurden am gleichen Tag gewählt und traten am gleichen Tag zurück. Dann mit Joseph Deiss, Doris Leuthard und Moritz Leuenberger.
BärnerBär: Auf welche Freuden, auf welchen Ärger blicken Sie zurück?
Casanova: Ich empfand diese Funktion immer als Privileg, das Amt entsprach meinen Interessen, Kenntnissen und Kompetenzen. Ich führe und gestalte gerne. Demgegenüber erforderte es Mut und Ausdauer, immer Standhaftigkeit und Resilienz durchzusetzen.
BärnerBär: 2015 stellten Sie sich nicht mehr für eine dritte Amtszeit zur Verfügung, Sie waren damals knapp 60-jährig. Warum nicht?
Casanova: Ich war davor schon zweieinhalb Jahre Vizekanzlerin und wollte für jüngere Kräfte Platz machen. J’ai fait le tour! Die Zeit, mit 60 Jahren noch etwas anderes zu machen, war gekommen. Da ich viel Glück hatte im Leben, wollte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben.
So habe ich bis Ende 2025 sechs Vereine und Stiftungen präsidiert, das meiste ehrenamtlich. Jetzt stehe ich noch zwei Stiftungen und einem Verein vor.
BärnerBär: Obwohl Sie heute mehrheitlich im Bündnerland leben, haben Sie Bern nach Ihrem Rücktritt nicht ganz den Rücken gekehrt und wohnen nach wie vor zeitweise in der Stadt Bern. Was schätzen Sie an unserer Stadt?
Casanova: Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Bern verbracht und bin hier verankert. Besonders mag ich die Aare sowie den Märit in der Altstadt und auf dem Bundesplatz.
Im Engadin kennen wir nichts Vergleichbares, darum pflege ich dort mit meinen Cousinen und Cousins einige Hochbeete und einen kleinen Kartoffelacker.
Bern bedeutet für mich Lebensqualität. Zu Beginn meiner Tätigkeit in Bern 1992 war der BärnerBär übrigens eine wichtige Informationsquelle für mich, um die Gesellschaft Berns kennenzulernen.








