Mit seinem spitzbübischen Soldaten «Schwejk» gelang Jaroslav Hasek ein wahrer Geniestreich. Vor 100 Jahren erschien das erste Heft des Satireromans. Seinen weltweiten Siegeszug mit Übersetzungen in mindestens 58 Sprachen erlebte der Autor nicht mehr.
Bronzestatue von Josef Schwejk vor dem Rathaus der tschechischen Stadt Kralupy nad Vltavou. Foto: Binter Tomas/CTK/dpa
Bronzestatue von Josef Schwejk vor dem Rathaus der tschechischen Stadt Kralupy nad Vltavou. Foto: Binter Tomas/CTK/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Wer war schon einmal in Tschechien und kennt ihn nicht? Der brave Soldat Schwejk schmückt als Souvenir Biergläser und Steinhumpen.

Den korpulenten Mann mit dem gutmütigen Gesichtsausdruck kann man als Schlüsselanhänger und Filzfigur kaufen. Ein Dutzend Gasthäuser sind nach ihm benannt. Nun feiert der Schelm in blauer Uniform ein Jubiläum: Vor 100 Jahren, sehr wahrscheinlich am 14. März 1921, erschien in Prag das erste Heft des Romans «Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk».

Sein Autor, Jaroslav Hasek, war gerade aus Russland zurückgekehrt, wo er an der Seite der slawischen Brüder gegen die Mittelmächte gekämpft hatte. Den Beginn seines Romans kennt in Tschechien jedes Kind: «Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen.» So überbringt Schwejks Haushälterin die Nachricht vom Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand.

Die Bluttat in Sarajevo vom 28. Juni 1914 wird zum Auslöser des Ersten Weltkriegs, doch Schwejk fragt nur: «Was für einen Ferdinand, Frau Müller?» Mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Bauernschläue und Blödheit, ob nun echt oder gespielt, schlawinert sich Schwejk durch seine ganze k.u.k.-Militärlaufbahn. Nicht nur sein Vorgesetzter, auch der Leser fragt sich schnell: «Sind Sie so blöd?» Schwejk antwortet: «Melde gehorsamst, ich bin so blöd.»

Doch woher nahm Hasek die Inspiration für sein Paradestück des Antimilitarismus? Er sei ein sehr einfühlsamer Mensch gewesen, der auf die Menschen eingehen konnte und ihnen zuhörte, meint der Urenkel des Schriftstellers, Martin Hasek. Er betreibt in Lipnice an der Sazava eine Gaststätte - genau dort, wo Hasek in seinen letzten Lebensmonaten an den weiteren Teilen des unvollendet gebliebenen Romans gearbeitet hatte. In der malerischen Stadt unterhalb einer Burg erwarb der Autor ein Haus, starb aber im Januar 1923 mit nur 39 Jahren an Tuberkulose.

In der Familie werden bis heute kuriose Geschichten weitergegeben. Einmal habe Hasek seinen einzigen Sohn Richard in eine Kneipe mitgenommen, um ihn seinen Kameraden zu zeigen, erzählt der Urenkel. Und ihn dort prompt vergessen, als alle zur nächsten Spelunke weitergezogen seien. Manchmal sei Hasek wochenlang verschwunden, dann wieder diszipliniert gewesen. «Wenn er nur getrunken hätte, hätte er nicht so viel schreiben können», ist Urenkel Martin überzeugt.

Hasek schrieb nicht nur aus der Sicht der einfachen Menschen, er ahmte auch ihre Sprache perfekt nach. Seine erste Übersetzerin, Grete Reiner, griff im Deutschen auf den Slang der Prager Handwerker und Dienstboten zurück. Sie habe «etwas völlig Einmaliges geschaffen», meinte ein Kritiker anerkennend. Reiner wurde 1944 im deutschen KZ Auschwitz ermordet. Neuere Übersetzungen versuchen, mit unterschiedlichem Erfolg, näher am Original zu sein.

Wie der deutsche Michel muss Schwejk heute oft als Symbol der nationalen Mentalität herhalten - gerade auch in der Corona-Pandemie. «Das Problem der tschechischen Gesellschaft ist, dass wir alle Schwejks sind», sagte neulich ein bekannter Mediziner. Und kritisierte damit, dass viele Menschen die Corona-Regeln nicht einhalten und den Mundschutz unter der Nase tragen würden.

So habe Hasek das nicht gemeint, sagt der Historiker Oldrich Tuma. «Die Figur Schwejk als Symbol des Tschechentums, das ist ein Stereotyp, der sich erst später entwickelt hat», erläutert der 70-Jährige. Mit der literarischen Vorlage habe das wenig gemein. Das gelte auch für die Illustrationen Josef Ladas, die Schwejk als eine Art älteren Onkel mit Pfeife und Bierhumpen darstellen.

Wegen der Corona-Pandemie ist derzeit die Gaststätte des Urenkels Martin Hasek geschlossen. Der nimmt es gelassen. Die Gesundheit sei wichtiger als Geld. Er habe zwar keine Gäste, gönne sich aber jeden Tag selbst ein frisch gezapftes Bier. Was hätte wohl Schwejk zur Pandemie gesagt? «Wenn dieser Krieg aus ist, so komm mich besuchen», antwortet der Urenkel mit einem Zitat aus dem Ende des Romans. «Findest mich jeden Abend ab sechs beim Kalich» - der «Kelch», das ist die Prager Stammkneipe Schwejks.

Es passt zu diesem Schelmenroman, dass seine Entstehung bis heute ein Rätsel umgibt: Wann genau erschien das erste Heft - am 1., 14. oder 21. März 1921? Mit hundertprozentiger Sicherheit könne man es nicht sagen, betonte eine Expertin der Nationalbibliothek in Prag auf Nachfrage. Sie tendiere zum 14. März 1921 – ein Datum, das der grosse «Schwejkologe» Radko Pytlik und Hasek-Bibliograf Boris Medilek nennen. Dem stimmt auch Martin Hasek zu. Wie dem auch sei – der Siegeszug Schwejks war nicht mehr aufzuhalten. Bis heute ist der Roman in mindestens 58 Sprachen übersetzt worden.

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