Am Theaterspektakel diskutiert das Publikum über Demokratie

Keystone-SDA
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Zürich,

«Die Allianz der letzten Demokratien» ist zwar ein Programmpunkt am diesjährigen Zürcher Theaterspektakel, aber eigentlich kein Theaterstück – eher eine Simulation der Zukunft. Polit-Prominenz und das Publikum ringen um die Frage, wie Demokratie künftig bestehen kann.

Eneas Prawdzic steckt als künstlerischer Leiter hinter «Die Allianz der letzten Demokratien». Im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels ringen Publikum und Politprominenz darum, ob Vere...
Eneas Prawdzic steckt als künstlerischer Leiter hinter «Die Allianz der letzten Demokratien». Im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels ringen Publikum und Politprominenz darum, ob Vere... - Keystone/Cécile Rey

Die Schweiz ist Gastgeber einer internationalen Konferenz. Tagungsort ist die Universität Zürich. An der Konferenz formiert sich ein neuer Machtblock. 44 Demokratien gründen angesichts weltweit wachsender autokratischer Tendenzen die multilaterale Organisation «International Democratic Alliance». Die Schweiz sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob sie als neutrales Land dem Bündnis beitreten soll.

Auf den ersten Blick klingt das fast wie eine reale aktuelle Nachricht. Doch die Konferenz ist fiktiv, sie findet im August 2027 statt. Das Szenario ist die Ausgangslage für «Die Allianz der letzten Demokratien».

Fiktives Szenario nahe an der Realität

Die Verantwortlichen haben ganz reale Persönlichkeiten aus der internationalen und der schweizerischen Politik, aus Verbänden und der Diplomatie eingeladen; mit dabei sind beispielsweise Mitte-Ständerätin Marianne Binder-Keller, SVP-Ständerat Hannes Germann, SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf und FDP-Nationalrat Hans Peter Portmann, ebenso wie der einstige OSZE-Generalsekretär Thomas Greminger, Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl oder der ehemalige Botschafter Thomas Borer.

An den vier Abenden der Veranstaltung treten je Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, der Philosoph Jason Stanley, die ehemalige Präsidentin der Slowakei, Zuzana Čaputová, zusammen mit Thomas Greminger sowie der ehemalige Ministerpräsident Schwedens Stefan Löfven auf. Als Keynote-Speaker analysieren sie den Zustand der Welt, in der liberale Demokratien zusehends in die Defensive geraten.

«Das ist die Herausforderung der Gegenwart», sagt Eneas Prawdzic zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Er ist künstlerischer Leiter von «Die Allianz der letzten Demokratien». Da sich nun angesichts der neu gegründeten «International Democratic Alliance» die Frage stellt, ob die Schweiz beitreten soll, stehen Grundsatzentscheide im Raum: zur Schweizer Neutralität, zur Frage, wie diese Allianz supranational die Demokratie abzusichern versucht und ob die Schweiz einen «Demokratie-Wächter-Rat» anerkennt und nicht zuletzt zu den Mehrkosten, vor allem bei den Verteidigungsausgaben, die auf die Schweiz im Fall eines Beitritts zukämen.

Das Publikum entscheidet

Hier kommt das Publikum ins Spiel. Als fiktive, per Los gewählte Schweizer Volksvertretung soll es mitdiskutieren und letztlich über den Beitritt entscheiden. «Viele werden erst einmal aus ideellen Gründen einem solchen Beitritt positiv gegenüberstehen», so Prawdzic. «Doch je tiefer man in die Auseinandersetzung eintaucht, desto komplizierter wird es. Sind die Massnahmen wirksam im Kampf gegen den weltweiten Demokratie-Rückgang? Ist ein internationales Demokratie-Bündnis tatsächlich die richtige Antwort auf die heutige Weltlage? Und: Wie soll sich die Schweiz positionieren?»

