Interview: Longchamp zum Umfrage-Nein bei Neutralitätsinitiative

    Matthias Bärlocher
    Matthias Bärlocher

    Bern,

    Für Politologe Claude Longchamp ist klar: Die SVP kann nicht über das eigene Lager hinaus mobilisieren. Und die Ja-Empfehlung Russlands war nicht hilfreich.

    Claude Longchamp VBS
    Politologe Claude Longchamp: «Die tiefe Beteiligungsabsicht der SVP-Wählerschaft mit sinkender Zustimmung deutet auf Ermüdung hin.» - Nau.ch / Nico Leuthold

    Das Wichtigste in Kürze

    • Bei der Neutralitätsinitiative zeichnet sich nach neusten Umfragen ein immer deutlicheres Nein ab.
    • Politologe Claude Longchamp analysiert die Gründe, warum die SVP in diesem Fall nicht punkten kann.
    • Nach verhaltenenem Start sei im Abstimmungskampf auch die Empfehlung Russlands entscheidend gewesen.

    Auch die Neutralitätsinitiative ist keine Ausnahme von der Regel: Die Zustimmung zum Volksbegehren sinkt im Verlauf des Abstimmungskampf. Anders ist höchstens, dass die Neutralitätsinitiative schon mit tiefen Ja-Werten gestartet ist: Bei der ersten Umfrage-Welle waren es nur knapp mehr als ein Drittel.

    Jetzt sind es je nach Umfrage gar nur noch 31 Prozent – die Aufholjagd scheint nicht gelungen zu sein. Alle Umfragen sehen denn auch einen Trend Richtung noch mehr Nein-Stimmen. Gleiches gilt auch für die Ernährungsinitiative.

    Für Nau.ch ordnet der Politologe Claude Longchamp dieses sich abzeichnende klare Verdikt des Stimmvolks ein.

    Neutralitätsinitiative Ernährungsinitiative gfs.bern Leewas
    Zweite Welle der SRG- und Tamedia-Umfragen im Hinblick auf die Abstimmungen vom 27. September 2026. - keystone / SRG-Trend/gfs.bern

    Nau.ch: Auch innerhalb der SVP sinkt die Zustimmung zur Neutralitätsinitiative. Wie schon bei der SRG-Initiative und der 10-Millionen-Schweiz heisst es auch hier: Alle gegen die SVP. Aber die SVP hat ja auch schon Initiativen durchgebracht – warum klappt es in letzter Zeit nicht mehr?

    Claude Longchamp: Weil ihre Initiativen zu stark auf das eigene, zu kleine Lager zielen. Bei der 10-Millionen-Initiative war das noch weniger ausgeprägt, bei der Neutralitätsinitiative aber besonders deutlich.

    Mobilisiert werden so traditionelle und rückwärtsorientierte Bürgerliche, die eine selbstbestimmte Schweiz wollen. Mehrheitsfähig wird das alleine nicht, sobald Wirtschaft und Behörden Wachstum und Sicherheit ins Spiel bringen. Leistungsorientierte Oberschichten reagieren irritiert, Bürgerliche im Zentrum setzen auf Pragmatismus, nicht auf Weltanschauung, und Unterschichten wenden sich schnell ab.

    Neutralitätsinitiative
    Unter den grossen Parteien steht einzig die SVP hinter der Neutralitätsinitiative. - keystone

    Nau.ch: Ist das der SVP sehr wohl bewusst, aber sie sieht diese Initiativen vor allem als Mittel für den Dauerwahlkampf für die eigene Basis?

    Claude Longchamp: Bei Minaretten, Kriminalität und Masseneinwanderung wollte die SVP gewinnen und die Classe politique bändigen. Heute deutet sie Niederlagen mit 35 bis 45 Prozent Zustimmung als Dauermobilisierung für die nächsten Wahlen.

    Diesmal dürfte selbst das misslingen. Protest lässt sich insbesondere mit aussenpolitischen Themen nicht auf Knopfdruck abrufen. Thema, Zeitpunkt und Personen müssen stimmen – ebenso die Aussicht auf Erfolg. Die tiefe Beteiligungsabsicht der SVP-Wählerschaft mit sinkender Zustimmung deutet auf Ermüdung hin.

