Merz: Neues Zeitalter der Grossmächte hat begonnen

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Prättigau,

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz hat die europäischen Verbündeten eindringlich aufgefordert, sich für eine neue Ära der Grossmachtpolitik zu rüsten.

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Merz: Neues Zeitalter der Grossmächte hat begonnen. - keystone

«Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen», sagte er in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. «Die neue Welt der grossen Mächte ist auf Macht, Stärke und – wenn nötig – auch Gewalt (»force«) gegründet. Sie ist kein kuscheliger Ort.» Der Christdemokrat forderte die Europäer auf, ihre Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, um in diesem neuen Zeitalter bestehen zu können.

Merz zog in Davos deutlich weniger Publikum an als am Vortag US-Präsident Donald Trump. In der grossen Kongresshalle blieben viele Stühle leer.

Die Rede des deutschen Regierungschefs erinnerte an die Zeitenwende-Rede, in der der damalige Kanzler Olaf Scholz 2022 im Bundestag in Berlin den epochalen Umbruch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine beschrieben hatte. Auch Merz sagte, Russlands Angriff auf die Ukraine habe eine neue Ära eingeleitet, die aber über diesen Aggressionskrieg hinaus und viel weiter gehe.

China habe es in die Reihen der Grossmächte geschafft. Die USA fühlten sich in ihrer Vormachtstellung herausgefordert und veränderten ihre Aussen- und Sicherheitspolitik drastisch. «Um zu bestehen, müssen wir uns mit einer harschen Realität auseinandersetzen und den Kurs mit klarem Realismus bestimmen», forderte der Kanzler.

Er rief die europäischen Verbündeten dazu auf, der Idee einer neuen, von Grossmächten bestimmten und auf dem Recht des Stärkeren beruhenden Weltordnung entgegenzutreten. «Eine Welt, in der nur Macht zählt, ist ein gefährlicher Ort», sagte er. Das gelte «erst für kleine Staaten, dann für die mittleren Mächte und letztlich für die grossen».

Die grösste Stärke entstehe aus der Fähigkeit, Partnerschaften und Allianzen zu bilden, die auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt aufbauten, betonte Merz. Er hob in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Nato hervor, um deren mögliches Ende im Fall einer Vereinnahmung Grönlands durch die USA es in den vergangenen Wochen wilde Spekulationen gab.

Nur wenige Stunden vor der Rede des Deutschen in Davos hatte US-Präsident Donald Trump diesbezüglich eine überraschende Wende vollzogen. Er sprach nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte von einer Rahmenvereinbarung für die Zukunft Grönlands und die gesamte Arktisregion. Seine Drohung mit Strafzöllen gegen Deutschland und andere europäische Länder nahm er zurück.

Merz reagierte darauf zwar wohlwollend, blieb aber vorsichtig und sprach nur von «Schritten in die richtige Richtung». Vorsorglich drohte er Trump mit Gegenmassnahmen für den Fall, dass der es sich doch noch anders überlegt. «Neue Zölle würden die Fundamente der transatlantischen Beziehungen untergraben. Wenn sie umgesetzt würden, wäre Europas Antwort geschlossen, ruhig, angemessen und stark.» Gleichzeitig bekräftigte Merz aber das Angebot Deutschlands, mehr für die Sicherheit in der Arktis zu tun.

Was der Trump-Rutte-Deal genau beinhaltet, ist noch unklar. Es sind bisher nur Fragmente durchgesickert:

* Nach Angaben aus informierten Kreisen soll das bisherige Abkommen über die Stationierung von Streitkräften auf Grönland neu ausgearbeitet werden und das geplante US-Raketenabwehrsystem «Golden Dome» berücksichtigen, das Trump auf der weltgrössten Insel errichten will.

* Zudem sollen die USA den Angaben zufolge ein Mitspracherecht bei Investitionsvorhaben aus anderen Ländern in Grönland erhalten. Das könnte zum Beispiel den Abbau von Rohstoffen betreffen.

* Der Deal soll auch ein stärkeres Engagement der europäischen Nato-Staaten im arktischen Raum beinhalten, von dem Merz in seiner Rede sprach.

* Die «New York Times» berichtete unter Berufung auf Regierungsbeamte, Teil der Diskussion in der Nato sei, dass Dänemark den Vereinigten Staaten die Souveränität über kleine Gebiete Grönlands für die Errichtung von Militärstützpunkten überlassen könnte.

Fest steht, dass die Vereinbarung bisher nur rudimentär ist und weiter an ihr gearbeitet werden muss. Direkt nach seiner Rede in Davos wollte Merz zum EU-Gipfel nach Brüssel weiterreisen, bei dem es eigentlich ausschliesslich um den Grönland-Konflikt gehen soll.

Nun wird das Thema etwas weiter gefasst: Es geht um die Zukunft der transatlantischen Beziehungen insgesamt. Diese haben durch das Agieren Trumps in den zwölf Monaten seit seinem Amtsantritt massiven Schaden erlitten.

Dazu gehört auch die Gründung eines «Friedensrats», die der US-Präsident unmittelbar vor seiner Heimreise in Davos mit einer Unterzeichnungszeremonie vollzog. Von den meisten Europäern wird das komplett auf Trump zugeschnittene Projekt als Konkurrenzveranstaltung zu den Vereinten Nationen gesehen und deswegen ignoriert.

Es unterzeichneten nur gut ein Dutzend Länder, darunter eine Reihe autoritär regierter. Aus der EU sind Bulgarien und Ungarn dabei. Es fehlen dagegen der grosse Rest aus Nato und EU sowie Japan, Südkorea und Australien.

Eingeladen ist auch der russische Präsident Wladimir Putin. Der Kremlchef signalisierte Interesse, betonte aber, die Aufnahmegebühr müsse aus eingefrorenem russischen Vermögen bereitgestellt werden.

Mit offener Kritik an dem Gremium sind die Skeptiker unter den Europäern vorsichtig – offensichtlich, um den Zorn Trumps nicht auf sich zu ziehen. Nur Frankreichs Präsident Emmanuel Macron traute sich – und kassierte dafür eine Zolldrohung Trumps von 200 Prozent auf Wein und Champagner.

Merz blieb in seiner Rede dabei, sich nicht öffentlich dazu zu positionieren. Er erwähnte den «Friedensrat» mit keinem Wort. Seine Ablehnung hat er aber bereits indirekt durchblicken lassen. Man unterstütze prinzipiell jede Massnahme, die zu Frieden und Stabilität beitrage, heisst es aus seinem Umfeld. Sie müsse sich aber «im Rahmen der völkerrechtlichen Ordnung» bewegen.

Der deutsche Kanzler machte sich noch vor Gründung des «Friedensrats» am Vormittag auf den Weg nach Brüssel, obwohl der EU-Gipfel dort erst am Abend beginnt. Auch das kann als eine stillschweigende Stellungnahme zu Trumps Zeremonie gesehen werden.

Kommentare

User #5923 (nicht angemeldet)

Wie kann man nur so dreckig Grinsen was hat er nun wieder vor ??? 🤔

User #5175 (nicht angemeldet)

Merz ist der grösste Verlierer. Seine Zeit ist aus.

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