Wegen der offenen Anlage, in der die unterschiedlichsten Akteure ihre je verschiedenen Positionen zu Demokratie und der Rolle der neutralen Schweiz einbringen, bezeichnen die Verantwortlichen «Die Allianz der letzten Demokratien» nicht als Theaterstück, sondern als ein «Pre-Enactment», als eine Simulation der Zukunft. «Mit der Veranstaltung wollen wir künftige Ereignisse erproben – deshalb auch das Jahr 2027 und nicht die unmittelbare Gegenwart», sagt der künstlerische Leiter.

Theater als Raum für Debatten

Prawdzic begreift damit das Theater als Spiegel der Gesellschaft, der «den Status quo kritisch hinterfragt», aber auch als Debattenraum, «der durch die Fiktion einen Diskurs und die politische Imagination ankurbelt». Deshalb haben er und sein Team bei den Einladungen darauf geachtet, dass das politische Spektrum von links bis rechts vertreten ist. Und das Publikum – so die Überzeugung von Prawdzic – kann in einem solchen Raum «für einen Moment zum Akteur der Geschichte» werden. Gerade in Zeiten von Umbrüchen und gerade, wenn die Vorzeichen negativ sind, soll das Publikum die Erfahrung machen, dass «wir Zukunft gestalten können».

«Die Allianz der letzten Demokratien» findet im Rahmen des diesjährigen Zürcher Theaterspektakels (13.-30.08.) statt, am 14., 15., 21. und 22. August in der Aula der Universität Zürich.

Vision von Vereinigten Staaten von Europa

«Die Allianz der letzten Demokratien» bezieht sich auf die berühmt gewordene Europa-Rede, die Winston Churchill am 19. September 1946 in der Aula der Universität Zürich gehalten hat. Die Kernbotschaft: Um den Frieden in Europa zu sichern, braucht es eine Art «Vereinigte Staaten von Europa».

80 Jahre später geht es darum, diese Rede ins Hier und Jetzt zu holen. Im Rahmen des diesjährigen Theaterspektakels (13.-30.08.) wird die Frage an vier Abenden genau an dem gleichen Ort, an dem Churchill geredet hat, neu zur Debatte gestellt: Braucht es eine neue mulitlaterale europäische Organisation, um angesichts erstarkender autokratischer Systeme den Frieden zu sichern?

Mit «Die Allianz der letzten Demokratien» haben sich die Verantwortlichen entschieden, diese Frage mit einer Politsimulation anzugehen. Nicht Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern Expertinnen und Experten verhandeln das Thema. Das Publikum ist aufgefordert, sich an der Debatte zu beteiligen. Im Verlauf der Debatte verwischen die Grenzen von Fiktion und Realität zusehends.

Die Idee dabei ist, dass die Menschen im Publikum selber zu Akteurinnen und Akteuren werden. Sie können entscheiden und damit die Zukunft gestalten. Das reale Erleben steht im Vordergrund, anders als es beispielsweise bei einer Podiumsdiskussion oder einer konventionellen Theateraufführung der Fall wäre.

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit der Gruppe Proberaum Zukunft, des Art x Science Office der Universität Zürich und des Zürcher Theaterspektakels.

Proberaum Zukunft ist ein Gesellschafts- und Theaterprojekt, das seit 2017 dazu einlädt, Zukunft nicht nur zu denken, sondern zu erproben. Unter der künstlerischen Leitung von Eneas Prawdzic hat Proberaum Zukunft «Die Allianz der letzten Demokratien» konzipiert und zusammen mit einem wissenschaftlichen Beirat der Universität Zürich das Szenario entwickelt. Damit fügt sich diese sogenannte Politsimulation in den diesjährigen Schwerpunkt «Demokratie und Versammlung» des Zürcher Theaterspektakels.

Kommentare

User #3304 (nicht angemeldet)

Das Thema Wahlrecht scheint für viele linke sehr unangenehm zu sein. Sie verstehen nicht, warum jemand der sich gerade zufällig in einem land aufhält ohne dauerhaftes bleiberecht, nicht auch wählen soll

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