Schönheits-OPs kosten Prämienzahler: Politiker fordern Massnahmen

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Region Zug,

Schönheitseingriffe boomen. Doch: Kommt es zu Komplikationen, müssen die Krankenkassen die nötigen Folgebehandlungen zahlen. Jetzt werden Massnahmen gefordert.

Operation
Schönheits-Operationen boomen. Wenn etwas schiefgeht, muss der Prämienzahler einspringen – nun fordern Politiker Massnahmen. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Immer wieder werden nach Schönheitsoperationen teure Folgebehandlungen nötig.
  • In diesen Fällen müssen die Krankenkassen die Kosten übernehmen.
  • Nun fordern Politiker Massnahmen.

55'000 Franken. So viel zahlte die Krankenkasse von Zürcherin Nicole (31) für die Folgebehandlung nach einer missglückten Brust-OP. Die junge Frau war auf einen unseriösen Anbieter in der Türkei hereingefallen.

Zurück in der Schweiz erlitt sie eine Infektion und musste sich ein Implantat wieder entfernen lassen. Weil die Behandlung medizinisch notwendig war, übernahm die Grundversicherung.

Kein Einzelfall. Die Zuger Schönheitschirurgin Kelly Vasileiadou schlug bei Nau.ch kürzlich Alarm: «Wir sehen regelmässig Patienten, die nach Schönheitsoperationen im Ausland mit Komplikationen zurückkehren und in der Schweiz medizinisch versorgt werden müssen.»

Pfusch-Beauty-OPs kosten Unispital Zürich 720'000 Franken

Konkrete Zahlen, wieviel solche Folgebehandlungen nach Schönheitseingriffen das Schweizer Gesundheitssystem kosten, fehlen.

2023 zeigte eine Studie jedoch: Innert vier Jahren behandelte das Universitätsspital Zürich 228 Personen wegen Komplikationen nach Schönheitseingriffen.

Könntest du dir vorstellen, dich für die Schönheit unters Messer zu legen?

82 Prozent von ihnen hatten den ursprünglichen Eingriff im Ausland machen lassen. Insgesamt beliefen sich die Kosten auf 720'000 Franken.

Hinzu kommt: Gemäss einer Umfrage der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische Plastische Chirurgie (ISAPS) nahmen Schönheits-Eingriffe zuletzt um rund 40 Prozent zu.

Geht es so weiter, könnten die Kosten für Schweizer Prämienzahlerinnen und -zahler also noch steigen.

Patienten einfach selbst zahlen lassen?

Die Nau.ch-Leserinnen und -Leser sind der Meinung: Es braucht Massnahmen.

88 Prozent wären dafür, dass Patienten die Kosten in solchen Fällen selbst tragen sollten, wie eine nicht-repräsentative Umfrage zeigt.

leser
Viele Nau.ch-Leserinnen und Leser finden, die Folgekosten für missglückte Schönheitseingriffe sollten von den Patienten selbst getragen werden. - Nau.ch

Diesen Gedanken äusserte auch der Genfer Ständerat Mauro Poggia (Mouvement Citoyens Genevois) im Jahr 2024 in einer Motion. «Solche Eingriffe von der Deckung durch das KVG auszuschliessen, könnte eine Lösung sein», schrieb Poggia darin.

Vernünftig wäre das jedoch nicht, ergänzte Er.

Denn: «Die bescheidenen finanziellen Verhältnisse der Personen, die sich diesen Eingriffen unterziehen, könnten dazu führen, dass sie auf notwendige Behandlungen verzichten.»

Ständerat lehnte Motion ab

Poggia setzte sich darum für einen anderen Ansatz ein. In seiner Motion bat er den Bundesrat, einen Gesetzesentwurf auszuarbeiten, um die Haftung bei Eingriffen wie Schönheits-OPs strenger zu regeln.

Konkret: Heute haften Ärzte nicht für das OP-Ergebnis. Sie haften dafür, alle nötigen Massnahmen ergriffen zu haben, um ein unerwünschtes Ergebnis zu vermeiden. Das wollte der Genfer ändern.

Der Vorstoss scheiterte knapp im Ständerat. Das bedauert SVP-Gesundheitspolitikerin und Ständerätin Esther Friedli (SG), wie sie gegenüber Nau.ch sagt.

Mit einem separaten Gesetz hätte man Haftungs- und Aufklärungsthemen definieren und das Thema Ausland-OPs aufnehmen können, sagt Friedli. «Das wäre der richtige Ansatz gewesen.»

«Schwierige Frage»: Man verweigert Rauchern Behandlung ja auch nicht

Auch der Obwaldner Gesundheitspolitiker Erich Ettlin (Mitte) kennt das Problem. «Die Krankenkassen haben natürlich die Pflicht, dass jeder und jede, die obligatorisch versichert ist, Anspruch auf Kostenübernahme hat.»

Der Grund dafür spiele eigentlich keine Rolle. «So verweigert man ja Rauchern und Menschen, die sonst sehr ungesund leben, auch nicht die Kostenübernahme bei Behandlung.»