    Nau.ch: Die grosse Gegnerschaft der SVP warnt vor den Initiativen jeweils mit drastischen Szenarien. Allerdings im Abstimmungskampf um die Neutralitätsinitiative erst relativ spät. War man – vielleicht aus Erfahrung – zu Recht entspannt? Oder hat die Nein-Kampagne erst diesen klaren Nein-Trend möglich gemacht?

    Claude Longchamp: Der Verzicht auf einen Gegenvorschlag zeugte von Anfang an von Siegesgewissheit. Die Brandmauer bis hin zur FDP stand früh und hielt. Der Vorwurf der Putin-Initiative tat das Seine. Die konzentrierte Schlusskampagne verstärkte da nur die vorbereitete Entwicklung. In den letzten vier Wochen fiel das Ja sogar überproportional.

    Wie stimmst du bei der Neutralitätsinitiative?

    Nau.ch: Hat die Ja-Seite in der Kampagne entscheidende Fehler gemacht? Immerhin gab es einige umstrittene Komponenten: Die Verwendung der Friedenstaube, die Ja-Empfehlung Russlands…

    Claude Longchamp: Sie überschätzte zunächst das linke Potenzial. Friedenstaube und «Kein Krieg» wirkten wie Pazifismuswerbung für eine Vorlage, die Sanktionen und militärische Kooperationen einschränkt.

    Zum entscheidenden Gift wurde die russische Ja-Empfehlung. Auch ohne nachweisbare Kontakte blieben die Fallstricke, die man nur noch nutzen musste. Die Provokationen und die KI-Kampagne der Jungen SVP taten so den Rest.

    Die Neutralitätsinitiative verliert weiter an Zustimmung. Das ergab die zweite Umfragewelle zur Abstimmung vom 27. September. (Archivbild)
    Die Neutralitätsinitiative verliert weiter an Zustimmung. Das ergab die zweite Umfragewelle zur Abstimmung vom 27. September. (Archivbild) - KEYSTONE/PETER KLAUNZER

    Nau.ch: Noch ein Satz zur Ernährungsinitiative, bei welcher der Nein-Trend ebenfalls sehr klar ist. Das Anliegen stösst beim Stimmvolk grundsätzlich auf grosse Zustimmung – einfach nicht in Form der Initiative. Doch davon kann sich das Initiativ-Komitee auch nichts kaufen. Oder lassen sich Bundesrat und Parlament beeindrucken, wenn an der Urne «ein Zeichen gesetzt» wird?

    Claude Longchamp: «Mehr Selbstversorgung, sauberes Wasser» findet Sympathien, das 70-Prozent-Ziel innert zehn Jahren nicht.

    In Bundesbern beeindruckt vor allem die Macht des Bauernverbandes. Er will seit Jahren die volle Unterstützung statt Experimente mit unsicherem Ausgang. Bundesrat und Parlament haben die Initiative deshalb geschlossen versenkt. Was danach geschah, beeindruckte sie kaum mehr.

    Kommentare

    User #6069 (nicht angemeldet)

    Noch einmal, es war keine Putin-Initiative! Dies behaupten nur die Gegner und machen dem Volk Angst

    User #2886 (nicht angemeldet)

    Immer noch die Angstmacherei mit Putin? Er kommt nicht, was sollte der von die Schweiz? Hier gibt's keine russische Gebite, Gold hat er genug. In der Schweiz ❤️ gibt's immer mehr arme Menschen. Sollte die Regierung weiterhin Milliarden via EU nach Ukraine schicken???

    Weiterlesen

    Christoph Blocher Monika Rüegger
    876 Interaktionen
    Umfrage zeigt
    Christoph Blocher Monika Rüegger
    793 Interaktionen
    Neuste Umfragen
    Neutralitätsinitiative Russland Gredig Wermuth
    1'617 Interaktionen
    «Entlarvend»

    MEHR AUS STADT BERN

    Alain Graf
    21 und schon im Captainteam
    7 Interaktionen
    Kanton Bern
    Esperia gewinnt raues Spiel
    2:0-Erfolg
    5 Interaktionen
    Weitere Hürde genommen