In Altstätten SG gehören Robotaxis bereits zum Strassenbild
In Altstätten SG gehören Robotaxis sozusagen bereits zum Alltag. Die Postauto AG testet dort den Einsatz von hochautomatisierten Autos für bis zu drei Passagiere. Eine Probefahrt zeigt, wie sich das Robotaxi im Verkehr schlägt und womit es noch Mühe hat.

Behutsam gibt der Sicherheitsfahrer Gas und steuert das gelbe «Mini-Postauto» aus der «AmiGo»-Betriebshalle in Altstätten SG. Draussen angekommen, tritt er auf die Bremse. Kurz die Systeme starten und es kann weitergehen. Der Fahrer nimmt die Füsse von den Pedalen, gibt das Steuer aus den Händen und das viersitzige Auto fährt auf die öffentliche Strasse. Ab jetzt muss sich der «AmiGo» selbständig auf den Altstätter Strassen zurechtfinden.
Zumindest arbeitet die Postauto AG derzeit rund um Altstätten auf das Szenario hin, dass die Robotaxis dereinst völlig automatisiert in der Region rumkurven und Passagiere befördern. Noch sind während der sogenannten «freihändigen Testfahrten» stets Sicherheitsfahrerinnen und Sicherheitsfahrer an Bord, die jederzeit bremsbereit sind. Die Hände haben sie so nah am Lenkrad, dass sie, wenn nötig, schnell eingreifen können. Oder dem Auto schlicht helfen, wenn es mit einer Verkehrssituation überfordert ist oder Mühe bekundet.
Nach wenigen Metern kommt eine solche Situation. Eine Frau steht bei einer Kreuzung am Strassenrand. Es wirkt, als wolle sie die Strasse überqueren, weshalb das «AmiGo»-Fahrzeug bis zum Stillstand abbremst. Nach wenigen Sekunden schaut die Frau von ihrem Handy auf und gibt mit Handzeichen zu verstehen, dass das Auto weiterfahren könne. Während eine Autofahrerin oder ein Autofahrer nach dem Handzeichen wohl wieder Gas geben würde, fährt das autonome Fahrzeug nicht mehr los. Der Sicherheitsfahrer muss eingreifen und manuell Gas geben.
Vieles hat das Auto richtig gemacht, nämlich eine Person am Strassenrand erkannt und abgebremst. «Das Auto muss aber noch lernen, dass es weiterfahren darf, wenn eine Person länger am Strassenrand stehen bleibt», kommentiert Marc Rüder, Leiter Operations «AmiGo», die Szene.
Insgesamt scheint sich das mit 36 Sensoren – darunter Kameras, Ultraschallsensoren und laserbasierter Lidar – ausgestattete Fahrzeug bereits sehr gut im Strassenverkehr zurechtzufinden. Das betonen bei der Probefahrt auch die Projektverantwortlichen. Seit den am 1. Juni angelaufenen «freihändigen Testfahrten», also Fahrten im automatisierten Modus mit einem Sicherheitsfahrer an Bord, sei es zu keinem Unfall gekommen. «Noch nicht einmal eine Beule gab es», so Rüder.
Zu Beginn fuhren die Fahrzeuge noch relativ schnell an Verzweigungen und Kreuzungen heran und bremsten dann ab. Gefährlich sei das nie gewesen. Aber nicht ideal, was den Fahrkomfort angeht. Mittlerweile fahren sie etwas langsamer heran, wie Rüder auf Nachfrage bestätigt. Ihr Fahrverhalten entspricht damit eher demjenigen eines regulären Verkehrsteilnehmers.
Auch wenn der chinesische Robotaxihersteller Apollo Go der Techfirma Baidu, mit dem die Postauto AG das Projekt «AmiGo» in der Ostschweiz umsetzt, in China bereits eine grosse Flotte an Fahrzeugen betreibt, ist das Ziel von Postauto ambitioniert. «Es wäre das erste Mal, dass in Europa ein Fahrzeug mit dem Automatisierungslevel 4 ohne Sicherheitsfahrerin oder -fahrer an Bord unterwegs wäre», erklärte Franziska Schär, Projektleiterin «AmiGo».