Betroffene Patientinnen und Patienten selbst zahlen zu lassen, wäre ethisch also problematisch. «Das ist eine sehr schwierige und weitreichende Frage», sagt Ettlin.

Sensibilisierung ja, Kosten-Abwälzung nein

Der Mitte-Ständerat betont: «Was bleibt, ist zu sensibilisieren und auf die Gefahren hinzuweisen – wie auf dem Zigaretten-Päckli. Eine verstärkte Kostenübernahme wäre mit vielen schwierigen Abgrenzungsfragen verbunden.»

Zigaretten
Vor dem Rauchen wird seit Jahren aktiv gewarnt – unter anderem mit Risikohinweisen auf den Zigaretten-Päckli. - keystone

Da es keine konkreten Zahlen gibt, lässt sich für Ettlin schwer beurteilen, in welchem Ausmass eine solche Sensibilisierung stattfinden sollte.

Klar ist für ihn jedoch: «Ich würde eine Sensibilisierungskampagne befürworten.»

Haderst du mit dem Älterwerden?

Auch die Zuger Nationalrätin Manuela Weichelt (Alternative – die Grünen) würde eine solche Kampagne begrüssen, wie sie zu Nau.ch sagt.

Sie finde es wichtig, dass die Bevölkerung über Qualität und Gefahren bei Schönheitseingriffen im Ausland informiert wird. Die Massnahme, Folgekosten auf Patientinnen oder Patienten abzuwälzen, würde auch sie nicht unterstützen.

Grünen-Nationalrätin: Alter ist zu negativ behaftet

Weichelt will aber noch an einem anderen Punkt ansetzen: «Genauso wichtig finde ich eine Sensibilisierungskampagne an Schulen und in der Bevölkerung bezüglich ‹Älter werden und körperliche Veränderungen›.»

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Weichelt findet es schade, wie negativ das Altern in der Schweiz oft gesehen wird. In anderen Kulturen sei man stolz auf graue Haare. (Symbolbild) - pexels

In der Schweiz sei das Alter oft negativ behaftet – «das bedaure ich sehr», sagt sie. «In vielen Kulturen wird das Alter mit Weisheit verbunden, und Frau und Mann sind stolz auf graue Haare.»

Wer muss handeln?

Ähnlich sieht es der Berner Mitte-Nationalrat Lorenz Hess. «Im Vordergrund stehen sicher Information und Sensibilisierung», sagt er zu Nau.ch.

Die Aufgabe des Staats – also beispielsweise des Bundesamts für Gesundheit BAG – sei das aber nicht.

Denn: «Es gibt Dutzende Gesundheitsbereiche, die Kampagnen verlangen. Und in der aktuellen Finanzdebatte sind keine zusätzlichen Mittel zu erwarten – im Gegenteil.»

Besser fände Hess ein ähnliches Vorgehen wie vor einigen Jahren im Bereich der ausländischen Zahnimplantate. Damals wurde dasselbe Problem erkannt – dass ausländische Implantate öfter von schlechter Qualität sind.

zahn
Hess sieht nicht das BAG in der Pflicht, sondern schlägt vor, dass die Branche selbst aktiv wird und sensibilisiert – ähnlich wie vor einigen Jahren bei Zahnimplantaten. - keystone

«Darauf haben die Unikliniken zusammen mit der Branche die Implantat Stiftung Schweiz gegründet», erinnert Hess. Diese Stiftung führte daraufhin eine Kampagne, die die Bevölkerung fundiert über das Thema informierte.

«Dieses Beispiel zeigt, wie es gehen könnte», sagt der Nationalrat.

BAG sieht sich nicht in der Pflicht

Auch das BAG selbst sieht sich punkto Pfusch-Schönheitsoperationen nicht in der Pflicht.

Eine Sprecherin sagt gegenüber Nau.ch: «Eine spezifische Sensibilisierungskampagne des Bundes zu ästhetischen Eingriffen im In- oder Ausland ist derzeit nicht vorgesehen.»

Zudem habe das BAG auf Grundlage des Krankenversicherungsgesetzes «grundsätzlich keine direkte Kompetenz», Sensibilisierungskampagnen durchzuführen.

Wer sollte für eine Sensibilisierungskampagne aufkommen?

Ob stattdessen der Branchenverband der Schweizer Schönheitschirurginnen und -chirurgen eine solche Kampagne durchführt, ist noch unklar.

Aktuell sieht es also nicht nach grossen Massnahmen aus. Bleibt abzuwarten, ob der Schönheits-OP-Boom anhält – und wie sich die Folgekosten aufgrund von Komplikationen entwickeln.

Kommentare

User #2036 (nicht angemeldet)

Mit dem KVG wird alles günstiger. SP Dreifuss. Wir danken den Cüpli Sozis.

User #3884 (nicht angemeldet)

Man darf nicht einmal als Millionär aus der KK austreten, mit Nachweis dass man eine allfällige OP selber bezahlen kann - eine Frechheit!

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