Denn auf ewig werden die Sicherheitsfahrerinnen und -fahrer nicht im Auto bleiben. Sobald sich die Autos sicher genug selbständig im Strassenverkehr bewegen, übernehmen Operatoren aus einer Zentrale heraus die Überwachung der Fahrzeuge. Diese Zentrale wird aktuell gerade eingerichtet, weshalb sich am Tag der Probefahrt eine Schar von Leuten im Betriebshof in Altstätten versammelt hat.
Die Operatoren können dann jederzeit eingreifen, sollte eine Situation dies erfordern. Geplant ist, dass die Anzahl Operatoren schrittweise zurückgefahren werden kann, bis nur noch wenige Personen die bis zu 25 Robotaxis überwachen.
Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun. Denn obwohl sie in China bereits erfolgreich im Einsatz sind, lassen sich die Autos nicht einfach so auf Schweizer Strassen stellen und losschicken. «Typisch für Europa und die Schweiz sind die engen Quartierstrassen, auf denen unser Technologiezulieferer in China weniger unterwegs ist», sagte Franziska Schär.
So müssen die «AmiGo»-Fahrzeuge gemäss Schär beispielsweise noch lernen, sich auf engen Strassen hinter einer Kolonne parkierter Fahrzeuge einzureihen und ein vortrittsberechtigtes, entgegenkommendes Auto vorbeifahren zu lassen. «Das Auto muss erst noch verstehen, wie es hier vor Ort funktionieren muss», ergänzte Rüder.
Auch bis die Autos Schweiz-spezifische Strassenschilder oder Fahrzeuge von Blaulichtorganisationen zuverlässig erkennen, sind noch einige Übungs- und Testfahrten notwendig. Doch die Richtung stimmt, zeigten sich die Verantwortlichen der Postauto AG überzeugt.
Schritt für Schritt will Postauto damit das Ziel erreichen, dass sich Fahrgäste im Verlauf des Jahres 2027 in einem rund 80 Quadratkilometer grossen Gebiet in den Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden chauffieren lassen können. Die Robotaxis sollen damit den bestehenden öffentlichen Verkehr ergänzen und die «Feinverteilung» verbessern, wie Franziska Schär ausführte.
Die Fahrzeuge sollen via App an bestimmte Orte bestellt werden können. Die Türen lassen sich dann mittels eines Zahlencodes öffnen, welchen die Kunden über die App erhalten. Noch nicht klar ist, wie viel eine Fahrt für die bis zu drei Passagiere kosten wird.
Einige Meilensteine erreichte die Postauto AG bei «AmiGo» bereits. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat Postauto Schweiz eine Ausnahmebewilligung für den Betrieb selbstfahrender Fahrzeuge in der Ostschweiz erteilt. Das war die Bedingung, um mit den aktuell stattfindenden «freihändigen Testfahrten» überhaupt beginnen zu können.
Davor, im Frühling 2026, hatte Postauto das spätere Einsatzgebiet mit rund 100 Kilometern Strassen bereits kartographiert. Dazu wurden die Autos noch von Fahrerinnen und Fahrern manuell gesteuert. Erstellt wurde dabei auch eine sogenannte «HD-Map», also eine dreidimensionale Karte. Sie beinhaltet verschiedenste Informationen wie etwa Fahrbahnbreiten, virtuelle Haltelinien oder die Standorte von Zebrastreifen und dient dem Auto dazu, sich zurecht zu finden.
«In der aktuellen Phase mit den freihändigen Testfahrten trainieren wir die Autos in der HD-Map und schauen, ob die erfassten Daten wie die Fahrbahnbreite et cetera auch wirklich stimmen», so Schär. Nach und nach lernt das Auto so das Einsatzgebiet besser kennen und verbessert auch das Fahrverhalten fortlaufend.
«Wir merken bereits, wie das Fahrzeug schrittweise lernt und bereits gelernte Situationen auch in anderen Kontexten wieder anwenden kann», sagte Marc Rüder. Bald sollen die Autos deshalb auch auf Bergstrecken oder in der Nacht erprobt werden. Die nächste Testphase erfolge aber immer unter der Bedingung, dass die Sicherheit zu 100 Prozent gewährleistet werden könne.






